Man kann ja immer mal sterben…

Lange Tage sind vergangen, seit die Kinder es wissen.
Das große Kind geht mit der ihm angeborenen Ruhe an die ganze Sache heran. Es gibt inzwischen Listen mit Dingen, die für das kleine Baby noch besorgt, genäht, gebastelt werden sollen. Durch und durch Kopfkind eben.

So nebenbei sah sie mich gestern an und fragte vorsichtig: „Kann es denn jetzt noch sterben, so wie damals…?“
Ich bin dankbar, dass sie von 5 nicht ausgetragenen Babys nur ein einziges mitbekommen hat. Das reicht. Das reicht wirklich für so kleine Menschen.

Ich muss nicht nach dem Schwangerschaftstest sofort zu meinen Kindern rennen und ihnen mitteilen, dass sie ein Geschwisterchen bekommen. Sie gehen teilweise unbefangener mit dem Tod um als wir, machen weiter, können ihn als naturgegeben hinnehmen und leben einfach ihr Leben mit Streit, Tränen und Lachen weiter, während wir in der Trauer hängen… aber sie können es eben _nicht_ einfach so verarbeiten.
Es bleibt auch an ihnen hängen, kleben, verfolgt sie. Je nach Temperament, je nach Charakter ganz unterschiedlich, ganz anders, aber es bleibt. Der Tod hinterlässt seine Spuren in jedem von uns.

Und als Erwachsene haben wir entschieden, dass wir Schwangerschaften erst einmal für uns behalten. Eine Fehlgeburt zu erleben, bei der man einfach nur blutet, ist ein himmelweiter Unterschied zu einer, bei der man ein kleines Kind in der Hand halten kann. Und das ist noch mal ein riesengroßer Unterschied zu einer Geburt, bei der ein normal großes Kind tot geboren wird.

Und so teilen wir ihnen die Nachricht irgendwann dann mit, wenn das Kind nicht nur gefühlsmäßig begriffen werden kann sondern eben im Falle eines Todes auch tatsächlich da ist.

Man kann sich vortrefflich darüber streiten, was nun schlimmer ist, ich mag darüber kein Urteil fällen. Es ist einfach ein Unterschied.

„Ja, es kann noch sterben.“, antworte ich also schlicht und blicke in ihre braunen Augen. Sie wendet sich kurz ab, räumt ein wenig auf ihrem Schreibtisch herum. Blickt mich wieder an. „Das wäre doof.“, sagt sie.

Ja, nicke ich. Das wäre richtig doof.

Die beiden ungleichen und doch so gleichen Zwillinge im Geiste machen sich dieser Tage einen Spaß daraus, den anderen zu übertrumpfen, wenn es darum geht, was man mit dem Baby alles nicht machen darf, wenn es erst mal bei uns ist. Der Kobold war erst 2, als die Motte zu uns kam und so wird dies sein erstes richtiges Baby.

„Man darf es nicht einfach fallen lassen“, verkündet er wichtig. „Oda mit dem Zaubastaaaab haun!“, triumphiert die Motte, während sie ungerührt weiter mit selbigem auf den großen Bruder einschlägt und Abakackadabraaa murmelt.

„Oder man darf das Baby nicht mit Gummibärchen füttern! Dann bekommt es Bauchweh!“, kreischt der Kobold, reißt den Stab an sich und setzt sich auf seine kleine Schwester.

„Die sind NUUUUR für uns!“, übertönt die Motte ihn. „Und es darf nicht allein über die Straße gehen!“, fügt sie noch keuchend hinzu, während sie ihn wieder runterschubst.

„Stimmt. Dann ist es tot.“, sagt der Kobold.

Wir schweigen alle einen kurzen Moment.

„Aber man kann ja immer mal sterben“, sagt er leise.
„So wie Uropa. Der hatte einfach zu oft Geburtstag.“

Schreibe einen Kommentar