Empathie oder Elite [wer die Wahl hat…]

Jahrgangsbeste, Jüngste, Leistungsstärkste, Begabteste, Sozialste…
Die Liste ist lang. Und das große Kind, das mir geistig so ähnlich ist, scheint einen vorgezeichneten Weg gehen zu sollen. Gymnasium, ein anspruchsvolles natürlich. Noch ein Jahr haben wir, aber seit drei Jahren stehen die Zeichen gleich. Immer die gleichen Gespräche, immer die gleichen Worte, immer, immer, immer… Mehr, mehr mehr.

Inzwischen Sonderunterricht beim Direktor, um die Stärken und Begabungen noch weiter auszubauen. Noch mehr Schule, noch mehr geistiges Futter für diesen unersättlichen und nimmermüden Geist.

Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entzündet werden müssen…

Der Satz begleitet mich schon so lange und prägt mein Verständnis von Erziehung und dem Umgang mit meinen Kindern.
Und dann ist da dieses Kind, das beim Eintritt ins Gymnasium gerade mal 9 Jahre alt sein wird. Zukünftige Elite auf Kosten einer Kindheit?
Ich komme aus einem Zuhause, in dem dies immer propagiert wurde. Ich wusste, wo mein Platz sein würde. In der Führungselite. Nur dort.

Ich brachte mit aller verbliebenen Arroganz das Abitur zu Ende, als Jüngste, zog meine Hosen runter und zeigte allen meinen nackten Hintern, den Mittelfinger und ging.
Weg. Weg von zuhause, weg von meinen Eltern, bloß weit weg von Studium und Ausbildung und allem, was immer vorgezeichnet war. Weg.
Ich fing an zu leben und ich lebte das Leben bis ans Maximum. So hoch ich flog, so tief fiel ich auch. Und doch, immer aufrecht, auch auf Knien noch. Für mich gab es nur Extreme.

Dies wurde mir von klein auf so konsequent eingetrichtert, dass mein Ausbruch mit 18 so verständlich wie verheerend war.

Meine Tochter kommt vom anderen Ende. Sie wird nicht misshandelt, nicht geschlagen, sie wird geliebt, beschützt und unterstützt in dem, was sie will und braucht. Ich weiß nicht, ich kann mir nicht einmal vorstellen, was diese umgekehrten Vorzeichen in mir ausgelöst hätten. Hätte ich meinen Weg frei gewählt? Denn das habe ich nicht.
Das Gegenteil dessen zu tun, was das Gegenüber will, zeugt von großer Abhängigkeit.

Mein Bauch schweigt still. Ich kenne die Gefahren, ich weiß, wie es ist, als Kleinste, als Beste, ich weiß, dass man irgendwann eine Strategie entwickelt um zu führen oder untergeht. Als Streber, als Arschloch. Ich war nie Streber, nie Arschloch. Ich war die Coole, die Gepiercte, die Tätowierte, die Grenzgängerin, die bei Arbeiten im Lateinleistungskurs einfach ein leeres Blatt abgab, weil das den Schnitt nur minimal beeinflusste, wenn ich mal keinen Bock hatte.

Nein, so soll es nicht sein.

Ich wünsche mir für meine Tochter sowohl optimale Bedingungen, ihr Wissen und ihren Geist zu entwickeln, wie ich ihr eine behütete Kindheit wünsche. Nicht ohne Probleme, nicht ohne Steine, aber eben doch ohne das Gefühl, gefangen zu sein und nicht wählen zu können.

Eine Umgebung, die sie fordert und die nicht nur ihr Gehirn sieht. Menschen, die sie ganzheitlich unterrichten, die einen Plan und ein Konzept und Moralvorstellungen haben.
Moralvorstellungen…
Moral ist eine Hure…

Ich bin zynisch geworden. Scheißwelt.

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