Bah.

Wie kann man sich nur so grauenhaft fühlen?

Großes Kind zu Fuß zur Schule geschickt, unser Zeitplan ist mit meinem 8maligen Ausschalten des Weckers ein wenig in Verzug geraten, würgend vor dem Kühlschrank gestanden, weil Essen so widerwärtig ist und ihr dann doch lieber Geld für den Bäcker mitgegeben.

Muss heute mal so gehen. Ob und wann ich es schaffe, die Kleinen in den Kindergarten zu bringen – keine Ahnung. Ich muss dafür das Auto nehmen und eine viertel Stunde fahren. Und pro Weg sechs Treppen bewältigen. Meine Wöchel sind keine mehr, meine Beine erinnern mich an ein schmerzhaftes  Zwischenstadium aus Elephantiasis und Jabba the Hutt.
Meine Körpermitte auch, aber die wird wohl erst nach der Geburt ihre wahre grässliche Fratze zeigen. Ich könnte zur gedanklichen Erleichterung und Depressionsbekämpfung was Lustiges über unseren Besuch bei Tagesmutter Nr.2 schreiben, aber ich würde dabei sämtliche Vorurteile über Ausländer, dumme Frauen, Hartz IV und kevinistische Namensgebung bei Kindern aus der untersten Schublade meines Gehirns kramen. Und es live zu erleben, hat mir gestern eigentlich auch schon den Rest gegeben.
Immerhin war sie … nett. Und da wir privat zahlen werden, war sie noch mal … netter. Mit Geld kann man eben alles kaufen. Auch die gute Behandlung von Kindern.

Außerdem war das gegrillte Hähnchen vermutlich schlecht, das ich in einer schlimmen Heißhungerattacke gestern eingeatmet habe. Oder es lag an dem halben Kilo Mayonnaise dazu, dass ich mich ein wenig unwohl fühle. Ich würd das Baby gerne einfach hier zuhause bekommen. Am besten nächsten Dienstagmorgen, wenn Kinder in Kindergarten und Schule sind – da haben wir sechs Stunden Zeit. Kein Problem.
Die Verzweiflung ist groß, zur Zeit. Ich kann das nicht. Ich bin nicht bereit, das Restrisiko zu tragen. Und außer mir tut es keiner. Wehenschwäche, 9. Schwangerschaft, Plazenta über der Kaiserschnittnarbe, die Erinnerung daran, wie lila die Motte nach der Geburt war, weil die Nabelschnur um ihren Hals gewickelt war… Nein. Das Herz ist schwer, weil ich mir einen Abschied wünsche. Einen Abschied von dieser Zeit – dem Kinderkriegen. Einen würdigen Abschied. Ich bekomme es nicht hin. Es ist alles furchtbar und grausam und voller Verzweiflung in mir. Ohne Halt.

Ich rudere verzweifelt mit den Armen, möchte festgehalten werden, suche meinen Fels in der Brandung und finde.. nichts. Es muss aus mir heraus kommen. Und ich finde es nicht. Es hat nichts von Selbstbestimmung, beim ersten Anzeichen von Geburtsbeginn an einen Tropf gehängt zu werden und in einen Hochleistungsmarathon der Schmerzen einzusteigen. Ich kenne normalen Wehenschmerz und ich kenne Wehentropf. Auch Dauerwehen. Die Alternative lautet, sich nach mehreren Tagen völliger Entkräftung womöglich wieder einem Kaiserschnitt aussetzen zu müssen. Nein. Nein. Nein. Nein. Dann lieber Augen zu und durch. Ich missbrauche meinen Körper. In vielerlei Hinsicht. Vielleicht ist die zwanghaft herbeigeführte Geburt das schlimmste Verbrechen an ihm. Vielleicht ist es die falsche Entscheidung. Vielleicht werde ich das nie erfahren. Vielleicht ist es einfach nur wie es ist.

Die Entscheidung, diesen Körper kein Baby mehr austragen zu lassen, schenkt mir unglaublich viel inneren Frieden. Mehr, als ich jemals für möglich gehalten habe. Die Sehnsucht – sie bleibt. Wir nehmen sie mit. Vielleicht ist es nicht unser letztes Kind, aber es ist definitiv das letzte Kind, das dieser Körper gebären wird. Diese Tatsache ist das Einzige, das mich noch Schritte vorwärts gehen lässt. Nicht mehr lange, nicht mehr viel, der Weg ist nicht mehr weit.

Ich schaffe das. Ich gehe diese letzten verdammten Schritte jetzt auch noch. Und dann darf es gut sein.

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