Kreisend.

Warum hab ich gestern nicht einfach nein gesagt? Ich wollte mir den Tag heute freihalten, einen Tag durchatmen. Hab ich aber nicht. Immerhin haben wir beim Abendbrot das Hupen ignoriert, das lang, häufig und deutlich vor unserem Haus zelebriert wurde. Ich habe mich mittags so sehr geärgert, dass ich inzwischen auf Hupen hier aufspringe, damit das Kind, das nur aus dem Auto geschoben wird, von der Straße aufsammeln kann, dass ich mir vorgenommen habe, nicht mehr wie ein pavlovscher Hund darauf zu reagieren, wenn vor dem Haus ein Auto hupt.

Wenn man ein Kind jeden Tag zu einer Familie mit vier eigenen Kindern bis abends abschieben kann dann kann man verdammt noch mal auch kurz aus dem Auto steigen und klingeln. Vielleicht sogar Hallo und Tschüss sagen. Über den Rest breiten wir mal den Mantel des Schweigens. Die Mutter kommt also rein und fragt das Kind als erstes: „Entweder du musst morgen den ganzen Tag bei Oma sein oder du kommst wieder hier her. Was willst du?“

Als nächstes dann mich, ob ich morgen Zeit habe und zuhause bin.
Das Zeit haben und das zuhause sein ist bloß nicht mein Problem.
Ich hätte lügen können. Fiel aus, weil meine Kinder dabei waren. Ich kann keine „Wir sind morgen nicht da“-Lüge benutzen, wenn ich selber Wahrheit verlange.

Ich hätte sagen können: „Nein. Ich will morgen nicht.“ Das hätte bei einer derart gestörten Persönlichkeit eine ganze Reihe von Dingen in Gang gesetzt – wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß. Sie ist in einer schwierigen psychischen Verfassung. Dazu kam, dass ihre Tochter direkt vor uns saß und sich die Schuhe anzog. Das Kind, das von wechselnden Männern über Verwandtschaft und Bekannte durch die Bank herumgereicht wird, damit die Mutter es nicht haben muss. Fiel also auch aus.

Ich will ja im Grunde auch nicht nicht. Ich fühle mich bloß reichlich überfahren. Aber auch das werde ich nicht ändern können. Ich hätte sagen können: Lass uns noch mal telefonieren. Vielleicht wäre das die beste Möglichkeit gewesen. Allerdings weigert sie sich, mir ihre Telefonnummer zu geben und selbst wenn sie sagt, sie ruft an, tut sie es nicht. Ich würde also unter Umständen bis zum nächsten Tag warten müssen und dann vielleicht (wieder) das Kind einfach vor dem Tor stehen haben, weil die Mutter schon hupend weggefahren ist.

Gedankliche Zwickmühle. Wie geht man mit jemandem um, der keinen normalen sozialen Umgang gewohnt ist? Mit jemandem, dessen Kartenhaus so wackelt, dass man auf gar keinen Fall eine Karte aus der unteren Reihe herausziehen möchte?

Wenn ich mich verweigere, wird sie einen anderen Deppen finden. Ich mach mir da nur wenig vor, ich bin ihr Mittel zum Zweck und habe mich auch sehr bewusst dafür entschieden. Vielleicht hilft es ja. Vielleicht schenkt ihr das Zeit, die sich braucht, sich zu erholen. Durchzuatmen.

Wieder Mutter sein zu können.

Für das Kind ist es (meine) Wahl zwischen Alltag in einer großen Familie und dem Herumreisen mit verschiedenen Männern, die sie als Idioten tituliert und verhassten Familienmitgliedern oder Fremden. Vielleicht wird das irgendwann einen Unterschied machen, wie ich mich heute entscheide. Da hier soweit alles rund läuft, ist es kein Problem oder eine Belastung, sie hier zu haben. Ich mag sie, meine Kinder mögen sie. Nur der erzieherische Auftrag, den ich bei Besuchskindern sonst komplett weglasse, weil es nicht meine eigenen sind, fordert mich sehr heraus, weil sie inzwischen die drei großen Kinder zu Dingen animieren will, die mir gelinde gesagt die Zornesröte ins Gesicht treiben. Sie hat kein Gewissen. Keine Wertung von richtig und falsch. Bei ihr gibt es ist okay und scheiße ich bin erwischt worden.

Ich weiß nicht, wie ich das die nächsten 5 Wochen Sommerferien handhaben will. Danach kommt sie in den Hort der Schule bis um 16 Uhr, damit sie möglichst lange weg ist. Ich frage mich einfach, was meine Rolle in dieser Sache sein soll.

Gedankenchaos.

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