Ich behandle meine Kinder schon aus Prinzip nicht gleich.
Niemals.
Sie sind vier unterschiedliche Menschen und haben es verdient, nicht als Klone gesehen zu werden.
Im Normalfall essen wir, wenn wir Hunger haben.
Da dieses Prinzip den meisten Menschen im Laufe ihrer Kindheit konsequent aberzogen wird, tanzt da auch unser Besuch nicht aus der Reihe.
Dazu kommt, dass jeder bei uns das isst, was ihm schmeckt und wonach sein Körper sich sehnt. Auch dies wird den meisten Kindern abgewöhnt.
Seit unsere Besuchskinder da sind, wird hier abgezählt.
Gummibärchen, Schokoladenkekse, Schokolade, Apfelstücke.
Penibel wird darauf geachtet, dass ja niemand mehr bekommt als der andere und dass jeder das Gleiche tun, lassen, essen, trinken darf/kann/muss.
Gegen jede Ungleichbehandlung meiner Kinder wird vehement Einspruch erhoben, ich werde beleidigt, gemaßregelt, angeschrien, dass das so nicht sein darf.
Das fängt beim morgendlichen Zähneputzen an und hört beim Haare kämmen auf.
Aber am schlimmsten ist es beim Essen. Unfair ist das Wort, das ich in den letzten zwei Wochen hier wohl am häufigsten hörte. Ich habe mir den Mund fusselig erklärt, aber es dringt nicht durch.
Nun also anders.
Als der Kobold sich gestern eine Tafel Schokolade zwischen zwei Brotscheiben klemmte und das Ganze mit in den Kirschbaum nahm, da schrien gleich zwei Kinder mit Tränen in den Augen auf und eins warf brüllend Steine nach ihm.
Der Kobold unterdessen sah etwas fassungslos vier Meter in die Tiefe und fragte, warum die beiden nicht auch etwas essen würden, wenn sie doch Hunger hätten. Das eskalierte kurze Zeit später in der Gartenküche, als die beiden ganz erbost erklärten, sie müssten nun auch eine ganze Tafel Schokolade haben. Und die anderen drei Kinder von mir auch.
Sonst wäre das unfair.
Ich händigte jedem von ihnen wortlos eine Tafel Schokolade aus dem Schokoladendepot aus und wartete. Das Tochterkind kam dazu und blickte mich leicht irritiert an, als ich ihr ebenfalls eine Tafel Schokolade in die Hand drückte. Das große Besuchskind nickte erfreut ob meiner Einsicht und sagte: „Du darfst die jetzt essen! Der Kobold hat auch eine, also müssen wir auch eine bekommen.“
Das Tochterkind antwortete, dass das ja eine alberne Regelung sei und sie diese Schokolade ohnehin nicht mögen würde. Und Hunger hätte sie auch nicht. Sie legte die Tafel zurück in den Schrank und der Kobold fiel unterdessen aus dem Kirschbaum vor den Kücheneingang und nuschelte irgendwas von „Hunger“ und kruschte sich durch den Schrank.
Er kam mit einer Packung Haferkekse wieder raus und duckte sich vorsichtshalber vor den Besuchskindern in Sicherheit.
„Isst er die etwa alle?“ Das große Besuchskind riss die Augen auf. Das Kleine krähte: „Wir auch! Wir auch!“
Ich reichte stoisch zwei weitere Packungen Haferkekse aus dem Schrank und sah neben der Gier auch das Unwohlsein. „Wenn ihr doch keinen Hunger habt, könnt ihr die Sachen ja wieder in den Schrank packen. Und wenn ihr lieber etwas anderes essen wollt, sagt einfach Bescheid.“
Ich lächelte noch einmal aufmunternd und ging aus der Küche in den Garten. Lange Zeit hörte ich gar nichts, dann das Klappern der Schranktüren.
Als sie in den Garten kamen, hatte das große Besuchskind einen Haferkeks in der Hand. Das Kleine kam zu mir auf die Schaukel gerannt und fragte, ob ich ihm nicht lieber eine Birne schälen könnte.
Die Kekse seien ja echt eklig.