Vom Weißsein

Mich ficht der hier offen zur Schau getragene Rassismus nicht wirklich an, aber ich habe den Fehler gemacht, nicht genug über meine Kinder nachzudenken. Und so kuschelte der Kobold sich heute Morgen an mich und fragte ganz leise: „Mamimaus, wir sind doch trotzdem okay, auch wenn wir weiß sind, oder?“

Ich merke, dass ich in den vergangenen Tagen nur mit dem erwachsenen Ohr gehört habe, wenn es hieß, wir Weiße könnten dies nicht und das nicht, wir könnten uns nicht richtig bewegen, nicht richtig tanzen, nicht gut klettern, hätten keine Ahnung von der Welt, wären nicht „welche von ihnen“.

Ich finde es so absurd, den Kindern mitzuteilen, dass wir Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilen, weil ich nicht mal diese Aussage dazu nutzen möchte, einen nicht existenten Unterschied zu thematisieren. Es ist nicht „okay“, dass wir weiß sind, weil man das nicht be-urteilen kann.

Es ist weder okay noch nicht okay, es ist einfach.

Vom Gleichsein

Ich behandle meine Kinder schon aus Prinzip nicht gleich.
Niemals.
Sie sind vier unterschiedliche Menschen und haben es verdient, nicht als Klone gesehen zu werden.
Im Normalfall essen wir, wenn wir Hunger haben.
Da dieses Prinzip den meisten Menschen im Laufe ihrer Kindheit konsequent aberzogen wird, tanzt da auch unser Besuch nicht aus der Reihe.

Dazu kommt, dass jeder bei uns das isst, was ihm schmeckt und wonach sein Körper sich sehnt. Auch dies wird den meisten Kindern abgewöhnt.
Seit unsere Besuchskinder da sind, wird hier abgezählt.
Gummibärchen, Schokoladenkekse, Schokolade, Apfelstücke.
Penibel wird darauf geachtet, dass ja niemand mehr bekommt als der andere und dass jeder das Gleiche tun, lassen, essen, trinken darf/kann/muss.
Gegen jede Ungleichbehandlung meiner Kinder wird vehement Einspruch erhoben, ich werde beleidigt, gemaßregelt, angeschrien, dass das so nicht sein darf.
Das fängt beim morgendlichen Zähneputzen an und hört beim Haare kämmen auf.
Aber am schlimmsten ist es beim Essen. Unfair ist das Wort, das ich in den letzten zwei Wochen hier wohl am häufigsten hörte. Ich habe mir den Mund fusselig erklärt, aber es dringt nicht durch.

Nun also anders.

Als der Kobold sich gestern eine Tafel Schokolade zwischen zwei Brotscheiben klemmte und das Ganze mit in den Kirschbaum nahm, da schrien gleich zwei Kinder mit Tränen in den Augen auf und eins warf brüllend Steine nach ihm.

Der Kobold unterdessen sah etwas fassungslos vier Meter in die Tiefe und fragte, warum die beiden nicht auch etwas essen würden, wenn sie doch Hunger hätten. Das eskalierte kurze Zeit später in der Gartenküche, als die beiden ganz erbost erklärten, sie müssten nun auch eine ganze Tafel Schokolade haben. Und die anderen drei Kinder von mir auch.

Sonst wäre das unfair.

Ich händigte jedem von ihnen wortlos eine Tafel Schokolade aus dem Schokoladendepot aus und wartete. Das Tochterkind kam dazu und blickte mich leicht irritiert an, als ich ihr ebenfalls eine Tafel Schokolade in die Hand drückte. Das große Besuchskind nickte erfreut ob meiner Einsicht und sagte: „Du darfst die jetzt essen! Der Kobold hat auch eine, also müssen wir auch eine bekommen.“

Das Tochterkind antwortete, dass das ja eine alberne Regelung sei und sie diese Schokolade ohnehin nicht mögen würde. Und Hunger hätte sie auch nicht. Sie legte die Tafel zurück in den Schrank und der Kobold fiel unterdessen aus dem Kirschbaum vor den Kücheneingang und nuschelte irgendwas von „Hunger“ und kruschte sich durch den Schrank.

Er kam mit einer Packung Haferkekse wieder raus und duckte sich vorsichtshalber vor den Besuchskindern in Sicherheit.

„Isst er die etwa alle?“ Das große Besuchskind riss die Augen auf. Das Kleine krähte: „Wir auch! Wir auch!“

Ich reichte stoisch zwei weitere Packungen Haferkekse aus dem Schrank und sah neben der Gier auch das Unwohlsein. „Wenn ihr doch keinen Hunger habt, könnt ihr die Sachen ja wieder in den Schrank packen. Und wenn ihr lieber etwas anderes essen wollt, sagt einfach Bescheid.“

Ich lächelte noch einmal aufmunternd und ging aus der Küche in den Garten. Lange Zeit hörte ich gar nichts, dann das Klappern der Schranktüren.

Als sie in den Garten kamen, hatte das große Besuchskind einen Haferkeks in der Hand. Das Kleine kam zu mir auf die Schaukel gerannt und fragte, ob ich ihm nicht lieber eine Birne schälen könnte.

Die Kekse seien ja echt eklig.

Grenzgänge [Gedankenschwere]

Wir stehen für uns auf dem Prüfstand.

Bereitschaftspflege heißt die Bezeichnung für das, was man kaum in Worte fassen kann, wenn es um das Wohl eines Kindes geht, das plötzlich aus seiner Familie herausgerissen werden muss. Schwer traumatisiert, unter Masken verborgen, alle Überlebensinstinkte vom Adrenalin so hochgepeitscht, dass die alten Wunden durch den schwersten Eingriff in eine Kinderseele – die gewaltsame Trennung von der Bezugsperson – erst einmal verschüttet werden. Und dann steht man da, nachts um halb 3, und holt ein kleines Kind von einer Polizeiwache, das eigentlich zuhause in einem kuscheligen Bett selig im Land der Träume schlummern sollte. Da ist kein Platz für Selbstzweifel, kein Raum für zu viel Nähe und erst Recht keine Zeit für Distanz, weil da ein kleiner Mensch um seine Seele kämpft.

Warten. Sehen. Annehmen.
Die eigene Hilflosigkeit, in erster Linie.
Aushalten, was kaum auszuhalten ist.
Hinsehen, wo man am liebsten die Augen schließen möchte.

Warten, wo man handeln will.

Nein, ich weiß nicht, ob ich das halten kann.

Shady as fuck

Ich kenne wirklich keine hinterhältigere, aggressivere, bösartigere Katze als diese hier.

Und ich liebe sie einfach.

[Auch nach 5 Jahren immer noch ein großes Danke an Nian für ein wunderbares Tier]

Müllgedanken

Ich habe mehrfach versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen.
Sie ist sehr freundlich und sehr abweisend.
Wenn wir sie mal außerhalb ihrer festen Rundenzeiten sehen, ist sie unglaublich schnell und entzieht sich jedem Gruß, jedem Hallo, jedem sozialen Kontakt.

Sie hält den Kopf immer weit oben und das Kinn nach vorne gereckt. Stolz, unnahbar.
Ich habe mit den Kindern darüber gesprochen, dass nicht alle Menschen, die unserer Meinung nach Hilfe benötigen, auch Hilfe brauchen. Oder wollen. Dass wir immer nur einen Teilausschnitt sehen und kein ganzes Bild.

Das ist nicht nur bei den Kindern spätestens dann wieder vergessen, wenn wir gleichzeitig mit ihrer Morgenrunde im Berufsverkehr stehen und sehen können, wie sie jeden öffentlichen Mülleimer sowie alle Mülltonnen nach Essbarem durchwühlt und Gefundenes auch sofort verzehrt. Es fällt mir sehr schwer, das einfach so stehen zu lassen.
Von Akzeptanz bin ich hier weit entfernt.

Der Kobold hatte letztens die Idee, frische Sachen zu kaufen und dann einfach ganz oben in eine Mülltonne zu legen, an der sie auf ihrer Runde vorbeikommen würde.

Ist das arrogant? Ist das eine gute Idee? Ist das total bescheuert?

Ich weiß es nicht.

Ratespiele

Das Jugendamt teilte uns letzte Woche mit, dass wir ab heute Abend zwei Gastkinder haben. Für eine Zeit x. Wissen sie selber nicht. Es können 3 Tage sein, es können auch 2 Wochen werden. Der Kindergarten meldet nach Gesprächen mit der Mutter, wir bekommen die Kinder irgendwann diese Woche. Vielleicht ist eines dann frisch operiert. Die Mutter sagt: sie weiß es noch nicht, wann sie bereit ist. Drei Treffen sind geplatzt, mein letzter Stand ist der von gestern Nachmittag, dass es wohl nicht heute wird.

Vielleicht aber doch. Vielleicht auch erst morgen. Oder übermorgen.

Ich übe mich in Langmut.

vom Helfen

Helfen ist ja an und für sich okay.
Besonders, wenn man dafür nicht aus seiner Komfortzone heraustreten muss. Und ebenfalls, wenn man Zeitpunkt, Ort und die Intensität des Helfens selber bestimmen kann. Vielleicht ist das aber gar keine wirkliche Hilfe. Vielleicht doch.

Ich persönlich weigere mich zu glauben, Hilfe sei nur etwas wert, wenn man dafür ein Opfer bringen muss. Das ist Unsinn. Manchmal reicht es aber nicht, kein Opfer bringen zu müssen und hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Sehr viele – viel zu viele – Menschen entscheiden sich an diesem Punkt dafür, in ihrer persönlichen Komfortzone zu bleiben.

Keine Zeit, keine Kraft, keine Nerven, kein Geld, keine Lust…

Vielleicht wird es für dieses Mädchen, diesen Jungen, diese Frau, diesen Mann, diesen Menschen in 20 Jahren einen Unterschied gemacht haben, dass ich heute Ja gesagt habe.

Wäre hätte würde könnte

Wäre es mir vor einem Jahr so gegangen wie heute, hätte ich anders entschieden.

Ging es aber nicht. Ich habe die für mich damals richtige Entscheidung getroffen und werde meinem Ich in der Vergangenheit verdammt noch mal so viel Respekt entgegenbringen, dass ich nicht von Reue spreche.