Zahnarzt [Vertrauen] [Meilensteine]

Nachdem alle vier Kinder schon heute früh dort waren, ging es mir heute Nachmittag an den Kragen war ich heute Nachmittag dran. Ich knautsche das Taschentuch meines Großvaters in den Händen und verdamme den  Umzug, weil ich die Metalllibelle nicht finde, die ich normalerweise dabeihabe und zittere so vor mich hin.

Er strahlt mich an. „Alles gut.“

Ich schließe gottergeben die Augen und verkrampfe mich auch nur so ein ganz kleines Bisschen auf dem Stuhl. Er muss was abschleifen und neu machen und greift nach dem Bohrer. Irgendwas fehlt.

Ich reiße die Augen auf. „Betäubung! Sie haben die Betäubung vergessen!!“ Ich spüre die Panik hochkriechen und atme.

Er legt seine Hand auf meine Schulter. „Haben Sie hier jemals Schmerzen bei der Behandlung gehabt?“

Ich schüttle stumm den Kopf.

„Sie haben immer noch so ein großes Problem mit dem Vertrauen. Es wird besser, aber Sie sind ein kleines wildes Kätzchen, das faucht und kratzt, weil es verlassen wurde.“

Der harte russische Akzent in Verbindung mit seiner sanften tiefen Stimme gibt mir den Rest. Ich spüre die Tränen und blinzle sie weg.

„Ich sage Ihnen was. Sie vertrauen mir heute. Einfach so. Weil Sie es können.“

Er zeigt auf eine Schublade.

„Dort drinnen ist genug Betäubungsmittel, um mehrere Bären zu betäuben. Wenn Sie auch nur den winzigsten Schmerz spüren, spritzen wir eine Betäubung. Nehmen Sie die Hand an meinen Arm. Sobald sie drücken, höre ich sofort auf.“

Ich atme. Mir ist unwohl, aber wenn ein Mann außer meinem eigenen Vertrauen verdient, dann dieser. 10 Minuten später ist alles vorbei und ich spüre die Welle der Euphorie, die nach jedem Zahnarztbesuch hochschwappt.

„Sehen Sie. Sie sind großartig. Vertrauen ist etwas Gutes. Sie haben das nur anders gelernt. Und jetzt müssen wir das wieder umdrehen.“

Ich brauche keinen Psychiater. Ich habe einen Zahnarzt.

Zahnarzt

Mit vier Kindern beim weltbesten Zahnarzt.

Harte russische Worte, riesige Erscheinung, Pranken wie ein Bär, gewaltig. Eine Seele wie eine Blume. Nach dem Tochterkind muss der Kobold als Nr.2 auf den Stuhl (und verflucht wie immer bei solchen Sachen die Geburtenreihenfolge) und zittert so ein bisschen vor sich hin.

Entspannt sich aber sichtlich nach einigen Momenten, als der Zahnarzt so unfassbar beeindruckt von seiner Körpergröße, seinen tollen Zähnen, seinen super Schuhen, seinen selbstgebundenen Schnürsenkeln ist…

„Und? Hast du heute schon Zähne geputzt?“

Der Sohn nickt schüchtern.

„Klasse. Und putzt du auch regelmäßig Zähne?“

Der Sohn nickt wieder.

„Weißt du denn auch schon, warum man jeden Tag mindestens einmal Zähneputzen sollte?“

Der Sohn nickt und sagt mit leisem Stimmchen:

„Weil man sonst sowas von Ärger mit Mama bekommt.“

Ich täusche hinterm Behandlungsstuhl einen Hustenanfall vor und der Zahnarzt sieht mich liebevoll grinsend an.

„Das ist nicht die schlechteste Motivation.“

Kreisend.

Warum hab ich gestern nicht einfach nein gesagt? Ich wollte mir den Tag heute freihalten, einen Tag durchatmen. Hab ich aber nicht. Immerhin haben wir beim Abendbrot das Hupen ignoriert, das lang, häufig und deutlich vor unserem Haus zelebriert wurde. Ich habe mich mittags so sehr geärgert, dass ich inzwischen auf Hupen hier aufspringe, damit das Kind, das nur aus dem Auto geschoben wird, von der Straße aufsammeln kann, dass ich mir vorgenommen habe, nicht mehr wie ein pavlovscher Hund darauf zu reagieren, wenn vor dem Haus ein Auto hupt.

Wenn man ein Kind jeden Tag zu einer Familie mit vier eigenen Kindern bis abends abschieben kann dann kann man verdammt noch mal auch kurz aus dem Auto steigen und klingeln. Vielleicht sogar Hallo und Tschüss sagen. Über den Rest breiten wir mal den Mantel des Schweigens. Die Mutter kommt also rein und fragt das Kind als erstes: „Entweder du musst morgen den ganzen Tag bei Oma sein oder du kommst wieder hier her. Was willst du?“

Als nächstes dann mich, ob ich morgen Zeit habe und zuhause bin.
Das Zeit haben und das zuhause sein ist bloß nicht mein Problem.
Ich hätte lügen können. Fiel aus, weil meine Kinder dabei waren. Ich kann keine „Wir sind morgen nicht da“-Lüge benutzen, wenn ich selber Wahrheit verlange.

Ich hätte sagen können: „Nein. Ich will morgen nicht.“ Das hätte bei einer derart gestörten Persönlichkeit eine ganze Reihe von Dingen in Gang gesetzt – wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß. Sie ist in einer schwierigen psychischen Verfassung. Dazu kam, dass ihre Tochter direkt vor uns saß und sich die Schuhe anzog. Das Kind, das von wechselnden Männern über Verwandtschaft und Bekannte durch die Bank herumgereicht wird, damit die Mutter es nicht haben muss. Fiel also auch aus.

Ich will ja im Grunde auch nicht nicht. Ich fühle mich bloß reichlich überfahren. Aber auch das werde ich nicht ändern können. Ich hätte sagen können: Lass uns noch mal telefonieren. Vielleicht wäre das die beste Möglichkeit gewesen. Allerdings weigert sie sich, mir ihre Telefonnummer zu geben und selbst wenn sie sagt, sie ruft an, tut sie es nicht. Ich würde also unter Umständen bis zum nächsten Tag warten müssen und dann vielleicht (wieder) das Kind einfach vor dem Tor stehen haben, weil die Mutter schon hupend weggefahren ist.

Gedankliche Zwickmühle. Wie geht man mit jemandem um, der keinen normalen sozialen Umgang gewohnt ist? Mit jemandem, dessen Kartenhaus so wackelt, dass man auf gar keinen Fall eine Karte aus der unteren Reihe herausziehen möchte?

Wenn ich mich verweigere, wird sie einen anderen Deppen finden. Ich mach mir da nur wenig vor, ich bin ihr Mittel zum Zweck und habe mich auch sehr bewusst dafür entschieden. Vielleicht hilft es ja. Vielleicht schenkt ihr das Zeit, die sich braucht, sich zu erholen. Durchzuatmen.

Wieder Mutter sein zu können.

Für das Kind ist es (meine) Wahl zwischen Alltag in einer großen Familie und dem Herumreisen mit verschiedenen Männern, die sie als Idioten tituliert und verhassten Familienmitgliedern oder Fremden. Vielleicht wird das irgendwann einen Unterschied machen, wie ich mich heute entscheide. Da hier soweit alles rund läuft, ist es kein Problem oder eine Belastung, sie hier zu haben. Ich mag sie, meine Kinder mögen sie. Nur der erzieherische Auftrag, den ich bei Besuchskindern sonst komplett weglasse, weil es nicht meine eigenen sind, fordert mich sehr heraus, weil sie inzwischen die drei großen Kinder zu Dingen animieren will, die mir gelinde gesagt die Zornesröte ins Gesicht treiben. Sie hat kein Gewissen. Keine Wertung von richtig und falsch. Bei ihr gibt es ist okay und scheiße ich bin erwischt worden.

Ich weiß nicht, wie ich das die nächsten 5 Wochen Sommerferien handhaben will. Danach kommt sie in den Hort der Schule bis um 16 Uhr, damit sie möglichst lange weg ist. Ich frage mich einfach, was meine Rolle in dieser Sache sein soll.

Gedankenchaos.

Diplomatie

„WARUM hast du denn jetzt geduscht, Mama? Du renovierst doch jetzt eh mein Zimmer und es ist total heiß und dann schwitzt du dabei und wirst dreckig und bekleckerst dich mit Farbe und…“

Sie wird still, als ich langsam die Augenbrauen hochziehe.

„Du …renovierst doch jetzt mein Zimmer weiter, oder? Ich mein ja nur… weil du vorhin sagtest…“

Ihre Stimme wird leiser.

„Du weißt doch, dass ich dich total liebe, oder Mami? Oder?“

Ich blinzle stoisch.

„Weißt du was? Ich geh einfach schon mal hoch in mein Zimmer während du dich jetzt in Ruhe fertig machst. Ich arbeite schon mal weiter. Ja? Ja? Ich geh jetzt einfach.“

Sie schwebt leise die Treppe hoch ich lache leise, als sie außer Sichtweite ist.

Da brüllt es von oben: „Ich weiß, dass du jetzt grinst!“

Rabenaas.

Immerhin

Wenn etwas passiert, das in der Vergangenheit schon oft passiert ist und so sehr am eigenen Selbstwertgefühl gekratzt hat wie nichts anderes, dann ist es schwer, sich aus alten Verhaltensmustern zu lösen. Umso stolzer bin ich darauf, erst einmal durchgeatmet und eine Nacht drüber geschlafen zu haben um heute bei Tageslicht die Situation noch einmal nüchterner betrachten zu können.

Das macht das Gefühl nicht sehr viel erträglicher, aber ich konnte jene Kurzschlussreaktion umgehen, die mir in der Vergangenheit selber am meisten weh getan hat.

Immerhin.

Frustration. [Hass]

Da hat man die Gefühle weitestgehend im Griff und dann kommt wieder so ein Klopfer. Natürlich kann man als strahlender Held am Telefon dem Tochterkind großzügig  50 Euro als Spende zum Schulspendenprojekt versprechen. Da das Tochterkind bereits alle gesammelten Beträge abgeben musste, haben wir zu dem Betrag, den wir ihr gaben, auch den versprochenen Betrag des Exmannes ausgelegt und mitgegeben. Er wollte das schließlich Tage zuvor sofort überweisen.

Sofort kommt ja dann vielleicht – wenn wir sehr viel Glück haben – in einigen Wochen mit dem Unterhalt, der einen dreistelligen Betrag jeden Monat zu niedrig ausfällt und deutlich unter dem Mindestunterhalt liegt. Kein Problem.

Zweifel am gewählten Weg. Immer mal wieder. Wir haben vor Jahren (und nach dem ganzen Scheiß mit Unterhaltsvorschuss und Co.) entschieden, dass wir ihn laufen lassen. Sobald wir das Jugendamt oder einen Anwalt mit im Boot haben, fängt er an zu lügen und das Kind zu manipulieren. Ich habe jahrelang ein total verstörtes Kind von Umgängen zurückbekommen und ich brauche das nicht mehr. Wirklich nicht.

Wenn eine Siebenjährige panische Angst entwickelt, weil sie nachts alleine in eine fremde Wohnung gesperrt wird, dann ist das nachvollziehbar. Für normale Menschen. Nicht für Arschlöcher.

Je weniger er zahlen muss, desto weniger will er sie sehen oder sprechen.

Vielleicht ist einfach das unser Deal.

Kinder!

„Ich schlafe noch!“, brummle ich mürrisch Richtung Tür, in der ich den Umriss des großen Tochterkindes erahne.

„Mami schau mal, meine Haare!“

Ich sehe entgeistert  auf den huschenden Umriss, der vor meinem Bett anscheinend eine Drehung macht. Minus 7 Dioptrien auf beiden Augen sind schon ne Hausnummer im nicht-sehen-können und eigentlich wissen die Kinder das auch. Ich simuliere anbetende Faszination für Tochterkinds Haare und lasse mich zurück in die Kissen sinken. Das Baby neben mir schnurcht noch friedlich und ich scheuche das große Kind mit Handbewegungen aus dem Schlafzimmer.
Ich hasse Frühaufsteher.
Fünf Minuten noch, dann klingelt der Wecker wieder.
Ich bin fest entschlossen, diese Minuten auch zu nutzen.
Es sind die einzigen ruhigen Minuten des ganzen Tages, morgens um 6 Uhr, wenn der Mann aus dem Haus ist und die Kinder noch in ihren Höhlen sind.

„Mama…“, flüstert es neben meinem Ohr. Meine Nerven werden dünner. Das ist meine Zeit.

„Kind, wenn es nirgendwo brennt oder jemand stirbt oder blutet, dann RAUS!!“

Gekicher. Ich verkrieche mich unter der Decke.

„Mama… es ist so ein wunderschöner Tag! Die Sonne scheint, es ist nur noch zweimal Schu…“

„RAUS!“

„Boah, Mama, du bist so ein Morgenmuffel!“

Meine Nerven.

Verkehrte Welt

Die beiden morgens stets gut gelaunten fröhlichen Frühaufsteher-Mädchen schlafen am ersten Ferientag noch selig in ihren Zimmern während der jeden Morgen motzende laut brüllende Kobold, der Aufstehen als seine persönliche Hölle definiert hat, deutlich vor der normalen Schul-Aufstehzeit aufgestanden ist und nun lustig mit seinem kleinen Bruder neben mir sitzt und gute Laune versprüht.

Ich möchte bitte wieder ins Bett.

HickHack

Gemeinsames Sorgerecht heißt ja für mich vor allem: Entscheidungen muss ich grundsätzlich alleine treffen und wenn es gut war, hat der Ex eine gute Entscheidung getroffen und wenn es schiefgeht, bin ich Schuld, weil ich ihn nicht mehr mit einbezogen habe. Als die Schulwahl anstand, nahmen mein Mann und ich eine Waldorfschule und das Gymnasium hier in die engere Wahl. Wir haben das kommuniziert, wollten diskutieren, als der Exmann da war, aber der erzählte nur von seiner furchtbar schlimmen Schulzeit am Gymnasium und warum er es nicht geschafft hätte und das wäre alles ganz streng und nicht kindgerecht und an der Waldorfschule würde man eh nur seinen Namen tanzen. Er lehnte also beide Vorschläge ab, lehnte eine Diskussion darüber ab und meldete sich nicht mehr.

Das Tochterkind wurde dann von uns am Gymnasium angemeldet und als die ersten Wochen rum waren, der Unterricht zwar straff und anspruchsvoll war, aber das Tochterkind weiter gute Noten nach Hause brachte und Spaß hatte, klopfte sich Ex auf die Schulter und betonte, wie gut seine Entscheidung war. Gab es mal eine Klassenarbeit, die nur mit 1- oder gar mit 2 benotet wurde, fragte der Ex besorgt, wie das denn passiert sei und ob die Schule vielleicht das Kind schikanieren würde. Aber ansonsten alles ruhig.

Das Kind brachte heute das Jahreszeugnis mit nach Hause und dort tummelt sich keine einzige Eins mehr. Nur Zweien. Sie ist jetzt also deutlich „abgerutscht“.

Da er an Zeugnistagen innerhalb einer Stunde über die Noten informiert werden möchte, telefonierten die beiden miteinander und er betonte mehrfach aufgesetzt fröhlich, dass das ja jetzt kein wirklich so schlechtes Zeugnis sei. Das könnte schlechter sein, aber keine Eins… also damit hätte er nun so gar nicht gerechnet. Ich wurde also nach dem Gespräch mit der Tochter ans Telefon gebeten und besorgt wurde gefragt, ob wir das Kind nicht besser vom Gymnasium runternehmen sollten.

Ob es persönliche Probleme hätte. Ob unser Umzug (500 Meter weiter in ein eigenes Haus) damit zu tun hätte.
(Jugendamt! Beratung! Lehrergespräche! Psychologe!)
Uffz.

Das Kind erzählte leider, dass es im nächsten Jahr öfter mal 9 Stunden haben wird und da will er jetzt erst einmal nachsehen, ob das überhaupt rechtens ist.

Immer stur lächeln und winken…

Zarte Bande

Wir sitzen mit heruntergelassenen Fenstern nebeneinander im Auto und beobachten, wer alles ankommt. Ich habe etwas abseits im Schatten geparkt, jeder muss an uns vorbei und wir sehen alles.

Bauernhoftag.

Weil wir viel zu früh da sind hat sich das große Kind nach vorne neben mich gesetzt und regt an, dass wir die Scheiben im Auto auch vorne dunkel tönen lassen, damit man sie nicht sehen kann. Es kann nur aussteigen, wenn L., M., C. oder G. da sind. Die anderen sind alle komisch. Ich seufze so ein bisschen. Innerlich.
Wir sitzen also da und nach und nach kommen die anderen Väter und Mütter mit ihren Kindern an.
Da sind die Knutschmütter, die, die noch an den Kindern herumzuppeln, hier noch mal den Rucksack richten und dort noch mal das Shirt gerade ziehen und zum Schluss das Kind richtig feucht knutschen. Gerne auch mit Wangenkneifen.

„Das find ich super. Körperliche Zuwendung muss sein. Das ist total wichtig in der Eltern-Kind-Beziehung.“, sage ich.

Das Kind verzieht angeekelt das Gesicht. „Wag dich!“

Kumpelväter. Gleich mehrere. Man erkennt sie daran, dass sie jovial herumhampeln und versuchen, so etwas wie ein Spiegelbild der sie fast überragenden Jugendlichen zu sein. Sie gehen beim Laufen locker in die Knie, wippen hipp hin und her und klopfen viel auf Schultern oder reißen die Jungs betont pseudo-stürmisch an sich und knuffen sie mit der Faust. High Five zum Abschied und schon sind sie wieder weg.

„Das ist auch nicht schlecht!“, murmle ich. „Das wirkt doch sehr jugendlich.“

„Mama. Du bist über 30. Und kein Mann. Echt mal.“

Ich verdrehe die Augen und die Supermutti der Schule betritt die Bühne.

„Mama!“, warnt mich das Tochterkind.

„Was denn?“, mache ich unschuldig und lehne mich zurück. Jetzt wird es richtig spannend. Eislaufmami. Als ihr Sohn vor einigen Wochen mal einen Tag krank war, kam sie persönlich in die Schule (mit seinem Schulranzen) und holte die Lehrerin aus dem laufenden Unterricht, um sich Unterrichtsstoff und Hausaufgaben mitteilen zu lassen. Ganz großes Kino. Sie steigt zackig aus ihrem Stadt-Geländewagen und begrüßt erst einmal alle Anwesenden mit Namen und Handschlag. Der Sohn schält sich langsam vom Beifahrersitz und hebt beim nächstbesten Kind das Bein die Hand. Es wird abgeklatscht.

Ich hebe interessiert die Augenbrauen. „Uh.“

Mutti hat einen Stapel Zettel in der Hand, den sie geschäftig durchblättert. Parallel dazu zückt sie ihr iPhone und fummelt hochwichtig irgendwas daran herum. Sie dreht sich zu ihrem Sohn um.

„Rucksack?“ Der Sohn nickt. (er hat ihn auf dem Rücken und man hätte sich die Frage wirklich sparen können, aber das wäre auch nur halb so effektvoll gewesen.) In Bootcampmanier mustert sie ihn.

„Wasserflasche mit mindestens einem Liter Wasser?“ Sohn nickt.
„Essen?“ Nicken.
„Fotoapparat?“ Der Ton wird strenger. Und lauter. Er nickt.
Inzwischen starrt jeder auf die bizarre Szenerie.
„Schreibutensilien?“ Er nickt. Ich frage mich, wann er salutieren muss.
„Dann stell heute gute Fragen!“

Das Tochterkind zieht scharf die Luft ein, als sie die Hand hebt und tatsächlich sagt: „Mach mich stolz, Sohnemann!“.

Er klatscht ein bisschen unmotiviert ab und verzieht sich zu den anderen Jungs. Wenn ich ihn mögen würde, hätte ich direkt ein wenig Mitleid. Mami blickt beifallheischend in die Runde, schüttelt ihr blondiertes Haar und steigt in ihr Auto, das alle anderen Autos am Wegfahren hindert.

„Also ICH fand den Auftritt jetzt nicht SO schlecht.“, lehne ich mich zum Tochterkind hinüber.

Sie grinst. „Oh.mein.Gott. Bis heute Mittag, Mama.“ Sie rafft Rucksack und Hut zusammen, küsst Herrn Honig ausgiebig, ignoriert meine Bestrebungen, auch geküsst zu werden und schickt sich an, aus dem Auto zu krabbeln.

„HEY!“, ich sehe sie böse an. „Wenigstens die Nummer mit dem Abklatschen, ja? Das haben mehrere gemacht! Das ist wirklich cool. Das könnten wir doch auch…?“

Ich tue so, als würde ich aus dem Auto aussteigen wollen.
Sie bekommt leichte Panik in den Augen. „Mama! Bleibst du wohl sitzen! Bleib bitte uncool, ja?“

Ich schmolle. „Du bist so langweilig.“

Sie grinst. „Ja. Und du bitte auch.“

Ich seh ihr noch nach, wie sie zu „ihrer“ Gruppe Mädchen stößt, wo sie umarmt und herzlich begrüßt wird. Als ich an ihr vorbeifahre, hebt sie unauffällig die Hand ein wenig und winkt kurz. Lächelnd.

Ich liebe dieses Kind so sehr.