Puzzleteil

Das große Kind fehlt.

Nur in solchen Momenten wird deutlich, wie sehr Familie als Gesamtkonstrukt funktioniert. Das Mottenkind, dem die große Schwester als Ausgleich zu ihrem Chaotencharakter fehlt. Der Kobold, der nicht mehr oben schlafen kann, weil es ohne die große Schwester im Zimmer nebenan viel dunkler und einsamer und unheimlicher im zweiten Stock ist.

Der närrische kleine Tuk, der heute Morgen ziemlich ratlos und mit einem leise gejammerten „Namau?“ die beiden Zimmer des Tochterkindes durchsuchte.

Mir fehlt das große Kind, wenn ich die drei „Kleinen“ zusammen spielen sehe und mein Muttergefühl spätestens beim Abendbrot mit freiem Stuhl mit aller Vehemenz einen Verlust meldet.

So Tage…

Mein Tag ist gerade mal etwas über 8 Stunden alt und ich habe bereits folgendes geschafft: ein Kind in den Kindergarten zu bringen, einen muffeligen Kobold aus dem Haus zu schieben, pädagogisch wertvoll den Panikattacken des großen Kindes entgegenzuwirken, dass der pustelige eitrige großflächige rote Hautausschlag bestimmt nicht ansteckend sei oder gar ihre Teilnahme an der Klassenfahrt gefährden würde, habe ein Baby mit zum proppevollen Kinderarzt genommen, der mit leicht entsetztem Blick nach eineinhalb Stunden Wartezeit (Ansteckungsgefahr! Kleiner Quarantäneraum ohne Spielzeug bei 35° Grad ohne Fenster) ein Buch zu Rate ziehen musste, mit den Schultern zuckte und seinen Freund, den Dermatologen anrief und ihm sagte, wir würden in einer halben Stunde in der nächsten Stadt bei ihm sein.

Natürlich würden wir auch 2 bis 3 Stunden Wartezeit mitbringen.
Selbstverständlich.

Herr Honig drehte inzwischen frei (mal ganz ehrlich, ich hab auch drei Kinder gehabt, die ich im Wartezimmer einfach für mehrere Stunden auf dem Schoß beschäftigen konnte, ohne dass sie laut waren oder durchdrehten – warum ist jetzt das vierte Kind ein absoluter Killer in dieser Hinsicht?
Rennen, springen, schreien sind seine natürlichen Verhaltensformen) und ich konnte ihn nach inzwischen mehreren Stunden Autofahrt/Arztwartezimmer/unterwegs sein auch vollkommen verstehen, denn ich hatte ebenfalls keine Lust mehr.

Das hormonlastige elfenhafte Geschöpf an meiner Seite schwankte zwischen lustigen Anwandlungen bezüglich unserer Situation und panisch-theatralischen Anfällen, dass sie bestimmt in den letzten Tagen schon die ganze Schule (wennnichtsogar! die ganze STADT!!!!) mit ihrer ekligen hochinfektiösen unbekannten SEUCHE angesteckt hätte, die unbekannt und ohne Gegenmittel innerhalb der nächsten 48 Stunden zu einer Zombieapokalypse führen würde (!!!111!!einself!!).

Uffz.

Für Unterhaltung war also gesorgt, als ich mit einem inzwischen schlafenden Herrn Honig auf dem Arm in einer völlig neumodischen Hautarztpraxis/Zentrum für Dermatologie eintraf und das Tochterkind am T-Shirt zeternd hinter mir herzog. Wir wurden von Arzthelferinnen begrüßt, die am Empfang alle (!) Mundschutz und Handschuhe trugen und das Telefon nach jedem Benutzen einmal mit Desinfektionslösung abwischten. Sehr heimelig.

Wir wurden über glänzenden Marmorfußboden gelotst und bekamen eine Nummer, die wir nicht verlieren durften. [Verlieren Sie diese Nummer auf GAR KEINEN FALL!!!] Ich traute mich nicht zu fragen, was sonst passieren würde. Lautsprecher in jedem Zimmer gaben Anweisungen, was zu tun ist. Nach langer Zeit Warten im Wartezimmer wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, in  Raum 120 zu gehen, ohne im Flur etwas zu berühren.

Nach 10 Minuten in Raum 120 verkündete der Lautsprecher, dass der Arzt innerhalb der nächsten 5 Minuten bei uns eintreffen würde, der Patient solle die betreffenden Hautregionen bitte schon einmal freimachen. Ich verstand inzwischen Gegner von Massentierhaltung etwas besser und untersagte meiner Tochter, Befehle von fremden Lautsprechern entgegenzunehmen. Einem Arzt, den ich nicht kenne, werde ich mich wohl kaum ohne Unterwäsche vorstellen. Meine Güte.

Muss er halt 20 Sekunden seiner kostbaren Zeit opfern, einem Patienten beim Ausziehen zuzusehen. Der Lautsprecher gongte laut und mit dem dritten Gongschlag schwebte ein kompett in weiß gehüllter alter Mann herein, der „hmhmhm“ machte und sich an den Computer setzte.

Dort stand aber nichts.

„Der Computer kennt Sie nicht. Wer sind Sie und warum sind Sie hier?“, er sah mich an. Ich lächelte und stellte mich und meine Tochter vor. Er wedelte ungeduldig in Kreisen mit den Händen und sagte: „Machen Sie sich doch einfach mal frei!“

Ich riss die Augen auf.

„Warum?“

Er sah mich irritiert an. „Sagten Sie nicht, Sie sind wegen Verdacht auf [komplizierter lateinischer Begriff] hier?“ Ich grinste leicht verzweifelt. Er hatte anscheinend tatsächlich nur den medizinischen Begriff aus meiner Vorstellung herausgehört. Ich entschied mich zu Kleindkindkommunikation. Ist bei manchen Ärzten ohnehin sehr viel zielführender. Ich kenne das schon.

„Das ist meine Tochter. 10 Jahre alt. SIE untersuchen sie jetzt an [mehrere Körperstellen] und erklären dabei, was Sie tun.“

Er nickt.Er scheint verstanden zu haben.

Meine Tochter zieht das erste Kleidungsstück zur Seite, da gerät der Arzt sichtlich in erregte Verzückung. Er juchzt eine Reihenfolge (es könnte auch nur ein einzelnder Krankheitsname gewesen sein) lateinischer Namen in den Raum und blitzschnell zieht er aus seinem Kittel eine Kamera, die er enthusiastisch mit Blitz mehrfach betätigt.

Die geblitzdingste Tochter kuckt etwas verzweifelt, als er lauter wohlig brummende Geräusche von sich gibt und schier begeistert bei jedem weiteren Hautflecken mehr Fotos macht.

„SO ein schönes Krankheitsbild. SO klar. SO wunderbar! Ja. Das T-Shirt jetzt mal ausziehen! Ja, genau so! Jetzt drehen! Jetzt mal nach hinten lehnen! Und nach vorne beugen!“

Ich versuche vergeblich zu erkennen ob einer der Fotografen von GnTM hinter dem Mundschutz verborgen ist und muss mir ein irres Kichern verkneifen. „JA! Super! Jetzt noch mal vor dem Fenster! Genau so!“

Das Tochterkind sieht etwas hilflos aus. Immerhin haben wir eine Diagnose und die Sicherheit, dass es nicht ansteckend ist. Ich warte auf die übliche Cortisonanordnung und drehe mich vom Tochterkind zum Arzt um. Der nicht mehr da ist.

Der Lautsprecher verkündet, dass wir uns bitte wieder anziehen sollen und beim Gong den Raum verlassen müssen, um in Zimmer 281 ein Rezept abzuholen, das dort für uns hinterlegt wurde.

Äh. Ja.

Die Zeit drängt etwas, der Kobold ist inzwischen allein zuhause, das Mottenkind muss auf dem Weg abgeholt werden, damit ich nicht gleich nochmal los muss.

Vor dem Kindergarten steht die Fleisch gewordene heimliche Fantasie der Kindergartenmuttis und da die Hühner sich flatternd um den Gockel scharen, ist es leider unmöglich, das Auto aus dem zugeparkten Parkplatz zu entfernen. Ich atme tief durch und da die Motte Mr.Kindergartenpraktikantengigolo ohnehin zum Tschüss-sagen von den Mamis wegzieht, kann ich mich auch gleich einmal vor ihm aufbauen.

Er grinst. Charmant. Sehr charmant.

Ich ignoriere 80kg pure Muskelmasse und sehr charismatische Männlichkeit  und sehe ihn eindringlich an.

„Sie sind ein wirklicher Gewinn für den Kindergarten. Ohne Frage. Aber Sie bringen die Mütter durcheinander. Ich.muss.jetzt.ausparken. Das geht NUR, wenn die ganzen aufgeregten Frauen jetzt nach Hause fahren, die mich zugeparkt haben.“

Er schlägt treuherzig die Augen auf.
Er ist verdammt gut.
Er lächelt.
Ich spüre Giftpfeile, die in meine Richtung abgeschossen werden und verdrehe die Augen.
Sein Lächeln wird breiter. „Ich mag Frauen, die wissen, was sie wollen. Sehr.“

Ich bin kurz sprachlos. Ich kenne den heiseren Unterton. Es ist lange her.
Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

„Ich bin zu alt für Sie.“, sage ich und drehe mich um.

Er geht wieder rein und der Parkplatz leert sich.
Nachdenklich steige ich ins Auto und fahre nach Hause.
Heute ist so ein Tag.

Alles klar?

Das Tochterkind fährt bald für einige Tage weit weg. Und freut sich sehr darüber. Da ich von ihr nur rudimentär über Einzelheiten informiert werde,
[Oah, Mama. Wir fahren hin. Spaß. Wir fahren wieder zurück. Wird super. Freuen uns alle sehr.]
gab es einen Elternzettel.

Darauf steht für den ersten Tag folgendes:

•          Kennenlernen der Teamer
•          Adventure-Training-Rules besprechen
•          Warming up
•          Adventure Task: Teambalance
•          Trainer-Feedback
•          Freizeit
•          Mohawk-Walk
•          Performance Check mit Jury-Trainer-Feedback
•          Adenture Task: Bogenschießen
•          Trainer-Feedback
•          Fazit
•          Zeit für Reflexion

Ich starre auf den Zettel. Die Tochter taxiert mich misstrauisch mit Blicken. Ich runzle ratlos die Stirn und sehe sie an.
„Bogenschießen hört sich doch super an!“

Sie verdreht die Augen.

[Was zur Hölle tun die da???]

Bleibt alles anders

Am Wochenende werden die Kinder wohl ihren Großvater kennenlernen.
Der hat sich nämlich kurzerhand vorhin selber zu uns eingeladen, als er mit dem Mann telefonierte.
Ich bin gespannt, wie es wird.

Da die giftspeiende Frau an seiner Seite, die hier Dinge von sich gab, für die ich jeden anderen verklagt hätte und die dafür sorgte, dass ich den Vater des Mannes zwischen all ihren Beschimpfungen gar nicht hören oder sehen konnte, inzwischen tot ist, sehe ich dem Wochenende sogar sehr zuversichtlich entgegen.
Es ist eine lange Zeit vergangen.
Mir war immer klar, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem sich die Tür Richtung Halbgeschwister meiner Kinder wieder öffnen würde.
Das passiert hiermit.
Er ist das Bindeglied.
Er wohnt mit ihnen zusammen, er ist nun bereit, die Tür auch auf die andere Seite zu öffnen.

Und da inzwischen der giftige Einfluss seitens seiner Frau wegfällt und vielleicht auch die vergangene Zeit das Ihre getan hat, ist ja vielleicht auch die Front auf der anderen Seite nicht mehr so unglaublich verhärtet, so dass wir in die Veränderung langsam hineinwachsen dürfen statt in einigen Jahren zwei pubertierende wütende Jugendliche vor der Tür stehen zu haben, die ihren Vater kennenlernen wollen.

Ich erinnere mich nur mit Ekel an die Zeit damals, in der wir so sehr auf dem Zahnfleisch gingen. Als an den Kindern gezerrt und gezogen und herummanipuliert wurde, dass irgendwann ohne Kraft für einen weiteren Lösungsversuch der Bruch kam.

Und er war endgültig und absolut. Mehr als ich jemals für möglich gehalten hatte. Ich habe in den letzten Jahren, in denen ich mühsam mit dem Exmann um so etwas wie Elternebene gerungen habe und eine Kröte nach der anderen geschluckt habe, um das Richtige zu tun und meiner Tochter ein Vorbild zu sein, oft den Mann und seine Exfrau verflucht.

Sie sind grandios gescheitert. An all den Kleinigkeiten, die nichts und dann doch alles bedeuten und an denen ich mir heute noch manches Mal die Zähne ausbeiße, wenn ich mit dem Exmann kommuniziere (n muss). Damals hatte das alles seine Berechtigung. Aber es ist so viel falsch gelaufen…

Und man kann nicht endlos weit laufen. Nicht ewig.
Der Kreis schließt sich langsam. Und das ist gut.
Ich bin gespannt.

[Und entspannt. Auch wenn ich niemals dachte, in Bezug auf dieses Thema jemals einen irgendwie gearteten Grad an Entspannung zu erreichen.]

leichte Irritationen

Wenn man das allererste Mal mit dem Mann telefoniert, mit dessen Sohn man seit 8 Jahren zusammen ist und seine erste Frage lautet:

„Wo ist mein Sohn?“

Konnte mich gerade noch innerlich davon abhalten, ihn herzlich zum Kaffeetrinken einzuladen.

[Arsen und Spitzenhäubchen]

Verständnisprobleme

Die Motte versucht ihren großen Bruder zum Tragen von lila Fußballschuhen zu überreden, weil sie die so hübsch findet.

Der Kobold druckst ein bisschen herum und formuliert dann aber sehr deutlich: „Motte, ich will die Schuhe aber nicht anziehen, weil ich es nicht mag, wenn mich die anderen Jungs wegen der Farbe ärgern.“

Die Motte schaut verdutzt und antwortet dann in beruhigendem Tonfall: „Kobold, du kannst die ruhig anziehen. Ich hab doch auch Schuhe mit lila und die Jungs haben mich noch nie deswegen geärgert, echt nicht!“

Unfruchtbarkeit

Es ist zwar relativ lange her, aber ich erinnere mich noch sehr sehr gut an das Verhalten meiner ehemaligen Schwägerin, als bei meinem Exmann die Diagnose 99%ige Unfruchtbarkeit gestellt wurde.

Aufgrund einer nicht erfolgten Mumpsimpfung und Ausbruch der Krankheit im 15. Lebensjahr. O-Ton Schwiegermutter: Naja, Kinderkrankheiten sind halt was Natürliches, wir haben da nix geimpft.

Hmhmm.

Ich erinnere mich an meine Depressionen, an die Verzweiflung, an die Gespräche, die Therapeuten, die Kinderwunschbehandlungen, die Streitereien, die Schuldzuweisungen, die Therapien, die künstlichen Befruchtungen, das Adoptionseignungsverfahren, aber vor allem erinnere ich mich an die jahrelang andauernde Verzweiflung. Den Hass auf Schwangere, auf Babys, auf Frauen, die abtrieben, auf kleine Kinder, auf Männer, auf fruchtbare Frauen, auf so ziemlich alles. Und über allem: endlose Verzweiflung.

Und ich erinnere mich sehr genau an die Reaktionen der Familie und Freunde.

„Ach, das wird schon.“

„Fahrt mal in Urlaub.“

„Versuch doch mal, an etwas anderes zu denken.“

„Such dir ein Hobby, irgendwas.“

„Entspannt euch mal.“

„Das Leben ohne Kinder ist doch auch schön.“

In 6 Jahren Leidensweg hat meine Schwägerin 3 Mal abgetrieben (1. Keine Lust auf Kinder, dafür ist sie zu jung. 2. Mal: Falscher Mann. 3. Mal: Kindstötung im 5. Monat aufgrund der Diagnose Spina bifida). Mehrere Male die Pille danach genommen (falscher Mann, falscher Zeitpunkt). Und war dabei stets mit guten Ratschlägen für mich zur Stelle.

Schwanger werden wäre ja eigentlich ganz leicht, das würde sie ja zu ihrem Leidwesen ständig feststellen. Ich müsste mich nur einfach mal entspannen. Nicht so grübeln. Nicht so verzweifelt sein…

Ich hatte Mordgedanken.
Heute ist es 16 Jahre später.
Sie ist inzwischen verheiratet und versucht seit 2 Jahren schwanger zu werden.
Bislang vergeblich.
Heute hat sie mich angerufen.
Sie weigert sich, ihre Nichte zu sehen. Meine Tochter hatte gefragt, ob sie mal für ein Wochenende zu Besuch komme könne.

Das ginge leider nicht.
Sie kann wegen ihrer Verzweiflung keine Kinder ertragen.
Auch das fast 11jährige Tochterkind nicht, das wäre einfach zu schmerzhaft.

Ich könne mir das ja gar nicht vorstellen, wie schmerzhaft es sei, so lange vergeblich zu versuchen, schwanger zu werden. Ich habe gesagt, ich würde diesen Umstand der Tochter ausrichten, mich verabschiedet und ihr in Gedanken wirklich nur das Beste gewünscht, auch wenn der Teufel auf der anderen Schulter gezuckt hat.

Achtlos

Ein paar geflüsterte Worte und ohne dass ich es hätte beeinflussen können, fallen mir heute Dinge auf, die monatelang in Vergessenheit gerieten und mit denen ich hart zu kämpfen hatte.

Ein Zucken hier, ein kritischer Blick dort, Angst.
Panik.
Gedankenkreise.

Kopfbilder, die nicht verschwinden.
Ich fühle mich so unwohl wie seit Jahren nicht mehr.