Gier

Niemand, der andere Menschen beeinflusst, sollte unter Minderwertigkeitskomplexen leiden. Es ist ein Job, in dem man seinen Selbstwert unter keinen Umständen davon abhängig machen darf, was die anderen sagen, tun oder lassen… Dieser Punkt allein ist so überlebenswichtig im Alltag, dass ich der Meinung bin, wenn man es schafft, dies zu erfüllen, wird sich alles andere fügen.

Kinder machen alles nach. Sie werden jeden Selbstzweifel, jedes Heischen nach Aufmerksamkeit, jede Wehleidigkeit, jede Aufopferung sofort übernehmen.
Mein Fraubild, mein Mannbild, mein Menschbild, meine Hoffnung, meine Verzweiflung – all das saugen sie gierig in sich auf und integrieren es in ihr Wertesystem, das die ersten Lebensjahrzehnte so labil auf die Grundmauern anderer Menschen baut, dass es kaum etwas Instabileres geben kann.

Und doch ist die Sehnsucht nach einem Lob, nach einer Wertschätzung, nach einer positiven Beurteilung in diesen seltenen Momenten so laut, schreit so verzweifelt, drängt so gierig nach außen, dass ich innehalten muss in meinem Tun.
Wer über Lob nicht erhaben ist, kann es nicht über Tadel sein.
Es zeigt mir mehr als alles andere, dass ich falsch handle.
Sobald ich nicht mehr in mir ruhe und meinen Wert für mein Selbst und meinen Wert für meine Tätigkeiten und Arbeit hier von Anderen festlegen lassen möchte, muss ich aufhören.

Für den Moment gibt es nichts Wichtigeres, als einfach aufzuhören.
Ich tue die Dinge, weil ich sie für mich als richtig erachte.
Weil ich sie für notwendig eingeschätzt habe.
Weil sie mich befriedigen.

Sobald ich nach Lob von außen trachte, entspringt mein Tun einer falschen Motivation.
Es ist Sehnsucht nach Liebe, immer.

Es ist nicht Sehnsucht nach etwas, das die Anderen einem geben können, niemals.
Nicht Gefährten, nicht Kinder, nicht Eltern.
Nur ich.

Achtsamkeit, Liebe, Respekt.

Wechselschritt [Tanzfiguren]

Rohe Eier.

„Ich fühle mich nicht gut“, flüstert sie.

„Ich bleibe in deiner Nähe“, flüstere ich zurück.

Stacheln, überschäumende Liebe, Ablehnung, Zuneigung.

Das letzte Jahrzehnt Erziehung war nicht umsonst, wenn sie mich traurig ansieht und leise sagt: „Ich liebe dich. Aber ich mag dich manchmal nicht so gerne.“

„Ja.“, nicke ich. „Ich liebe dich auch. Es ist okay.“

Herzschmerz, Sehnsucht, Loslassen, Wegschieben.

Ratlos

„Kann ich vielleicht Schokolade und ne Cola haben?“, fragt er schnaufend und auf dem Boden sitzend, als er die erste Treppe geschafft hat.

Ich biete ein Glas Wasser fürs erste an, aber er schüttelt angeekelt den Kopf.

Er keucht, 11 Stufen liegen hinter ihm und der Kobold scheucht ihn weiter, ins nächste Stockwerk, wo sein Zimmer liegt. Aber es hilft nicht. Das Besuchskind jappst nach Limonade und Kalorien und sitzt… einfach da…

„Hast du nen Fernseher in deinem Zimmer?“, schnauft er Richtung Sohn und ich frage mich, ob das wohl als Motivationshilfe dienen könnte.

„Leider nicht..“, schüttelt der Kobold bedauernd den Kopf und sieht mit traurigen Augen in meine Richtung. „Mama will das ja nicht…“

Das Jappsen wird weniger und er sieht den Kobold mitleidig an. „Dann können wir ja auch gar nichts spielen…“ Seine Augen weiten sich.

„Doch, ich hab die Ritterburg von Playmobil aufgebaut!“, freut sich der Kobold nen Ast.

„Oh. Dann bleib ich aber nicht so lange. Dann kann ich nachher zuhause noch spielen.“ [Ich habe diese Woche wirklich genug soziale Interaktionen mit anderen Menschen gehabt, liebes Leben.

Reicht jetzt.]

Renovieren, restaurieren, kernsanieren, abreißen.

Schweinchenrosa, Pink, Pflaume.

Eine Etage höher: Sand, Vanille, Aubergine.

Eine Etage tiefer: Mocca, Cappuchino.

Nebenan: Erbse, Honigmelone.

Was mir als Krönung meiner heimeligen Wunschphantasien wie ein Lustwandeln auf Wolken vorkommt, scheint eine Seele weiter einzuengen.

Tastaturklappern zu nächtlicher Stunde statt heiser geflüsterten Liebesbekundungen. Kühler Wind statt schwitzender Körper in Sommernächten.

Abschiedsbriefe, denke ich und schlafe nicht ein sondern tauche von einem Horrorszenario ins Nächste.

Notfallprogramme. Das Schönste, das meine Mutter mir über meinen Selbstwert mitgegeben hat: „Egal, wieviel Scheiße man dir antut, du fällst doch eh immer auf die Füße.“

Hart erarbeitet, hart erkauft. Zweifel. Misstrauen. Angst. Immer noch und immer wieder. Ich traue meiner eigenen Wahrnehmung so wenig wie seinen Worten.

Ich bin viel, aber nicht dumm. Den selben Fehler ein zweites Mal wiederholen? Meine Nemesis. Erinnerungen türmen sich zu Bergen, die unüberwindbar, unüberblickbar scheinen.

Was, wenn nun doch irgendwann der Abschiedsbrief… Ich schließe die Augen. Der Schmerz ist greifbar, aber nicht übermächtig.

Selbst schuld, flüstert die kleine Stimme.
Vielleicht ist es an der Zeit.

Nichts ist für die Ewigkeit.

Panik.

Absurditäten

Beim Wegbringen der Motte im Kindergarten sieht eine andere Mutter irritiert meinen großen Sohn an.

„Warum hast du deinen Sohn dabei? Ist heut keine Schule?“

– „Doch. Aber er ist krank und ich lasse ihn nicht alleine zuhause.“

Sie runzelt die Stirn und sagt zu meinem Sohn: „Dann pass mal auf, dass dich kein Lehrer sieht…“

Ich blinzle irritiert und überlege eine passende Antwort, die auch nur ansatzweise meine Empörung widerspiegelt, ohne pampig zu sein, da nimmt mir mein Sohn diese Aufgabe zwischen zwei Hustenanfällen schon ab:

„Ich bin krank. Nicht auf der Flucht.“

[mein Kobold ♥]

vom Selbst-Verständnis

Wenn es ans Sterben geht, dann wird man sich nicht dafür loben, wie wunderbar man sich aufgeopfert hat.

Wie schön man sich verleugnet hat.

Wie vielen Menschen man Gutes getan hat, während man die Hand in der Tasche zur Faust ballte.

Man wird sich fragen, was man bereut.

Privatblogs und Werbung

Es wird ja immer mal gerne mal die Parallele gezogen, dass der private Blog so etwas wie ein Wohnzimmer sei, in dem man sich auch nicht auf den Teppich kacken lassen würde, sondern ungezogene Besucher des Hauses verweisen würde.

Andersherum funktioniert das aber auch. Wenn ich bei jemandem ausdrücklich privat zu Besuch bin, mich benehme und einfach nur eine schöne Zeit verbringen möchte, dann erwarte ich auch, dass man mir nicht alle zwei Minuten eine Werbebroschüre in die Hand drückt, weil man Geld braucht.

Schütteln

Wenn das Besuchskind telefonisch angekündigt von einem „netten Onkel“ abgeholt wird, den das Kind „kennt und liebt“ und dieser Mann dann dort steht und das fünfjährige Mädchen sofort die Beine zusammenkneift, die Arme vor der Brust verschränkt und jeder Berührung ausweicht, leise nur, aber ganz klar wahrnehmbar, dann bleibt man hilflos.

Und weil ich völlig davon überrumpelt wurde und nicht sehen konnte, was mich so irritiert, blieb ich einfach neben dem Auto stehen, als er sich schon von mir verabschiedet hatte.

Sah, wie sie angeschnallt wurde und sofort eine Hand zwischen ihre Beine legte, als er am Gurt herumfummelte, ihre Beine streichelte und noch etwas gerade zog und richtete und so viel Zeit brauchte, wie ich allerhöchstens, wenn ich die Füße dafür nehmen müsste.

Das Bild sprang in meine Gedanken und ich konnte es einfach sekundenlang nicht sehen, weil es mir so unglaublich vorkam.

„Mein kleines Frauchen“, sagte er leise und mit zarter Stimme, die so gar nicht zu dem Äußeren passen wollte und sie drehte mit zusammengepressten Lippen den Kopf weg.

Was habe ich gesehen? Alles.

Was habe ich gesehen? Nichts.

Hilflos.

Verantwortung

„Du nimmst sie doch heute nach dem Kindergarten mit, oder? ODER?“, herrscht sie mich an, als hätte ich gestern versäumt, ihr einen tollwütigen neunschwänzigen Mantikor abzunehmen.

Ich nicke leicht perplex und  sehe ihre Tochter an, da schreit sie schon in ihr Handy: „Ey, Arschloch, du nimmst deinen Sohn heute, sonst wieder Jugendamt.!“

Sie legt das Handy weg und atmet einmal tief durch. „Boah. Ich bin weg. Ich bin heute Abend irgendwann bei dir.“

Äh. [Irgendwann heute Abend ist nicht unbedingt eine Abholuhrzeit, die ich für Fünfjährige gewohnt bin.]

Ich frage noch nach der Telefonnummer für Notfälle, denn ich habe weder ihre Festnetznummer noch eine Handynummer, aber da ist sie schon halb durch das Tor und winkt ab. „Mach, was du für richtig hältst.“

Äh. Ja.

Ich versuche, herauszufinden, ob ihre Tochter Mittagessen für den Kindergarten dabei hat, damit ich weiß, wann ich die beiden abhole. „Mama hat Stress.“

„Ich weiß, Süße.“ Ich lächle ihr zu. „Aber hast du Mittagessen dabei?“ „Nein, wenn Mama Stress hat, bekomme ich nichts zu essen. Ich bin eh zu dick.“