Hausfrauenorden am Band

Kiloweise Obst und Gemüse, Brot, Joghurt für die Kinder und Fleisch für den Mann heute Abend wanderte in meinen Einkaufskorb und zufrieden, dass ich bei dieser Gluthitze nicht mehr losmuss, schipperte ich noch vor (!) dem Mittag das Kindergartenkind abholen, Herr Honig hat vorgeschlafen, die Großen hatten beide hitzefrei und so bestiegen wir alle mit Eiscreme in der Waffel um 13 Uhr im Schatten den Pool mit eiskaltem Wasser und verließen ihn gerade eben erst wieder.

Nachdem ich jetzt mit dem nackten Frosch an der Hand drei Runden durchs Haus gedreht habe, bin ich mir sehr sicher, dass wir keine einzige Windel mehr haben.

Ich packe dann mal die Kinder ins Auto… *seufz*

Müll.

Wir besitzen keinen einzigen Stuhl, der nicht irgendwo am Straßenrand von uns abgeholt und aufgearbeitet wurde.

Ursprünglich war ich auch heute wieder auf Stuhlsuche, weil dieses Haus einfach zu viele Räume hat, in denen wir auch mal einen Stuhl benötigen, als ich einen alten Einzelschultisch fand, der geradezu perfekt für den Kobold und seine Hausaufgaben aussah.

Wie so oft, wenn ich mit Baby am Straßenrand Möbel ordentlich aufeinanderstaple, um an ein bestimmtes Stück heranzukommen, kam auch heute Morgen die Besitzerin nach draußen.

Langsam, auf einen Stock gestützt.

Eine graue alte Dame, die so tiefe Sorgenfalten im Gesicht hatte, wie ich das nur selten in meinem Leben gesehen habe.

„Guten Morgen!“, wünschte ich und Herr Honig grinste mit zerzaustem Lockenkopf ein bisschen hinter einem Sofa hervor.

Sie lächelte leise. „Wonach suchen Sie denn?“

Ich zeigte auf den Schultisch und nickte anerkennend. „So ein wunderbares Stück. Mein Sohn ist 7 und ich glaube, das ist genau das Richtige für ihn. Ist es okay, wenn wir ihn mitnehmen?“

Völlig überrascht blickte ich sie an, als ich ein tiefes Schluchzen hörte.

Die Tränen standen in ihren Augen und ich legte meine Hand auf ihre Schulter.

Langsam ließ sie sich auf das alte Sofa nieder, auf dem Herr Honig gerade herumturnte und ich setzte mich völlig verdutzt daneben.

Die Tränen liefen ihr inzwischen über die Wangen.

„Unser Sohn war damals auch sieben Jahre alt. Ein Rabauke. Hat die Schule gehasst. Nur Flausen im Kopf gehabt. Ein typischer Junge.“

Ich lächelte.

„Ich hab das Zimmer nach seinem Tod einfach so gelassen. Konnte die Sachen nicht wegräumen. Mein Mann hat mich immer so dafür geschimpft. Aber ich konnte nicht. Verstehen Sie das?“

Ich erstarrte. Aber ja, natürlich verstand ich.

„Und jetzt sind mein Sohn und mein Mann schon so lange tot. Und ich gehe ins Heim. Unten, in der Stadt. Kann nicht mehr in der Wohnung alleine leben. Und ich kann nur so wenig mitnehmen, wissen Sie?“

Das Schluchzen wurde lauter.

Die Autos fuhren an uns vorbei und ich hielt ihre runzelige alte Hand fest, die sich an mich klammerte.

Die Minuten vergingen.

Ich holte das Foto aus meinem Portemonnaie und reichte es ihr.

Sie wischte sich über die Augen. „Meine Güte. Vier?“ Sie schmunzelte mit tränennassem Gesicht. „Um Himmels Willen. Erzählen Sie mir von ihnen.“

Es war halb neun Uhr morgens und so saßen wir da nebeneinander auf dem Sofa auf dem Bürgersteig und erzählten von unseren Familien.

„Ich bin müde, ich gehe wieder hinein. Gott segne Sie.“, sagte sie irgendwann. strich Herrn Honig noch einmal über die Haare und stand langsam auf. Ich sah ihr gedankenverloren nach, packte den Tisch vorsichtig ins Auto und fuhr nach Hause.

Schritte

Die dauerquasselnde Mitarbeiterin meines Mobilfunkanbieters textete mich erst einmal mit den vorgegebenen Textbausteinen des Gesprächs zu, bis sie nach einem langen Luftholen erleichtert darüber, dass ich geduldig zugehört und nicht aufgelegt hatte, ihre finale Frage stellte: Ob ich bei diesen Angeboten nach 16jähriger Kundschaft vielleicht meine Kündigung noch mal überdenken wolle.

Meine Güte. 16 Jahre.

Ich lächelte und sagte: Nein.

Als sie fragte, warum ich denn kündigen würde und aus welchen Gründen ich (zur Konkurrenz) wechseln würde und dass ich doch nur ein Angebot auf den Tisch legen solle, sie würden alle diese Konditionen auch so zusichern, musste ich doch sehr schmunzeln.

Ich unterbrach sie das erste Mal in diesem Gespräch und sagte: „Ich wechsle nicht. Ich werde zukünftig ohne Handy leben.“

Es wurde stumm am anderen Ende der Leitung.

Mein Grinsen wurde breiter. Die Entscheidung fühlte sich immer noch so gut an.

Die Pause hielt an. Ich fragte: „Hallo? Sind Sie noch dran?“

„Ja… Oh mein Gott… ähm… Warum? Warum wollen Sie denn ohne Handy leben? Und Internet? Was machen Sie denn dann?“

Diese Fragen waren so bezeichnend für das, wie Menschen heute ihr Leben gestalten und was letztendlich den Ausschlag gab, meine Verträge zu kündigen.

Ich antwortete ihr, dass es sich für mich richtig anfühlen würde und nickte auch weitere Infopost des Anbieters ab, falls ich „doch noch mal Kontakt zur Außenwelt“ haben wolle, könne ich gerne wiederkommen.

Vor einigen Tagen kam meine Tochter zu mir, die mir erzählte, dass man so schlecht mit einigen ihrer Freundinnen reden könne, weil „sie ständig auf ihre Telefone starren“.

„Sie sind gar nicht mehr da, obwohl sie ja doch da sind, verstehst du, Mami? Es ist, als wäre ihr Geist im Telefon und man würde nur mit dem Körper sprechen.“

Ja, ich verstehe. Wenn echte soziale Interaktion zum Störfaktor wird.

Spuren

Schon seit Wochen begleiten sie mich.

Verbergen sich, bis sie sich in stillen Moment plötzlich offenbaren.

Der Faustabdruck in Rigips. Die Brüche, die von ihm weggehen, ganz hinten, im Zimmer oben. Meine Faust passt dort nicht hinein, der Abdruck ist zu groß.

Das verbogene Scharnier, das gesplitterte Türblatt. Massivholz. In Tritthöhe.

Die nächste Tür, die ich heute saubermachte und an der ich bestimmt schon dutzende Male vorbeigegangen bin, ohne mir die Zarge genauer anzusehen. Beim Putzen sah ich dann, dass das Schließblech mit einigen Holzteilen neu verleimt und verschraubt wurde, nachdem es ganz offensichtlich mit Gewalt aus der Zarge herausgebrochen wurde. 

Das Blut hinter der Zimmertür.

Einige Tapetenschichten weiter kommen mit Pinsel geschmierte Parolen ans Tageslicht.

Eingeritzte Hakenkreuze auf der Fensterbank. Das Puzzle liegt nicht einmal ansatzweise erkennbar auf dem Tisch und doch lässt es mich schaudern.

Alle alle.

Geld ist alle.

Deutlich vor Renovierungsende und für deutlich mehr Ungeplantes als errechnet.

Und plötzlich steht da ein dickes Minus.

Das ist jetzt schon das bislang teuerste Jahr meines Lebens.

Gartenwahn[sinn]

Beim Versuch, den Garten von einer Pflasterstein/Waschbetonplatten/Schieferplatten-Landschaft in so etwas wie eine Natur zu verwandeln, haben wir mehrere Dinge festgestellt.

Bauschutt im Garten zu entsorgen ist total praktisch (Vorbesitzer). Bis man gerne Rasen haben möchte (wir).

Große Betontreppen brauchen kein Fundament. Total albern. Man verkauft das Haus einfach, wenn die Vordertreppe wegsackt. (Spaß!)

Bei einem mehrere hundert Jahre alten Haus liegen schon noch mal ein paar Bruchsteine vom Hausbau herum.

Der Mann muss bei 150kg Stein dann auch (endlich mal) kräftetechnisch die Segel streichen, was ihn sehr empört und mich wiederum sehr amüsiert hat.

Die Vorbesitzer dieses Hauses waren vernarrt in Pflanzsteine. Warum wiegen diese hässlichen Scheißdinger eigentlich so viel? Hat jemand Interesse an gefühlten 5000 Pflanzsteinen (rot) in verschiedenen Formen und Größen? Oder an 100 Waschbetonplatten? Bruchsteinen? Roten Backsteinen? *seufz*

Metall. Lange dicke Metallstangen und Rohre in der Erde, bei denen man sich unweigerlich fragt: Ist es eine Leitung? Ein Zünder? Irgendwas wichtiges? Immer kurz davor, die Feuerwehr zu verständigen.

Wir besitzen auf nicht mal 1000 Quadratmetern ungefähr 50 rote Johannisbeersträucher. Die alle so 2 Meter hoch sind und reichlich Fruchtansatz tragen. Ich habe eigenhändig 5 davon ausgegraben und die anderen wachsen innerhalb einer Woche einfach in die Lücken nach. Wenn die Kinder dazwischen toben, habe ich oft Angst, dass eines nicht wieder nach Hause findet.

Niemand hier mag Johannisbeeren. Außer als Gelee zwischen Weihnachtsplätzchen. Ich habe noch nie in meinem Leben Gelee gekocht.

Spaß. Spaaaaß.

Anker

Es ist jetzt im Juni genau 8 Jahre her, dass ich meine letzte Tätowierung bekommen habe. Nach langen Streitigkeiten mit meinem Tätowierer, der sich anfangs schlicht weigerte, mir einen Namen in die Haut zu stechen.

Ein rauchender, fluchender und Whiskey trinkender Ire, der mit seiner Maschine herumfuchtelte und mich in einem wilden Gemisch aus Deutsch und Gälisch beschimpfte. „Ein Mann!“, sagte er und spuckte auf den Boden. „Niemals! Ich steche dir keinen Namen in die Haut, nur weil es dir einer gut besorgen kann.“ Er spuckte wieder.

Ich setzte zu einer Erklärung an, doch er ließ mich nicht ausreden.
Das Treffen war für diesen Tag gelaufen.
Ich seufzte und fuhr nach Hause.

1996 hatte er mir meine erste Tätowierung gestochen, vier Tage vor meinem 18. Geburtstag, worüber er allerdings augenzwinkernd hinwegsah. Alle meine Piercings und Tätowierungen bekam ich von ihm, einschließlich einer Menge gälischer Frotzeleien, wenn ich mich über Schmerzen beklagte, die ich selber gefordert hatte.

Einige Wochen später trafen wir uns erneut.
„Du siehst so abgefuckt aus. Lässt er dich nicht schlafen?“
Ich schüttelte den Kopf.
Nein.
Ich wünschte, es wäre so.
In Wahrheit weinte ich jede Nacht. Die Alpträume waren schlimmer als je zuvor.
Ich versuchte, arbeiten zu gehen, mich um meine Tochter zu kümmern, die Hölle auszuhalten, in die ich mich selber geschickt hatte.

Doch ich bereute nichts. Keine Sekunde.
Ich berührte Daves Unterarm, auf dem in einem Gewimmel von Tätowierungen das Wort Heidi zu lesen war. Er sah mich an.

„Das ist nicht dasselbe. Sie ist tot.“, flüsterte er leise.

„Ich werde ihn nicht wiedersehen.“, flüsterte ich zurück. „Er ist nicht… er kann nicht… es ist für ihn … anders als für mich.“

Ich sah das Mitgefühl in seinen Augen. „Nein.“
„Bitte.“
Er sah mich nachdenklich an. „Ich muss zurück in den Laden. Ruf mich an.“

Einige Tage und durchweinte Nächte später saß ich mal wieder bei ihm im Laden und sah zu, wie er einem Mädchen den Hintern tätowierte. Zwei Freundinnen hielten ihre Hände und in regelmäßigen Abständen jaulte das Mädchen vor Schmerzen laut auf.

Dave lachte nur und zwinkerte mir zu.
„Genau wie du damals.“, grinste er und ich lächelte müde zurück.
Ich fühlte mich um Jahrzehnte gealtert.
Es lagen Welten zwischen dem Ich von damals und heute.
Unbekümmert, lebenslustig, draufgängerisch, jung, risikofreudig.
Ich war nichts mehr von alledem.

Aber ich war dankbar.
Zutiefst dankbar für die Begegnung mit diesem Menschen, der meine zweite Hälfte war.

Ich hatte gefunden. Meine Seele durfte etwas berühren, das den meisten Menschen lebenslang versagt blieb. Mir war schon sehr früh nach unserer Begegnung klar, dass ich das mitnehmen würde. Mein Leben lang.Und wenn er nicht mitgehen würde, so könnte ich doch zumindest die Liebe und die Erinnerung mitnehmen. Das musste reichen.

Dave machte seine Arbeitsgeräte sauber, während drei junge Mädchen aufgeregt quiekend den bunten Hintern bewunderten und schließlich fröhlich winkend aus dem Laden hüpften.

Es wurde ganz still. Er hielt inne und sah mir lange in die Augen.

„Bist du dir sicher?“, fragte er leise.

Eine Träne lief über meine Wange.

„Ja.“

[Anne]

Worte, die sich zu Bildern auftürmen.

Schwarz, dunkelgrau, schwer, nass.

Ich spüre den Drang, sie endlich zu schreiben, weil ich es loswerden möchte, nicht, weil es noch von Bedeutung wäre, dass du mich verstehst.

Ich kann es hier nicht formulieren, es käme mir so falsch vor, weil es nicht mehr hierhin gehört. Nicht mehr, nie wieder.
Doch es treibt mich.

Ich denke ab und an noch über das Unrecht nach, das du mir getan hast, indem du mich, uns, dich auseinanderanalysiert hast. Worte, die nie dir galten, auf dich bezogen hast.

Fehlende Kommunikation, lächelt dein freudsches Ich, doch ich muss dir widersprechen. Sage ich „du bist nicht gemeint“ und kann in deiner Welt meine Aussage nur eine Lüge sein, weil es anders nicht in dein Weltbild passen würde, dann führst du Kommunikation ad absurdum.

Du als allwissendes, allsehendes Medium wolltest nie einen Partner, nur einen Spielball für dein gelangweiltes narzisstisches Ich.

Das bin ich nicht.

Chaotenpack

Ich gebe zu, ich hätte nicht gedacht, dass MaineCoon-Katzen so unfassbar schnell unfassbar so groß werden. Theorie und Praxis sind da zwei Paar Schuhe.

Und er ist noch ein Baby…

Das zarte maunzende flusig behaarte Knochenskelett, das Ostern bei uns eingezogen ist, trampelt inzwischen alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt. Morgens hat man das Gefühl, es springt ein fellüberzogener Elefant ins Bett, der dringend mal kuscheln muss. Und er ist verdammt verschmust. Da kann es schon mal vorkommen, dass in einem Anfall von Nähebedürfnis das nicht gerade kleine Baby angesprungen, am Pullover gepackt und zu Boden gerissen wird.

„Köpfchen geben“ erinnert mehr an eine Art Nahtodeserfahrung, bei der man außer viel Haaren gar nichts mehr sieht oder fühlt und bei einsetzendem Schnurren kann man sich jeden Massagesessel sparen.

Ich weiß nicht, wie oft ich dem Tochterkind in den vergangenen Wochen angedroht habe, ihren Kater zu braten, denn er ist nicht nur groß, behaart und kräftig, er ist auch ein ziemlicher Tollpatsch. Kombiniert mit einem Eineinhalbjährigen, der ebenfalls nur Mist im Kopf hat, eine tödliche Kombination. Wo das Baby nicht ankommt, springt der Kater hoch und wirft runter und was der Kater nicht öffnen kann, schaffen kleine Patschehände.

Ich pflücke die beiden also aus der Badewanne, aus dem Trockner, aus der Waschmaschine und aus dem Garten. Von Bäumen, aus Sträuchern, aus meinen Küchenschubladen und Schränken, helfe eingeklemmten Babyköpfen, die etwas dicker als Katzenköpfe sind, befreie Katzen aus Vasen, Schachteln und Kinderspielzeug und fluche viel.

Sehr viel.