Anker

Es ist jetzt im Juni genau 8 Jahre her, dass ich meine letzte Tätowierung bekommen habe. Nach langen Streitigkeiten mit meinem Tätowierer, der sich anfangs schlicht weigerte, mir einen Namen in die Haut zu stechen.

Ein rauchender, fluchender und Whiskey trinkender Ire, der mit seiner Maschine herumfuchtelte und mich in einem wilden Gemisch aus Deutsch und Gälisch beschimpfte. „Ein Mann!“, sagte er und spuckte auf den Boden. „Niemals! Ich steche dir keinen Namen in die Haut, nur weil es dir einer gut besorgen kann.“ Er spuckte wieder.

Ich setzte zu einer Erklärung an, doch er ließ mich nicht ausreden.
Das Treffen war für diesen Tag gelaufen.
Ich seufzte und fuhr nach Hause.

1996 hatte er mir meine erste Tätowierung gestochen, vier Tage vor meinem 18. Geburtstag, worüber er allerdings augenzwinkernd hinwegsah. Alle meine Piercings und Tätowierungen bekam ich von ihm, einschließlich einer Menge gälischer Frotzeleien, wenn ich mich über Schmerzen beklagte, die ich selber gefordert hatte.

Einige Wochen später trafen wir uns erneut.
„Du siehst so abgefuckt aus. Lässt er dich nicht schlafen?“
Ich schüttelte den Kopf.
Nein.
Ich wünschte, es wäre so.
In Wahrheit weinte ich jede Nacht. Die Alpträume waren schlimmer als je zuvor.
Ich versuchte, arbeiten zu gehen, mich um meine Tochter zu kümmern, die Hölle auszuhalten, in die ich mich selber geschickt hatte.

Doch ich bereute nichts. Keine Sekunde.
Ich berührte Daves Unterarm, auf dem in einem Gewimmel von Tätowierungen das Wort Heidi zu lesen war. Er sah mich an.

„Das ist nicht dasselbe. Sie ist tot.“, flüsterte er leise.

„Ich werde ihn nicht wiedersehen.“, flüsterte ich zurück. „Er ist nicht… er kann nicht… es ist für ihn … anders als für mich.“

Ich sah das Mitgefühl in seinen Augen. „Nein.“
„Bitte.“
Er sah mich nachdenklich an. „Ich muss zurück in den Laden. Ruf mich an.“

Einige Tage und durchweinte Nächte später saß ich mal wieder bei ihm im Laden und sah zu, wie er einem Mädchen den Hintern tätowierte. Zwei Freundinnen hielten ihre Hände und in regelmäßigen Abständen jaulte das Mädchen vor Schmerzen laut auf.

Dave lachte nur und zwinkerte mir zu.
„Genau wie du damals.“, grinste er und ich lächelte müde zurück.
Ich fühlte mich um Jahrzehnte gealtert.
Es lagen Welten zwischen dem Ich von damals und heute.
Unbekümmert, lebenslustig, draufgängerisch, jung, risikofreudig.
Ich war nichts mehr von alledem.

Aber ich war dankbar.
Zutiefst dankbar für die Begegnung mit diesem Menschen, der meine zweite Hälfte war.

Ich hatte gefunden. Meine Seele durfte etwas berühren, das den meisten Menschen lebenslang versagt blieb. Mir war schon sehr früh nach unserer Begegnung klar, dass ich das mitnehmen würde. Mein Leben lang.Und wenn er nicht mitgehen würde, so könnte ich doch zumindest die Liebe und die Erinnerung mitnehmen. Das musste reichen.

Dave machte seine Arbeitsgeräte sauber, während drei junge Mädchen aufgeregt quiekend den bunten Hintern bewunderten und schließlich fröhlich winkend aus dem Laden hüpften.

Es wurde ganz still. Er hielt inne und sah mir lange in die Augen.

„Bist du dir sicher?“, fragte er leise.

Eine Träne lief über meine Wange.

„Ja.“

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