So Tage…

Mein Tag ist gerade mal etwas über 8 Stunden alt und ich habe bereits folgendes geschafft: ein Kind in den Kindergarten zu bringen, einen muffeligen Kobold aus dem Haus zu schieben, pädagogisch wertvoll den Panikattacken des großen Kindes entgegenzuwirken, dass der pustelige eitrige großflächige rote Hautausschlag bestimmt nicht ansteckend sei oder gar ihre Teilnahme an der Klassenfahrt gefährden würde, habe ein Baby mit zum proppevollen Kinderarzt genommen, der mit leicht entsetztem Blick nach eineinhalb Stunden Wartezeit (Ansteckungsgefahr! Kleiner Quarantäneraum ohne Spielzeug bei 35° Grad ohne Fenster) ein Buch zu Rate ziehen musste, mit den Schultern zuckte und seinen Freund, den Dermatologen anrief und ihm sagte, wir würden in einer halben Stunde in der nächsten Stadt bei ihm sein.

Natürlich würden wir auch 2 bis 3 Stunden Wartezeit mitbringen.
Selbstverständlich.

Herr Honig drehte inzwischen frei (mal ganz ehrlich, ich hab auch drei Kinder gehabt, die ich im Wartezimmer einfach für mehrere Stunden auf dem Schoß beschäftigen konnte, ohne dass sie laut waren oder durchdrehten – warum ist jetzt das vierte Kind ein absoluter Killer in dieser Hinsicht?
Rennen, springen, schreien sind seine natürlichen Verhaltensformen) und ich konnte ihn nach inzwischen mehreren Stunden Autofahrt/Arztwartezimmer/unterwegs sein auch vollkommen verstehen, denn ich hatte ebenfalls keine Lust mehr.

Das hormonlastige elfenhafte Geschöpf an meiner Seite schwankte zwischen lustigen Anwandlungen bezüglich unserer Situation und panisch-theatralischen Anfällen, dass sie bestimmt in den letzten Tagen schon die ganze Schule (wennnichtsogar! die ganze STADT!!!!) mit ihrer ekligen hochinfektiösen unbekannten SEUCHE angesteckt hätte, die unbekannt und ohne Gegenmittel innerhalb der nächsten 48 Stunden zu einer Zombieapokalypse führen würde (!!!111!!einself!!).

Uffz.

Für Unterhaltung war also gesorgt, als ich mit einem inzwischen schlafenden Herrn Honig auf dem Arm in einer völlig neumodischen Hautarztpraxis/Zentrum für Dermatologie eintraf und das Tochterkind am T-Shirt zeternd hinter mir herzog. Wir wurden von Arzthelferinnen begrüßt, die am Empfang alle (!) Mundschutz und Handschuhe trugen und das Telefon nach jedem Benutzen einmal mit Desinfektionslösung abwischten. Sehr heimelig.

Wir wurden über glänzenden Marmorfußboden gelotst und bekamen eine Nummer, die wir nicht verlieren durften. [Verlieren Sie diese Nummer auf GAR KEINEN FALL!!!] Ich traute mich nicht zu fragen, was sonst passieren würde. Lautsprecher in jedem Zimmer gaben Anweisungen, was zu tun ist. Nach langer Zeit Warten im Wartezimmer wurden wir per Lautsprecher aufgefordert, in  Raum 120 zu gehen, ohne im Flur etwas zu berühren.

Nach 10 Minuten in Raum 120 verkündete der Lautsprecher, dass der Arzt innerhalb der nächsten 5 Minuten bei uns eintreffen würde, der Patient solle die betreffenden Hautregionen bitte schon einmal freimachen. Ich verstand inzwischen Gegner von Massentierhaltung etwas besser und untersagte meiner Tochter, Befehle von fremden Lautsprechern entgegenzunehmen. Einem Arzt, den ich nicht kenne, werde ich mich wohl kaum ohne Unterwäsche vorstellen. Meine Güte.

Muss er halt 20 Sekunden seiner kostbaren Zeit opfern, einem Patienten beim Ausziehen zuzusehen. Der Lautsprecher gongte laut und mit dem dritten Gongschlag schwebte ein kompett in weiß gehüllter alter Mann herein, der „hmhmhm“ machte und sich an den Computer setzte.

Dort stand aber nichts.

„Der Computer kennt Sie nicht. Wer sind Sie und warum sind Sie hier?“, er sah mich an. Ich lächelte und stellte mich und meine Tochter vor. Er wedelte ungeduldig in Kreisen mit den Händen und sagte: „Machen Sie sich doch einfach mal frei!“

Ich riss die Augen auf.

„Warum?“

Er sah mich irritiert an. „Sagten Sie nicht, Sie sind wegen Verdacht auf [komplizierter lateinischer Begriff] hier?“ Ich grinste leicht verzweifelt. Er hatte anscheinend tatsächlich nur den medizinischen Begriff aus meiner Vorstellung herausgehört. Ich entschied mich zu Kleindkindkommunikation. Ist bei manchen Ärzten ohnehin sehr viel zielführender. Ich kenne das schon.

„Das ist meine Tochter. 10 Jahre alt. SIE untersuchen sie jetzt an [mehrere Körperstellen] und erklären dabei, was Sie tun.“

Er nickt.Er scheint verstanden zu haben.

Meine Tochter zieht das erste Kleidungsstück zur Seite, da gerät der Arzt sichtlich in erregte Verzückung. Er juchzt eine Reihenfolge (es könnte auch nur ein einzelnder Krankheitsname gewesen sein) lateinischer Namen in den Raum und blitzschnell zieht er aus seinem Kittel eine Kamera, die er enthusiastisch mit Blitz mehrfach betätigt.

Die geblitzdingste Tochter kuckt etwas verzweifelt, als er lauter wohlig brummende Geräusche von sich gibt und schier begeistert bei jedem weiteren Hautflecken mehr Fotos macht.

„SO ein schönes Krankheitsbild. SO klar. SO wunderbar! Ja. Das T-Shirt jetzt mal ausziehen! Ja, genau so! Jetzt drehen! Jetzt mal nach hinten lehnen! Und nach vorne beugen!“

Ich versuche vergeblich zu erkennen ob einer der Fotografen von GnTM hinter dem Mundschutz verborgen ist und muss mir ein irres Kichern verkneifen. „JA! Super! Jetzt noch mal vor dem Fenster! Genau so!“

Das Tochterkind sieht etwas hilflos aus. Immerhin haben wir eine Diagnose und die Sicherheit, dass es nicht ansteckend ist. Ich warte auf die übliche Cortisonanordnung und drehe mich vom Tochterkind zum Arzt um. Der nicht mehr da ist.

Der Lautsprecher verkündet, dass wir uns bitte wieder anziehen sollen und beim Gong den Raum verlassen müssen, um in Zimmer 281 ein Rezept abzuholen, das dort für uns hinterlegt wurde.

Äh. Ja.

Die Zeit drängt etwas, der Kobold ist inzwischen allein zuhause, das Mottenkind muss auf dem Weg abgeholt werden, damit ich nicht gleich nochmal los muss.

Vor dem Kindergarten steht die Fleisch gewordene heimliche Fantasie der Kindergartenmuttis und da die Hühner sich flatternd um den Gockel scharen, ist es leider unmöglich, das Auto aus dem zugeparkten Parkplatz zu entfernen. Ich atme tief durch und da die Motte Mr.Kindergartenpraktikantengigolo ohnehin zum Tschüss-sagen von den Mamis wegzieht, kann ich mich auch gleich einmal vor ihm aufbauen.

Er grinst. Charmant. Sehr charmant.

Ich ignoriere 80kg pure Muskelmasse und sehr charismatische Männlichkeit  und sehe ihn eindringlich an.

„Sie sind ein wirklicher Gewinn für den Kindergarten. Ohne Frage. Aber Sie bringen die Mütter durcheinander. Ich.muss.jetzt.ausparken. Das geht NUR, wenn die ganzen aufgeregten Frauen jetzt nach Hause fahren, die mich zugeparkt haben.“

Er schlägt treuherzig die Augen auf.
Er ist verdammt gut.
Er lächelt.
Ich spüre Giftpfeile, die in meine Richtung abgeschossen werden und verdrehe die Augen.
Sein Lächeln wird breiter. „Ich mag Frauen, die wissen, was sie wollen. Sehr.“

Ich bin kurz sprachlos. Ich kenne den heiseren Unterton. Es ist lange her.
Ich ziehe die Augenbrauen hoch.

„Ich bin zu alt für Sie.“, sage ich und drehe mich um.

Er geht wieder rein und der Parkplatz leert sich.
Nachdenklich steige ich ins Auto und fahre nach Hause.
Heute ist so ein Tag.

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