Unfruchtbarkeit

Es ist zwar relativ lange her, aber ich erinnere mich noch sehr sehr gut an das Verhalten meiner ehemaligen Schwägerin, als bei meinem Exmann die Diagnose 99%ige Unfruchtbarkeit gestellt wurde.

Aufgrund einer nicht erfolgten Mumpsimpfung und Ausbruch der Krankheit im 15. Lebensjahr. O-Ton Schwiegermutter: Naja, Kinderkrankheiten sind halt was Natürliches, wir haben da nix geimpft.

Hmhmm.

Ich erinnere mich an meine Depressionen, an die Verzweiflung, an die Gespräche, die Therapeuten, die Kinderwunschbehandlungen, die Streitereien, die Schuldzuweisungen, die Therapien, die künstlichen Befruchtungen, das Adoptionseignungsverfahren, aber vor allem erinnere ich mich an die jahrelang andauernde Verzweiflung. Den Hass auf Schwangere, auf Babys, auf Frauen, die abtrieben, auf kleine Kinder, auf Männer, auf fruchtbare Frauen, auf so ziemlich alles. Und über allem: endlose Verzweiflung.

Und ich erinnere mich sehr genau an die Reaktionen der Familie und Freunde.

„Ach, das wird schon.“

„Fahrt mal in Urlaub.“

„Versuch doch mal, an etwas anderes zu denken.“

„Such dir ein Hobby, irgendwas.“

„Entspannt euch mal.“

„Das Leben ohne Kinder ist doch auch schön.“

In 6 Jahren Leidensweg hat meine Schwägerin 3 Mal abgetrieben (1. Keine Lust auf Kinder, dafür ist sie zu jung. 2. Mal: Falscher Mann. 3. Mal: Kindstötung im 5. Monat aufgrund der Diagnose Spina bifida). Mehrere Male die Pille danach genommen (falscher Mann, falscher Zeitpunkt). Und war dabei stets mit guten Ratschlägen für mich zur Stelle.

Schwanger werden wäre ja eigentlich ganz leicht, das würde sie ja zu ihrem Leidwesen ständig feststellen. Ich müsste mich nur einfach mal entspannen. Nicht so grübeln. Nicht so verzweifelt sein…

Ich hatte Mordgedanken.
Heute ist es 16 Jahre später.
Sie ist inzwischen verheiratet und versucht seit 2 Jahren schwanger zu werden.
Bislang vergeblich.
Heute hat sie mich angerufen.
Sie weigert sich, ihre Nichte zu sehen. Meine Tochter hatte gefragt, ob sie mal für ein Wochenende zu Besuch komme könne.

Das ginge leider nicht.
Sie kann wegen ihrer Verzweiflung keine Kinder ertragen.
Auch das fast 11jährige Tochterkind nicht, das wäre einfach zu schmerzhaft.

Ich könne mir das ja gar nicht vorstellen, wie schmerzhaft es sei, so lange vergeblich zu versuchen, schwanger zu werden. Ich habe gesagt, ich würde diesen Umstand der Tochter ausrichten, mich verabschiedet und ihr in Gedanken wirklich nur das Beste gewünscht, auch wenn der Teufel auf der anderen Schulter gezuckt hat.

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