Alles eine Frage der Organisation

Natürlich kann ich morgen um halb 12 Uhr vor dem Klassenzimmer stehen und mir persönlich (Elternzettel: das Zeugnis wird nur an die Erziehungsberechtigten (!!) und nicht an die Kinder oder Stellvertreter ausgehändigt) das Zeugnis des Kobolds abholen,

während ich gleichzeitig 25 km entfernt mein großes Kind von einem Bauernhof mitten in der Pampa (Waldweg 10 km, normale Straße 5 km, Wiesenweg 10 km) abhole, wo es Kühe fotografiert (Elternzettel: eigene (!!) Digitalkamera mitbringen) und im Dreck gewühlt hat und

selbstverständlich kann ich zeitgleich auch dem Schadensgutachter der Versicherung die Tür öffnen, der ja extra (!!) aus Münster kommt und das auch erst am Abend (!!) vorher so ankündigen kann (Memo an mich: Männer mit Beruf sind total wichtig und beschäftigt und terminlich eingebunden) und

selbstredend kann ich in der selben Zeit auch bei dem 5 km von unserem Wohnort entfernten Kindergarten an der Sommerferienabschiedsparty der Motte mitfeiern und noch einem oder mehreren Singkreisen beiwohnen, während ich das vor sich hinkränkelnde Baby seit 6 Uhr morgens nebenher bespaße.

Kein Problem.

Agonie [Frieden]

Noch vor einigen Jahren hätte ich nicht einmal eine Sekunde gezögert.
Jung, muskulös, intelligent, charismatisch, gutaussehend.
„Eine Nacht nur…“, flüstert er heiser, als ich mich von ihm verabschiede und ihm alles Gute wünsche.
Die Lust auf fremde Haut war immer da. Immer lockte das Verbotene, das Aufregende, das, was zuhause nicht zu finden war.
Große Schwänze, andersfarbige Haut, fremde Kultur, Leidenschaft, Spiel, Lust…
Er ist ein Welpe. 15 Jahre sind es und ich würde lügen, wenn ich sagte, ich wäre nicht geschmeichelt. Bin ich. Mehr als nur das.
Es gab Zeiten, da hätte ich ohne zu zögern zugegriffen. Habe ich.

Ich bin in bislang jeder Beziehung fremdgegangen.
Ohne Reue.
Das Leben ist kurz. Viel zu kurz.
Ich habe mir geschworen, auf meinem Sterbebett nur einen einzigen Satz zu sagen:

Ich bereue nichts.

Das muss man allerdings auch leben.
Man muss es sich trauen – jenseits aller Moral, aller Bedenken, aller anerzogenen Werte sein eigenes Bedürfnis zu erkennen.
Und dazu Ja sagen.
Ob ich alt geworden bin, fragte ich mich, als ich in diese hellen jungen blauen Augen sah und leise lächelnd ein letztes Mal den Kopf schüttelte.
Ich fand die Antwort heute erst Stunden später, als mein eigener Mann von der Arbeit nach Hause kam, mich wie jeden Tag seit 8 Jahren besitzergreifend packte, mich küsste und ich die Härte und Erregung seines Körpers an meinem spüren konnte.

Alles wonach ich mich jemals gesehnt habe vereint dieser Mann auf sich und ich darf ihn besitzen und gehöre ihm.

Nein. Ich bin nicht alt geworden.

Ich bin angekommen.

Schuppen [Anne]

Ich brauche deine Seele nicht, um mich zu spüren.
Dein schwarzes Eis lockt so laut, so verführerisch.
Rot, schwarz, violett. Tiefdunkel leuchtend.
Tiefe, die Leben beinhaltet.
Aber nicht mein Leben.
Kein Hass mehr. Aber auch keine Liebe.
Du bist nicht gut für mich.
Du bist großartig.
Vergessen? Niemals.

Leb wohl. Es war so schön mit dir. ♥

Idiotie

Wenn mein einjähriger Sohn fröhlich zur Treppe zum Kindergarten läuft und direkt neben einem Papi und zwei Mamis auf das Steinpflaster fällt und laut kreischend liegenbleibt, dann werde ich schnell. Ich gehöre zu den Müttern, die zwar auch erst einmal abwarten, ob es überhaupt weh tut, aber es gibt diese Schreiintensität, bei der jeder Mensch laufen sollte. Schnell. Sofort.

Der Papi unterdessen lacht los und tönt laut vor den anwesenden Frauen: „Na los, steh wieder auf! Ein echter Indianer kennt kein Schmerz!“

Ich ignoriere ihn und hebe mein Kind vorsichtig an. Es kreischt. Hoch, ununterbrochen. „Der hat doch nix! Nicht immer gleich hingehen!“, sagt die Mutti, die daneben steht. Mein Sohn holt Luft und das Blut läuft ihm aus dem Mund. Schwallweise. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie sie alle einen Schritt zurückweichen. Niemand sagt mehr etwas.

Ich drücke meinen Sohn erst einmal an mich und wiege ihn hin und her, während ich Gesicht und Mund untersuche. Lippe der Länge nach aufgeschlitzt, Zahn halb gespalten, Stück abgebrochen.

Ich scheuche die Motte hoch, damit ich in die Kindergartenküche komme, wo ich ihn hinlegen, saubermachen und die Blutung stillen will.

Der Papi berührt mich an der Schulter.
Ich muss mich beherrschen, nicht zuzuschlagen.
Meine Maske ist so dünn, dass ich meine natürliche Aggression und meinen Jähzorn kaum noch disziplinieren kann.

Das Schluchzen meines Sohnes hält mich in der Welt.
Er hat erschöpft den Kopf an meine Schulter gelegt.
Das Blut läuft meinen Arm entlang und tropft auf den Boden.

„Kannst du vielleicht dein Auto eben noch etwas umparken, dass ich loskann? So wie du jetzt stehst, muss ich rückwärts… „

„Nein.“

Ich drehe mich um und gehe die Treppe hoch, während er zusammenhangloses Zeug stammelt. Es interessiert mich nicht.

Nicht schreien, nicht beleidigen, nicht schlagen, nicht töten…
Das Mantra wiederholt sich automatisch.
Kind wiegen, trösten, nicht gewaltätig werden.
Programme und Instinkt kämpfen erbittert miteinander.

Die Mutter gewinnt.

Eine halbe Stunde später ist sein Auto nicht mehr zu sehen, als ich mit einem fast schlafenden Baby voller Blutflecken wieder nach Hause fahre.

Wenn vielleicht jemand für den weiteren Tagesverlauf die Idioten von meinem Montag entfernen könnte?

Vor den Kopf gestoßen

Fünf Tage Klassenfahrt mit Gleichaltrigen und anscheinend völliger Narrenfreiheit haben einen Entwicklungsschub ausgelöst, der hier wohl mehrere Monate gebraucht hätte. Und so stehe ich seit drei Tagen vor diesem Wesen, das mir so vertraut scheint und so fremd ist. Mühsam nur meine eigenen Verwirrtheitsgefühle beherrschend, die mich mal 25 Jahre zurück katapultieren und mal in einer ungewissen Zukunft verharren lassen, die so … anders … zu sein schien.

Will sie nicht gängeln und doch ist die Nicht-Reaktion die Schwerste. Immer noch, immer wieder. Ich kann kaum nichts sagen, weil es mich so verrückt macht. Also beiße ich mir auf die Zunge. Immer und immer wieder, wissend, dass die Situation vorbei geht, dass Verwirrung über eine verwirrte Mutter immer noch besser ist als das Schwert, das Worte hervorholten und sie kleinhalten würde. Es fällt schwer.

Schwer, die Führung abzugeben. Ich wurde dafür nicht gemacht.
Das quietschende Stimmchen, das die Unsicherheit verrät und auch die Nähe zu den Tränen der eigenen Verwirrung hilft ein wenig. Heute zumindest. Eine normale Frage, die sofort das eben noch vor Selbst-Bewusstsein strotzende überhebliche Wesen zum Kleindkind schrumpfen lässt. Ratlosigkeit. Verwirrung. Wut.

Gratwanderungen.

Wilde Kerle

Es ist dem Kobold wirklich und wahrhaftig unangenehm, wenn die Motte jedem stolz erzählt, dass ihr großer Bruder ab dem Sommer beim Fußball endlich in der „Elfen-Jugend“ spielen würde.

Sie bekommt dann so rote Bäckchen und lächelt stolz und verliebt und verträumt vor sich hin – und man sieht richtig, wie vor ihrem inneren Auge flatternde zartgetönte ätherische Wesen in versunkenem Ballspiel über ein saftig grünes Spielfeld schweben – bis das peinlich berührte Gemotze des Kobolds sie erreicht:

„Boah! F-Jugend, Motte. Nicht Elfen-Jugend!!!“

Stille Post.

Der Sohn und sein Freund spielen StarWars. Selbstredend ohne dass einer von beiden jemals irgendetwas zum Thema gesehen oder gelesen hat. Sie spielen also auf Verdacht nach Hörensagen und werfen mit Fachbegriffen um sich, die sie nicht zuordnen können.

„Ich bin dein Jedimeister, Lukas!“, brüllt es durch den Garten.

Einer muss immer „Lukas“ sein, der andere muss „Dark Feder“ spielen.

Ich grinse stillschweigend vor mich hin und lasse sie spielen, bis ich abends am Zimmer der Motte, die mittags nicht mit den Jungs mitspielen durfte,  vorbeikomme und sie mit einem Schwert vor dem Kater stehen sehe, der sie interessiert ansieht.

Sie hebt das Schwert und keucht mit dunkler heiserer Stimme:

„Ich bin der Jägermeister, Lukas!“

Steine, die liegenbleiben

Habe heute lange mit dem Mann gesprochen, der das Herz meiner Tochter so sehr bewegt.
Er ist kein Vater.
Noch ist er nur ein junger Mann, er kann es nicht in all seiner Tragweite verstehen.
Und doch hielt er sich großartig.
Ich sah die Tränen der Rührung, die ihm in die Augen stiegen.

Sah meine wilde wunderbare kleineTochter, die hemmungslos weinend in seinen Armen lag. Schluchzend, schreiend, nicht wahrhaben wollend, dass seine Praktikantenzeit im Kindergarten zuende ist.

Ich wünschte… ich wünschte, ich könnte…
Ich kann nicht. Ich darf nicht.
Muss an ihrer Seite bleiben, während sie den Weg selber geht.
Herzschmerz.

Wer das Wasser hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen…

Die Vorbesitzer konnten keine Elektroleitungen legen.
Sie konnten keinen Fußboden verlegen.
Sie hatten keine Ahnung von Pflanzen oder Gartenbefestigungen.
Und – ganz neu: Sanitärinstallationen konnten sie auch nicht.

Das gesamte Duschwasser aus dem Bad oben läuft mangels vernünftiger Anschlüsse durch den Abfluss unter die Fliesen des Badezimmers in die Verlegeplatten, zwischen den Verlegeplatten hindurch in die Dämmung der Zwischendecke und tropft dann am Lampenkabel entlang in die darunter liegende Waschküche.

Nach einem hysterischen Anfall meinerseits heute morgen um halb sieben Uhr nahm der Mann sich einen Tag Urlaub, kam nach einer halben Stunde Arbeit wieder nach Hause und riss erst einmal die Zwischendecke heraus.

Was wir jetzt sehen können, darf in den nächsten Tagen die Versicherung begutachten. Alles nass, alle Verlegeplatten durchgeweicht und löchrig. Wir werden das ganze Badezimmer im ersten Stock rausreißen müssen. Alle Fliesen, der ganze Fußboden. Hoffe, dass die Eichenbalken unversehrt sind.

[Immerhin ist keiner mit der Dusche eine Etage tiefer geknallt. Auch schon mal was.]