Wenn mein einjähriger Sohn fröhlich zur Treppe zum Kindergarten läuft und direkt neben einem Papi und zwei Mamis auf das Steinpflaster fällt und laut kreischend liegenbleibt, dann werde ich schnell. Ich gehöre zu den Müttern, die zwar auch erst einmal abwarten, ob es überhaupt weh tut, aber es gibt diese Schreiintensität, bei der jeder Mensch laufen sollte. Schnell. Sofort.
Der Papi unterdessen lacht los und tönt laut vor den anwesenden Frauen: „Na los, steh wieder auf! Ein echter Indianer kennt kein Schmerz!“
Ich ignoriere ihn und hebe mein Kind vorsichtig an. Es kreischt. Hoch, ununterbrochen. „Der hat doch nix! Nicht immer gleich hingehen!“, sagt die Mutti, die daneben steht. Mein Sohn holt Luft und das Blut läuft ihm aus dem Mund. Schwallweise. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie sie alle einen Schritt zurückweichen. Niemand sagt mehr etwas.
Ich drücke meinen Sohn erst einmal an mich und wiege ihn hin und her, während ich Gesicht und Mund untersuche. Lippe der Länge nach aufgeschlitzt, Zahn halb gespalten, Stück abgebrochen.
Ich scheuche die Motte hoch, damit ich in die Kindergartenküche komme, wo ich ihn hinlegen, saubermachen und die Blutung stillen will.
Der Papi berührt mich an der Schulter.
Ich muss mich beherrschen, nicht zuzuschlagen.
Meine Maske ist so dünn, dass ich meine natürliche Aggression und meinen Jähzorn kaum noch disziplinieren kann.
Das Schluchzen meines Sohnes hält mich in der Welt.
Er hat erschöpft den Kopf an meine Schulter gelegt.
Das Blut läuft meinen Arm entlang und tropft auf den Boden.
„Kannst du vielleicht dein Auto eben noch etwas umparken, dass ich loskann? So wie du jetzt stehst, muss ich rückwärts… „
„Nein.“
Ich drehe mich um und gehe die Treppe hoch, während er zusammenhangloses Zeug stammelt. Es interessiert mich nicht.
Nicht schreien, nicht beleidigen, nicht schlagen, nicht töten…
Das Mantra wiederholt sich automatisch.
Kind wiegen, trösten, nicht gewaltätig werden.
Programme und Instinkt kämpfen erbittert miteinander.
Die Mutter gewinnt.
Eine halbe Stunde später ist sein Auto nicht mehr zu sehen, als ich mit einem fast schlafenden Baby voller Blutflecken wieder nach Hause fahre.
Wenn vielleicht jemand für den weiteren Tagesverlauf die Idioten von meinem Montag entfernen könnte?