Chemie

Es passt. Immer noch. Trotz einjähriger Pause.

Gerade haben die beiden eigenmächtig die Eltern des Besuchskindes angerufen und die Besuchszeit um 2 Stunden nach hinten verlängert.

Und nun sitzen da zwei lange schlaksige Mädchen gemeinsam mit einer Katze in 6 Metern Höhe im Kirschbaum und sind so vertraut, wie ich mir das für mein Kind und eine Freundin immer gewünscht habe.

Danke.

Wir werden alle sterben.

Sie war die ganze Grundschule hindurch die beste Freundin des Tochterkindes.

Das erste Mal traf ich sie auf der Party zum 6. Geburtstag meiner Tochter in der ersten Klasse. Große traurige Augen, die von unten zu mir hinaufsahen und alles Leid dieser Welt zu verkünden schienen. Das erste, das sie zu mir sagte, war nicht „Hallo“ oder irgendetwas, es war: „Ich habe letztens geträumt, dass ich zu Tode gewürgt werde. Das ist kein schöner Tod.“

Äh.

Ich war mittelmäßig irritiert, gewöhnte mich aber im Laufe der Jahre an sie. Dunkle Haare, große blaue Augen, immer hängende Mundwinkel und ein Wesen wie Wednesday Addams in ihren besten Momenten. Nachdem sie nicht mit auf das Gymnasium durfte und in einer Ganztagsschule untergebracht wurde, verlor sich der Kontakt, bis wir sie gestern im Supermarkt trafen, als sie versuchte, ihren großen Bruder von hinten zu Fall zu bringen.

Heute ist sie hier.

Ich war gerade dabei, das Kinozimmer zu streichen, als sie mit dem Tochterkind eintrat und ihr Gesicht sich aufhellte. Man kann auch freundlich die Mundwinkel nach unten ziehen, wie ich bemerkt habe.

„Schwarz wie der Tod und rot wie Blut. Hallo.“

Sie war gerade drei Wochen am Meer bei schönstem Sonnenschein und ihre Haut ist so weiß wie ein Bettlaken. Ich habe seit ihrer Ankunft aus dem Zimmer der Tochter, aus dem bei Besuch immer reichlich lautes Gekicher und Gekreische ertönt, exakt nichts gehört. Gerade kam sie die Treppe runter und bog Richtung Badezimmer ab. Nicht, ohne innezuhalten und mich lange starr zu fixieren.

Ich fragte leicht amüsiert: „Na, lebt ihr noch?“ und merke mit dem ersten Wort auch schon, dass die Frage falsch ist.

Sie stand dort und antwortete leise, langsam und nachdenklich: „Ja. Noch. Aber wir werden alle sterben. Irgendwann. Einige früher, einige später.“

[So ein Herzchen.]

Verhältnismäßigkeit

Das Mottenkind kam leider heute gleichzeitig mit dem Kind an, das voller Stolz erzählte, dass es für den gestern rausgefallenen Zahn ein Barbieschiff bekommen hätte. Und dass der nächste schon wackeln würde und sie dann einen Kindercomputer bekäme. Und beim Zahn danach würde sie sich wieder was bei der Zahnfee „bestellen“.

Leider leider hat das Mottenkind aktuell einen Wackelzahn und bekam große Augen.

„Boah, Mami! DAS machen wir auch! Das hört sich super an! Ich reiß den Zahn heute raus und dann bestelle ich mir auch was bei der Zahnfee!“ [Was hat die blöde Elfe? Einen Versandhandel??]

Ich sehe mein Kind an, das unser Prozedere mit ausgefallenen Zähnen sehr wohl sehr gut kennt und sage kurz und knapp: „Nein.“

Die Augen werden groß und die Körperhaltung verrät den Beginn eines ausgewachsenen Wutanfalls, bei dem ich sehr schlecht wegkommen werde. Ich wappne mich innerlich, sehe sie aufmerksam an und setze mich. Es kommt das volle Programm mit hassen, nie-darf-ichs, immer-verbietest-dus und unfairs und gemeins.

Das Ganze in orkanartiger Lautstärke und mit erboster Körperhaltung, Fäusten, die in die Seite gestemmt werden und theatralischen Kullertränen (sie muss mit zunehmendem Alter allerdings öfter die Augen zusammenkneifen, damit das klappt).
Ich sehe ihr stumm in die Augen, höre zu und warte.
Eine Erzieherin hatte sich in der Zwischenzeit neben mich gesetzt und aus dem Gruppenraum steckten 4 Kinder ihren Kopf aus der Tür und starrten die Motte fassungslos an.
Das Publikum tat das Seine und brachte die Motte nach einiger Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Sie richtete sich würdevoll zu ihrer ganzen Größe auf, zog ihr Herzchen-T-Shirt zurecht, warf die Haare nach hinten und kam zu mir.
„Dann.eben.nicht.“, verkündete sie motzig.
Ich nickte zustimmend und verabschiedete mich. „Ich liebe dich.“

Sie drehte sich sich auf dem Weg in den Gruppenraum noch einmal um, hob das Kinn und reckte es trotzig nach vorne. „Ja. Ich liebe dich auch.“

Ich sehe die Mutter noch einmal, als ich in der Küche das Mittagessen in den Kühlschrank bringe.

„Da hat aber jemand einen großen Wutanfall bekommen, hm?“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und antworte: „Naja, sie war ja auch sehr wütend. Das ist okay.“

Sie grinst mich schief an und sagt entschuldigend: „Wir haben D. gesagt, sie bekommt was beim ersten Zahn. Und jetzt will sie aber bei jedem Zahn etwas haben. Und immer so große Sachen. Und sie hört gar nicht zu. Deswegen können wir jetzt auch nichts mehr daran ändern.“

Achso. Nein. Natürlich nicht.

Magie [Liebe]

Dieser Tag verläuft seit neuneinhalb Stunden absolut katastrophal.
Nichts verläuft wie geplant, nichts funktioniert wie es soll, keiner macht, was ich sage
Und doch …  als der Großvater und der Vater meiner Kinder draußen lachend nebeneinander im strömenden Regen stehen und den Grill unter dem kaputten großen Sonnenschirm bewachen während vier Kinder um sie herum durch den Regen tollen, da stehe ich still und dankbar unter der großen Buche und sehe diese beiden so gleichen Männer an, die sich vor 8 Jahren das letzte Mal gesehen haben und seit einigen Wochen so viel nachholen.

Ich erhasche einen kurzen Blick auf meinen eigenen Mann in 30, 40 Jahren und mir gefällt, was ich sehe. Sehr.
Ich sehe die Unsicherheiten auf beiden Seiten. Die fragenden Blicke. Die Sehnsucht. Die Männlichkeit. Zärtlichkeit. Jedes Mal. Immer wieder.
Mein Herz quillt über vor Dankbarkeit, diese Momente miterleben zu dürfen. Und meine Gedanken wandern kurz zu der Frau, die meinen Mann geboren hat.

So abscheulich sie auch war, ich wünsche ihr, dass sie irgendwo da draußen ihren Frieden gefunden hat. Als ich ihm auch dieses Mal wieder etwas zu essen mitgebe, sieht er mir lächelnd in die Augen und fragt leise: „Ich bewahr die Schüssel wieder auf bis zum nächsten Mal, ja?“

Ich lächle und nicke.

Beim Abschied ergreife ich seine Hand und kann der Ähnlichkeit zu meinem Mann kaum widerstehen.

Seine Bewegungen … seine Körperhaltung … sind mir so vertraut.

Ich ziehe ihn sanft an mich heran und lege meine Wange an seine.

„Bis bald.“

ausbaufähig [die meisten Unfälle passieren im Haushalt]

Dem Mann ein sehr privates Geburtstagsständchen zu blasen singen, noch bevor irgendjemand in diesem Haushalt wach wird, ist an sich (auch ohne Geburtstag) immer eine gute Idee.

Zwischendurch aufzutauchen und einen Blick in ein völlig zugeschwollenes Gesicht eines Mannes zu werfen, der nur noch entfernte Ähnlichkeit mit meinem eigenen hat, ist dann schon nicht mehr so schön.

Eine Gesichtshälfte schief und mit deutlichen Lähmungsanzeichen, die Lippen geschwollen wie ein PinUp-Schlauchboot mit Duckface und ein unmotiviert zuckendes Auge.

Statt Kuchen, Kerzen und Singen am Bett dann heute mal die Kinder wachbrüllen, innerhalb kurzer Zeit 6 Menschen ausgehtauglich machen und den Mann zum Arzt fahren.

Der Mann sitzt jetzt mit allergischer Reaktion auf irgendwas mit Cortison zugebombt im Büro und hat sicher Spaß dabei, wenn 50 Kolleginnen im Laufe des Vormittags reinschneien und ihm zum Geburtstag gratulieren wollen.

Vom Suchen

Ich war mir so sicher, dass es sich fügen würde, dass die Erkenntnis über mich hereinbrechen würde wie eine Welle der Glückseligkeit, die mich mit warmem weichen Wasser umspülen würde.

Meine Gedanken sind und waren so oft im Schwarzen. Bei jenem Menschen, der meinen Herzschlag so sehr beschleunigte, dass ich mich lange selbst verraten habe. Ich machte mich bereit, weggetragen zu werden. Mich in die Geborgenheit und die Gemeinsamkeit und das Lachen zu kuscheln, das ich erwartete.  Und dort stand ich.

Fragend.
Stumm.

Mein Überlebensinstinkt schenkte mir schon in jungen Jahren den Fluch und die Gabe, in den Menschen lesen zu können. Kein Gefühl ungesehen, keine Lüge ungehört, kein Verrat unbemerkt. Und so stand ich und wartete auf das Echo. Ich sah und hörte nichts.

Kein Echo.
Keinen Nachhall.
Kein Flüstern.
Kein Gefühl.
Keine Regung.

Ich fühlte mich, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggerissen.
Mich blind und taub in unbekanntem Gebiet ausgesetzt.
Meine Sinne tasteten und griffen ins Leere.
Wie amputiert.

Wie können andere Menschen so durchs Leben gehen?
Ich habe so lange Jahre mit Psychopathen zusammengelebt, dass mir kaum etwas fremd ist.
Dies schon.
Haltlos. Fassungslos.

Wie kann ein Mensch so gedämpft sein, dass Resonanz unmöglich wird?

Vom Zweifeln

Ich hatte Besuch.
Und wenn ich schreibe „Ich“, dann ist das mit Familie nun mal zwangsläufig ein „Wir“. Wir hatten Besuch.

Hier gehen viele Menschen ein und aus. Das ist aber nicht das, was ich als „Besuch“ beschreiben würde. Besuch ist: miteinander leben. Alltag zeigen, offenbaren, verletzlich zeigen.
Die Kinder haben viele Freunde. Vier Kinder haben viermal viele Freunde.
Und so trete ich zwangsläufig in für mich enorm viel soziale Interaktion.
Mit Eltern, mit Bekannten, mit Kindern, mit Trainern, Lehrern, Erziehern.
Ich selber bräuchte das nicht.
Ich will das nicht.

Ich habe meinen besten Freund geheiratet, der gleichzeitig mein Seelengefährte in die Ewigkeit ist. Ich brauche darüber hinaus nur sehr sehr wenig um glücklich zu sein. Besuch gehört nicht dazu.

Früher, in meiner Kindheit war Besuch meistens Besuch von Verwandten.
Meine beiden sehr psycho- und soziopathischen Eltern haben während jedes mehrere Tage andauernden Besuchszeitraums starke Beruhigungsmittel genommen.

Immer.
Ohne Ausnahme.

Besuch war also auf der einen Seite sehr schön, weil ich meine durchweg geliebte Verwandtschaft bei mir hatte und auf der anderen Seite auch meine einzige Chance auf eine Art normales Familienleben, weil aus sadistischen, sexuellen und gewaltätigen Elternpersonen plötzlich lächelnde gleichgültige Zombies auf Bromazepam wurden, die schlaff und glücklich in der Ecke hingen und zu allem nickten und selig brummten.
Besuch von Freunden meiner Eltern war meistens eine laute und gewaltätige Orgie von hackedichten Erwachsenen, die abends Spaß daran hatten, an mir herumzufummeln und gerne das Spiel meiner Eltern mitspielten, wer mich am tiefsten demütigen konnte.
Einmal hat ein riesiger Hund, der bestimmt 20kg schwerer war als ich, die ganze Zeit versucht, mich zu besteigen und während ich in relativer Todesangst auf dem Boden lag und versuchte, die Beine zusammenzuhalten, stiegen die Erwachsenen kichernd über uns rüber.

Er kackte mir dann in mein Kinderzimmer und ich war die halbe Nacht damit beschäftigt, die Scheiße irgendwie aus dem Teppich zu bekommen. Ich bin da also unter Umständen etwas vorbelastet, andere Menschen in mein Zuhause zu lassen und darum habe ich diesen Schritt auch seit dem Auszug aus meinem Elternhaus nie in Erwägung gezogen.

Kein Fremder in meinem Haus, wo ich am verletzlichsten bin.
Niemals.
Wo ich schlafe, sind nur Wächter, keine Täter mehr.
Und vielleicht brauchte es auch darum 10 Jahre nach dem ersten Kontakt, dass ich nun eine Einladung ausgesprochen habe, die von Herzen kam. Ich merkte, dass es nicht Angst war, die mich so nervös werden ließ – es war Vorfreude. Nicht diese existenzielle Panik, die mich umschalten lässt. Die Tage und Nächte, die jetzt so schnell an mir vorbeiflogen, waren entspannt und … rund.

Mir fällt kein anderes Wort ein.

Ich konnte so sein, wie ich hier nun mal bin und habe für vier Tage ein sehr aufgewecktes flusiges Kind bei meinen eigenen Kindern sehen und einen frischen winzigen Säugling auf dem Arm halten dürfen, der so zart und hübsch und wunderbar ist. Und dabei war eine – meine – Herzensfreundin, die nach so langer Zeit endlich real wurde.

Zum Anfassen.

Ein großer Schritt, der mit einem großen Geschenk belohnt wurde, das in mir noch nachhallt.

Ja.

Ewig

Niemals hätte ich gedacht, dass man innerhalb so weniger Jahre einen derartigen Grad an Intimität mit einem anderen Menschen erreichen kann. Besitzanspruch gepaart mit absolutem Respekt und Hingabe.

Gefährten.

Jetzt.

Immer.

Happy Birthday, Dad.

Du hast heute Geburtstag.
Du wirst 66 Jahre alt und ich frage mich oft, wie du wohl aussiehst.
Ich merke, wie meine Erinnerung dein Aussehen an meine Wunschvorstellung anpasst und wenn ich liebevoll an dich denke, dann bist du ähnlich faltig wie dein eigener Vater in dem Alter, dessen Aussehen ich als Kind so sehr geliebt habe. Kraftvoll, erfahren, faltig, weise, nachsichtig. Ich stelle mir dich mit weißen Haaren vor, die sicherlich sehr licht geworden sind. Weißer Vollbart, kurz geschnitten. Weißes Brusthaar hattest du damals schon, als ich dich vor Jahren das letzte Mal gesehen habe. Ich gönne mir und genieße aus vollem Herzen die paar Momente, in denen ich mir vorstelle, dir zum Geburtstag zu gratulieren und mit einem liebevollen Lächeln in die Arme geschlossen zu werden.

Keine Angst, ich weiß, das wird nicht passieren.
Ist es nie.
Wird es nicht.

Du hast inzwischen vier Enkelkinder.
Eines davon sieht haargenau aus wie du auf Kinderbildern.
Ich weiß, dass dir dein Vater ein schlechter Vater war.
Der Mann, den ich abgöttisch geliebt habe, war der Albtraum deiner Kindheit und deiner Jugendjahre.
Ich weiß das inzwischen.

Du hattest viele Jahre Gelegenheit, diesen Kreis zu durchbrechen.
Ich habe immer gewusst, dass du ein großartiger Opa sein könntest, obwohl du so ein sadistischer Vater warst.
Du hast dich anders entschieden als dein Vater damals.
Der Hass hat dich zerfressen und du hast es zugelassen.
Das ist okay und ich habe akzeptiert, dass ich dich nicht wiedersehen werde.
Gewünscht habe ich mir immer etwas anderes.

Ich habe dich einmal geliebt.
Und ein Teil meines Herzens tut das immer noch.

Ich wünsche dir alles Gute für diesen Tag.

Angekommen

Wir sind in den Ferien angekommen. Alle. Zwei volle Wochen hat es allerdings gebraucht, bis keiner mehr wusste, welcher Wochentag eigentlich ist. Da der Mann gerade intern eine neue Stelle angetreten hat, ist Urlaub mit allen Familienmitgliedern diesen Sommer nicht drin und wird verschoben bis in den Herbst.

Das Mottenkind hat noch eine Woche Kindergartenferien und möchte dann auch wieder hingehen. Vorschulkind und so. Außerdem kommt der attraktive Jüngling angehende Erzieher dann noch einmal zu Besuch, der beim Praktikum so viele Herzen gestohlen hatte.

Die Schulkinder machen mit allem Pause. Schwimmen, Kampfsport, Fußball, Turnen, Ballett, was es alles so gibt. Einiges davon läuft zwar in den Sommerferien weiter, aber Ferien sind Ferien.
Habe letzte Woche eine Mutter getroffen, die ihrem Kind tägliche Übungsaufgaben gibt, damit es „nicht außer Übung kommt“. In meinen Augen ist das Quälerei. Wie soll man denn da abschalten?
Das immer-mal-wieder-Tageskind wird ohne Vorwarnung ab und an hier abgegeben und irgendwann wieder abgeholt. Es ist nicht leicht, aber immer noch das Richtige.

Unsere Nachbarn wollen uns kennenlernen. Leider sind unsere Söhne in derselben Klasse und leider ist ihr Kind auch oft hier, aber das ist wirklich kein Grund, beim ersten Treffen darauf zu bestehen, dass wir gemeinsam baden. Ich weiß, der Pool ist neu und ich weiß, sie zeigen ihr Geld gerne, aber nein. Nein, danke. Ich sehe, die neue Nachbarschaft hat zwar weniger Kriminalität, dafür deutlich mehr Narzissmus.

Meine alten Nachbarn fehlen mir ein bisschen. Das Gestöhne und Gewackel von unten. Das ältere Ehepaar, das immer wollte, das die Kinder sie mit Tante und Onkel ansprechen. Unsere portugiesischen Lieblingsnachbarn, die mir in 8 Jahren wirklich ans Herz gewachsen sind. Die Herzlichkeit. Das Gegrüße.

Hier sind viele Witwen und ältere Ehepaare und Neureichs von schräg gegenüber und alter Geldadel auf der anderen Straßenseite und grüßen kann ich hier höchstens Gärtner oder den Postboten. Der Postbote ist immerhin derselbe geblieben. Egal, ich ziehe hier nie wieder weg. Ein Garten und im Haus ein Geräuschpegel, der wirklich jeden Menschen zu Ohrenschutz zwingen würde, wenn er nicht gerade auch Kinder hat, die trampeln, brüllen, schreien, juchzen, tanzen, hoppsen, Spaß haben.

Und ich genieße es mehr als alles andere, das nicht mehr reglementieren zu müssen. Was mir da an Lebensqualität verloren gegangen ist im Laufe der Jahre mit der einen klopfenden und klingelnden Nachbarsfamilie – ich möchte nicht mehr drüber nachdenken.

Übermorgen der nächstlogische Schritt. Ich bin so weit zur Ruhe gekommen, dass ich eine 10 Jahre dauernde Internetfreundschaft tatsächlich in mein Leben lasse. Und das auch gleich so konsequent, dass mich mein Mut selber überrascht.

Aber ich habe keine Angst mehr. Da ist ganz viel. Vorfreude, Aufregung, Nervosität, alles. Aber keine Angst. Sie weiß von so vielen Narben in meinem Leben, dass es gar nicht mehr darauf ankommt, ob sie vielleicht die auf meiner Haut sehen wird.

Sie kennt sie ja schon.
Alles wunderbar.
Leben.
Liebe.
Und so.