Sie war die ganze Grundschule hindurch die beste Freundin des Tochterkindes.
Das erste Mal traf ich sie auf der Party zum 6. Geburtstag meiner Tochter in der ersten Klasse. Große traurige Augen, die von unten zu mir hinaufsahen und alles Leid dieser Welt zu verkünden schienen. Das erste, das sie zu mir sagte, war nicht „Hallo“ oder irgendetwas, es war: „Ich habe letztens geträumt, dass ich zu Tode gewürgt werde. Das ist kein schöner Tod.“
Äh.
Ich war mittelmäßig irritiert, gewöhnte mich aber im Laufe der Jahre an sie. Dunkle Haare, große blaue Augen, immer hängende Mundwinkel und ein Wesen wie Wednesday Addams in ihren besten Momenten. Nachdem sie nicht mit auf das Gymnasium durfte und in einer Ganztagsschule untergebracht wurde, verlor sich der Kontakt, bis wir sie gestern im Supermarkt trafen, als sie versuchte, ihren großen Bruder von hinten zu Fall zu bringen.
Heute ist sie hier.
Ich war gerade dabei, das Kinozimmer zu streichen, als sie mit dem Tochterkind eintrat und ihr Gesicht sich aufhellte. Man kann auch freundlich die Mundwinkel nach unten ziehen, wie ich bemerkt habe.
„Schwarz wie der Tod und rot wie Blut. Hallo.“
Sie war gerade drei Wochen am Meer bei schönstem Sonnenschein und ihre Haut ist so weiß wie ein Bettlaken. Ich habe seit ihrer Ankunft aus dem Zimmer der Tochter, aus dem bei Besuch immer reichlich lautes Gekicher und Gekreische ertönt, exakt nichts gehört. Gerade kam sie die Treppe runter und bog Richtung Badezimmer ab. Nicht, ohne innezuhalten und mich lange starr zu fixieren.
Ich fragte leicht amüsiert: „Na, lebt ihr noch?“ und merke mit dem ersten Wort auch schon, dass die Frage falsch ist.
Sie stand dort und antwortete leise, langsam und nachdenklich: „Ja. Noch. Aber wir werden alle sterben. Irgendwann. Einige früher, einige später.“
[So ein Herzchen.]