Wortlos. Ratlos. [Stumm]

Was ist das Beste für zwei Kinder, deren Mutter stirbt?

Wie kann man das entscheiden?
Wer kann das entscheiden?
Die Mutter?
Der Richter?
Wir?
Andere?
Das Jugendamt?
Psychologen?

Die Nerven sind dünn.
Neuigkeiten, die keine sind.
Nachrichten, die man nicht hören will.

Kinder brauchen jemanden – eine oder zwei Menschen, die unerschütterlich daran glauben, dass sie genau so richtig sind, wie sie nun mal sind. Sie von Herzen lieben. An sie glauben. Ihnen vertrauen.
Wenn dieser eine Mensch, der das geleistet hat, nun stirbt… was dann?
Das kann nicht meine Aufgabe sein. Verdammt. Das kann doch nicht meine Aufgabe sein. Nicht diese.

Keine Worte, keine Tränen. Stumme Verzweiflung.

Gedankenschwere

Es ist schwer, der Melancholie zu entkommen.
Wie geht man mit jemandem um, der sterben muss und es weiß?
Was sagt man zu den Kindern?
Sagen wir irgendwann „Herzlich Willkommen“, wo kein „herzlich“ und kein „willkommen“ war?

Wie sehr kann man den Tod hassen?

Ich wünsche einem Menschen aus völlig eigennützigen Motiven, dass er so lange wie nur irgendwie möglich lebt.

Nein, ich kann im Moment nicht gut in den Spiegel sehen.

Mit der Tür ins Haus.

Mail geschrieben.
An diese eine Frau, die verstehen würde.
Gelöscht.
IchIchIch, steht in dieser Mail.
Ich will das nicht, ich kann das nicht, ich will das nicht, ich kann das nicht.
Beim Schreiben wurde mir klar, dass genau das mein Problem ist.
Das Leben hat eine Richtung eingeschlagen, in die ich im Leben nicht freiwillig gehen würde.
Was zur Hölle hat sich das Leben dabei gedacht?
WAS ZUR HÖLLE?????

Ich (schon wieder ich) will das nicht.

Lange Strecken

Die Gedanken kreisen.
Alles wirkt so absurd, alles so unwirklich.
Die Pizza im Ofen so sehr ein Sinnbild für Normalität, hier in unserer kleinen, geschlossenen Familie.

Wie mag es dort aussehen? So wie hier?
Alles normal, während im Kopf Welten zusammenbrechen?
Wie lange noch?
Wie lange haben wir Zeit, die Kinder auf den schlimmsten Fall vorzubereiten?
Wie lange sitzen wir noch zu sechst am Tisch?

Ein Jahr?
Zwei Jahre?
Drei Jahre?

Die Zeit spielt für und gegen uns.

Tatütata

Ein Tag, der damit beginnt, dass man um 8 Uhr morgens die Feuerwehr anrufen muss, kann nicht viel besser werden. Ein typischer Samstag, der 14., spottet der Zyniker in mir, aber der Freitag mit der 13 gestern war auch schon richtig scheiße.

Bis dahin stelle ich mit einiger Belustigung fest, dass der sehr nette Feuerwehrmann am Telefon auf meine Aussage: „Es riecht nach Gas.“ mit der Gegenfrage antwortete: „Nach welchem denn?“. Da konnte ich ihm leider nicht weiterhelfen (die Chemikertochter in mir schämt sich ein bisschen unmotiviert dafür). Sie kamen mit großem Auto, Polizei und in kompletter Montur und stellten als erstes fest: Es riecht nichts.

Hielten das Messgerät über die offene Baugrube und das zeigte exakt NICHTS an. Inzwischen roch es aber so penetrant nach Gas, dass ich nicht mehr wie in den ersten Minuten an meinem Verstand zweifelte, allerdings was nützt mir das, wenn es sonst keiner riechen kann und auch nichts messbar ist?
Zu meiner Erleichterung wurden dann aber die Stadtwerke verständigt, dass sie sofort kommen müssen und nach einiger Zeit roch einer der Feuerwehrmänner ebenfalls etwas.

Eine Stunde später war das Rohr geflickt und die Kinder maßlos maulig, dass sie nicht mit rausdurften und auch nichts sehen konnten (Feuerwehrauto! Feuerwehrmänner! Polizei!), aber das war mir zu gefährlich und darum auch egal.

Den Rest des Tages waren meine Gedanken abwechselnd damit beschäftigt, meinen desolaten Gesundheitszustand in Schach zu halten und mich zu gängeln, ich solle mich nicht so anstellen, weil alles viel schlimmer kommen könnte und sich dann wieder mit obigem Thema beschäftigten.

Alles Scheiße. Ehrlich jetzt.

Krebs

Vermutlich ist es egal, ob es Freitag der 13. ist, wenn man so eine Diagnose erhält. Es ist vermutlich auch jeden anderen Tag einfach nur beschissen.

Mich stört die Beiläufigkeit, mit der der Schwiegervater es erzählt. Darf er uns das überhaupt sagen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wollen würde, dass wir etwas so Intimes wissen.

Aber nun liegt es hier auf dem Tisch und wir starren es entsetzt an.

Vom Traurigsein

Die Übergabe verlief katastrophal. Wie so oft. Und nachdem ich jetzt eine halbe Stunde lang ein klammerndes zitterndes kleines Bündel auf dem Arm hatte, das mit den Tränen kämpfte, kletterte er dann doch von mir runter, aß und trank etwas und ging dann mit der Motte spielen.

Bis auf diesen Moment alle paar Minuten, den er sich loseist, zu mir gerannt kommt, mich vorsichtig an der Seite berührt oder kurz seinen Kopf an meine Brust legt und leise sagt: „Hierbleiben, okay?“

Ich drücke ihn jedesmal kurz, lächle ihn an und nicke. „Ja. Ich bin hier und ich bleibe hier.“

Er atmet erleichert aus, drückt sich noch einmal in all seiner Weichheit an mich und flitzt wieder ins Zimmer der Motte.

Wie kann so etwas nur so weh tun?

Lieber Handwerker,

wenn ich einen offiziellen Betrieb beauftrage, etwas in diesem Haus zu reparieren, dann hat das einen Grund. Nämlich den, dass ich das nicht selber kann oder nur unzureichend beherrsche und jemanden mit Ahnung und dafür vorgesehener Ausbildung dafür beauftrage – einschließlich der Garantie auf diese Arbeit, die mich 80 Euro pro Stunde plus Material kostet. Und dann ist es – mal ganz davon abgesehen, dass Sie sich damit strafbar machen – völlig überflüssig, mich mit einem jovialen Zwinkern zu fragen, ob ich eine Rechnung benötige oder etwas sparen will und sofort zahle. Ohne Rechnung.

Nein.

Ich will eine Rechnung.
Aber sowas von.
Eine Rechnung, auf der Ihr Name steht.
Das, was Sie getan haben.
Was diese Leistung wert war und dass ich diese Leistung bezahlt habe.

Schwarzarbeit ist asozial. Und mit Ihrem genervten Grummeln bei jedem Wort, das sie mühevoll von Hand auf Ihre verhasste Rechnung geschrieben haben, wuchs meine Sicherheit, Ihren Betrieb nie wieder mit irgendetwas zu beauftragen und Sie auch ganz bestimmt niemals jemandem zu empfehlen. Ich bin mir sicher, andere Betriebe nehmen unser Geld selbst dann sehr gerne, wenn sie dafür die Strapazen auf sich nehmen müssen, mal eben 10 Worte auf einen Zettel zu schreiben.

Mit nur sehr wenig herzlichen Grüßen…

Undankbarkeit

Nichts trifft mich härter als diese Erkenntnis.
Ich habe doch alles. Eigentlich.
Der Mann erzählt mir seit wir uns kennen, dass man nicht alles haben kann. Und ich habe ihm lange Jahre widersprochen.
Seit einigen Jahren nur noch selten und seit geraumer Zeit gar nicht mehr. Vielleicht kann man tatsächlich nicht alles haben. Vielleicht muss man lernen, mit den Dingen glücklich zu sein, die man hat und haben kann. Vielleicht hört man dann irgendwann auf, so verdammt undankbar zu sein.

Wenn man gelernt hat, die Sehnsucht zum Schweigen zu bringen.