Geschenke

Ich habe die Geschichte vom Tod ihrer Tochter in den vergangenen Jahren so oft gehört und es ist immer wieder ein Geschenk, wenn sie sich so weit öffnet, dass wir da gemeinsam neben unseren Autos auf dem Parkplatz in der frühen Morgenkälte stehen und beide weinen.

Dieser Moment, wenn sie erzählt, so weit weg und doch so nah. Wie sie so unglaublich weich scheint und mit dieser sanften Stimme erzählt, wie sie bei den letzten Herzschlägen ihrer Tochter die Hand auf ihrer Brust hatte und genau spüren konnte, wann sie hinüberging. Der letzte Blick aus diesen sanften braunen Augen, die letzte Träne, der letzte Abschied.

Wir stehen da, Haut an Haut, so intim, versunken und sie macht mir dieses unglaublich große Geschenk, das ich nur dankend annehmen kann. So kostbar.

Meine Tochter wird heute 11 Jahre alt. Ihre Tochter wird auf ewig 9 bleiben. Sie waren mal gleichalt. Über eine Stunde haben wir heute da gestanden und gefroren, gelacht, geweint.

Danke.

Noch in diesen weichen Kokon gehüllt, wurde mir heute das zweite Geschenk gemacht. Ebenfalls ein Gespräch. Diesmal mit der Leiterin des Kindergartens, die mir zumindest die Sicherheit gegeben hat, dass die beiden Besuchskinder aus den letzten Wochen alle Hilfe bekommen werden, die zur Verfügung steht.

Lange haben wir da gesessen und geredet. Ich fühle mich so geerdet wie sonst nur nach Gesprächen mit dem Mann. Wir haben in den vergangenen Tagen instinktiv die richtige Entscheidung getroffen, unsere Tür nur noch den Kindern zu öffnen.

Weder der Mutter noch ihrem Anhang bestehend aus diversen Männern, Familienmitgliedern und Bekannten. Für uns und unsere seelische Gesundheit.

7 Leben

Heute vor 11 Jahren lag ich schon zwei Tage in den Wehen im Krankenhaus. Und es sollten noch mehr als 24 Stunden vergehen, bis die Ärzte einen Kaiserschnitt anordneten, um das Leben meiner Tochter zu retten.

Während der Operation verlor ich das Bewusstsein, nachdem man sie mir kurz zeigte und ich ihre drei Namen nannte. 

Ich starb Sekunden später.
Für wenig im Leben bin ich so dankbar wie für diese Reanimation.

Was hätte ich in diesen 11 Jahren verpasst…

Danke.

Gratwanderungen

Wenn man genau weiß, dass man ausgenutzt wird und sich mit diesem Umstand arrangiert, weil es unterm Strich das Richtige ist, das man tut, wird man dann noch ausgenutzt? Ich habe in den vergangenen zwei Wochen vieles gelernt und empfunden.

Dankbarkeit, vor allem.
Für mein Leben.
Meinen Mann.
Meine Kinder.
Unser Miteinander, das so frei von Gedankengift ist.
Ich habe einen Teil meines Herzens verloren.

An den kleinen Jungen, der knapp drei Jahre alt ist und am ersten Tag sein Schnuffelkissen nahm und dachte, wir würden alle auf dem Sofa schlafen. Weil in diesem Raum der Fernseher steht und er noch nie ohne fernsehen eingeschlafen ist. Der dann abends mit dem Maine Coon Kater meiner Tochter, der genauso groß ist wie er, gemeinsam auf einer Matratze lag – Kuschelkissen und Flasche in der Hand – und zu den Klängen der Stimme meines Mannes, der eine Geschichte vorlas, langsam eingeschlafen ist.

Der jeden Morgen beim Wecken die Augen einfach aufschlug, in einer komplett fremden Umgebung aufwachte und mich anlächelte. Einfach so. Der beim Abholen aus dem Kindergarten vor Freude laut juchzte und sich in meine Arme warf, als wäre das alles einfach immer schon so gewesen.

Und ich habe einmal mehr erfahren, dass die Gier und die Missgunst und die Niederträchtigkeit und die Unverschämtheit der Menschen unendlich ist.

Bleibt die Frage, welche dieser Erfahrungen ich in meinen Rucksack stecke und auf meinem weiteren Weg mitnehmen werde.

Scheidewege.