Grenzgänge [Gedankenschwere]

Wir stehen für uns auf dem Prüfstand.

Bereitschaftspflege heißt die Bezeichnung für das, was man kaum in Worte fassen kann, wenn es um das Wohl eines Kindes geht, das plötzlich aus seiner Familie herausgerissen werden muss. Schwer traumatisiert, unter Masken verborgen, alle Überlebensinstinkte vom Adrenalin so hochgepeitscht, dass die alten Wunden durch den schwersten Eingriff in eine Kinderseele – die gewaltsame Trennung von der Bezugsperson – erst einmal verschüttet werden. Und dann steht man da, nachts um halb 3, und holt ein kleines Kind von einer Polizeiwache, das eigentlich zuhause in einem kuscheligen Bett selig im Land der Träume schlummern sollte. Da ist kein Platz für Selbstzweifel, kein Raum für zu viel Nähe und erst Recht keine Zeit für Distanz, weil da ein kleiner Mensch um seine Seele kämpft.

Warten. Sehen. Annehmen.
Die eigene Hilflosigkeit, in erster Linie.
Aushalten, was kaum auszuhalten ist.
Hinsehen, wo man am liebsten die Augen schließen möchte.

Warten, wo man handeln will.

Nein, ich weiß nicht, ob ich das halten kann.

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