Ruth

Die Frau, zu der ich kommen sollte, würden meine Eltern sterben, wurde von mir sehr geliebt.

Sie war eine entfernte Verwandte meines Vaters und Mutter eines Mädchens, das acht Jahre jünger ist als ich. Seit ich denken kann, war sie immer die Frau, bei der ich wohnen darf, wenn meine Eltern sterben.

Meine Eltern hatten nicht viel für den Firlefanz übrig, ihrem Kind die Sicherheit zu vermitteln, zu der eben auch eine relative Unsterblichkeit der eigenen Eltern gehört. Zumindest in jungen Kinderjahren. Kam diese Frau zu Besuch, blühte ich auf. Sie war fürsorglich, wunderbar, sauber, respektvoll – sprich das Gegenteil meiner Mutter.

Sie befingerte mich nicht, ich musste sie nicht anfassen, sie war liebevoll ohne Liebe zu fordern. Ein Traum. Pure Utopie, damals.

Dann bekam sie ein Kind. Ein kleines Mädchen, in das ich vernarrt war. Fortan überdeckte ein Schatten ihre Besuche bei mir. Ich sah, wie sie mit ihrer Tochter umging. Und mit den Jahren reifte ein Gefühl dessen, was mir alles vorenthalten wurde.

Ich saß auf unserem Badewannenrand und sah, wie sie ihrer Tochter das Haar bürstete, ihr das Gesicht eincremte, sich kümmerte. Ich sah eine Mutter-Tochter-Beziehung, wie sie ferner von meiner eigenen nicht sein konnte.

Ich hörte die stolzen Kommentare meiner eigenen Mutter, dass sie selber diese Dinge niemals für ein Kind tun würde. Sie wäre schließlich nicht mein N****r. Den Satz hab ich oft gehört. Neben vielen anderen.

Meine Eltern haben mich früh allein gelassen. Mittags, wenn ich aus der Schule kam, war ich seit meinem fünften Lebensjahr alleine. Abends, wenn sie etwas unternahmen, ebenfalls.

Oft habe ich da gesessen und habe mich in Fantasien ergangen, dass ihnen etwas zugestoßen sei. Das hat mir so ein bisschen Angst gemacht, aber weniger aus Liebe als vielmehr aus der Befürchtung, meine Freunde zu verlieren, wenn ich zu meiner geliebten Patin ziehen würde.

Eines Abends tobte ein fürchterliches Gewitter über dem Haus, meine Eltern waren weg, ich hatte keine Ahnung, wo sie hingefahren waren und es war dunkel, kalt und nass. Plötzlich knallte die Sicherung raus und es war schwarz. Von meinem Vater auf sämtliche Katastrophenszenarien gedrillt hatte ich zwar Angst, wusste aber dennoch, was ich tun müsste, sollte das Haus anfangen zu brennen oder Ähnliches. Ich holte in stockfinsterer Nacht die Kerzen und machte mich auf den Weg in mein Zimmer. Holte meinen großen Koffer und fing an zu packen.

Ich weiß gar nicht warum, aber in diesem bedrohlichen Endzeitgewitter erfasste mich die Gewissheit, dass meine Eltern vom Blitz getroffen worden waren und tot wären. Ich war mir so sicher wie ich nur sein konnte.

[Rückblickend weiß ich nicht, was mich zu dieser unbeirrbaren Sicherheit verleitet hat, denn meine Überlegungen haben für einen Erwachsenen doch ziemliche Logiklücken.]

Ich packte im Kerzenschein meine Sachen zusammen, die ich unbedingt mitnehmen wollte. Ich hatte keine Ahnung, wie schnell die Polizei kommen würde, um mich zu meiner Patin zu bringen, aber ich wollte dann auch nichts zurücklassen müssen, das mir wichtig war.

Ich wuchtete meinen riesigen Koffer die Treppe runter in den Flur vor der Haustür, holte meinen Hamster und die Waffe meines Vaters und setzte den Hamster auf die Schulter und nahm die Waffe in die Hand. Einbrecher nutzen Gewitter mit Stromausfall, um die Alarmsysteme von Häusern zu umgehen, einzubrechen, Männer abzuschlachten und Frauen und Mädchen zu vergewaltigen. Regel Nummer weißichnichtmehr meines Vaters.

Ich war also mit meinem Gepäck, meinem Hamster und der Waffe gut vorbereitet.

Und schlief ein.

Ich erwachte von lautem Gepolter, das ich nach wenigen Sekunden schon als das vertraute Geräusch meines volltrunkenen Vaters klassifizieren konnte.

Die Enttäuschung kam erst sehr viel später.

Nachdem ich in Windeseile diesen verflucht schweren Koffer in mein Zimmer geschleppt hatte und ihn unter dem Bett verschwinden ließ, lag ich mucksmäuschenstill in meinem Bett und hoffte, ich würde am nächsten Tag meinen Hamster wiederfinden.

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