Zeitsprung

Als ich das Baby dem Mann nach meinem völligen seelischen und körperlichen Zusammebruch überantwortete, war es noch ein Neugeborenes.

Ich weiß nicht, womit er es in den letzten anderthalb Wochen gefüttert hat, aber heute wache ich auf und neben mir liegt eine breit grinsende dicke Speckmade, die viel zu wach in die Welt kuckt.

Und während ich versuche, die Zeit zu greifen, die für mich stehen geblieben ist und für alle anderen so munter weiter läuft, macht der dicke Drops neben mir munter Spucke- und Milchschaumbläschen mit dem Mund.

Bleibt alles anders.

Die Antibiotika haben ihre Schuldigkeit getan, die Schmerzmittel werden weniger, das Trauma bleibt. Wir tasten uns langsam wieder ans Stillen heran, Ausgang ungewiss. Momentan eher Trost als Nahrung. Für uns beide, irgendwie. Keine Kraft für irgendetwas anderes außer mir. Nicht mal für mich ausreichend.

Und doch heute wieder so etwas wie Alltag. Ein Versuch.
Stur, hat der Mann mich heute Nacht angeschrien, wäre ich.
Und ich weiß, wie Recht er hat.

Ich will… Ich will alleine, ich will selber, ich will alles im Griff haben, ich will mein altes Leben zurück, ich will keine Schmerzen mehr haben, ich will so nicht weitermachen, ich will mir nicht helfen lassen.

Und doch bin ich drauf angewiesen, auf diese Scheißhilfe, die ich so gar nicht brauchen will. Also schweige ich stumm, wenn er meine Arbeit erledigt. Die Kinder morgens fertig macht und in den Kindergarten bringt. Essen kocht. Backt. Aufräumt. Entscheidungen trifft.
Dem Baby eine Mutter ist…

Vielleicht ist das das Härteste. Vor Schmerzen das Baby nicht versorgen können.

Ein Schritt, heute. Er geht einige Stunden zur Arbeit.
Und ich stehe noch.

Nicht fest, nicht sicher, mit Schmerzen, mit Wut und Verzweiflung, aber ich stehe aufrecht.

Weiter. Immer. Weiter.

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