Die Filmspulen

Meine gesamte Kindheit ist auf Film, Dias, entwickelten Bildern und in Tabellenform festgehalten. Minutiös. Ich habe Dokumente, die besagen, wann ich wieviel Milch getrunken habe, wann welches Kindermädchen für mich zuständig war, selbst bei meiner Geburt gab es eine Tabelle zum Ankreuzen, wieviel Zentimeter, wieviel Gewicht und welcher der zwei männlichen und zwei weiblichen Namen nun gewählt wurde. Hinter der Geburtskarteikarte findet man ein gedrucktes Blatt, das mir die Wochentage meines Geburtstags auf 100 Jahre voraussagt. In den Jahren danach häufen sich Gewichts- und Messtabellen, Fähigkeiten, Auffälligkeiten, körperliche Eigenschaften, durchgemachte Kinderkrankheiten mit Fotos vom Krankheitsverlauf, alles immer Ganzkörperfotos, nackt, schreiend, weinend, behandelt werdend. Irgendwann wird diese Dokumentenreihe abgelöst durch IQ-Testergebnisse, Fotos, Zeitungsartikel, Haufenweise Notizbücher mit Tabellen zu Versuchsreihen und Inhalten, die sich mir nicht erschlossen haben.

Eine Besonderheit hierbei sind die Filmspulen. Wir hatten so viele davon. Die Filme haben wir uns bei Dia-Abenden manchmal noch angesehen. Meistens zeigten sie mich in Urlauben, beim Bootfahren, beim Wasserski, beim Angeln, beim Jagen, im Schwimmtraining, im Wald, beim Ausweiden von Tieren, beim Überlebenstraining. Einmal sogar auf einem Spielplatz in Frankreich mit ganz vielen Menschen, die mich offensichtlich kannten und vertraut mit mir umgingen, die ich aber nicht zuordnen konnte.

Als wir ins große Haus zogen, war ich noch deutlich länger alleine als vorher schon und wenn ich mittags aus der Schule kam, dann hatte ich noch 5 Stunden vor mir, bis jemand kam.

Ich durchsuchte vor Langeweile im Laufe der Monate also neugierig unseren gesamten Besitz.

Das meiste davon war nur minder interessant. Die Pornosammlung meiner Mutter, die meines Vaters, die Sexspielzeuge, die Untiefen der Charaktere meiner Eltern.

Irgendwann kruschte ich auf dem Mini-Dachboden des Hausvorbaus herum, ganz hinten, wo die verschlossenen und zugeklebten Kisten standen. Und da waren sie. Kisten voll mit Fotos, mit Dias, mit Büchern, mit Filmspulen. Unbeschriftet. Was in unserem Haushalt ganz und gar ungewöhnlich war.

Ich fand Bücher über die Entwicklung des Gehirns bei Babys und Kleinkindern, psychologische Abhandlungen über psychische Störungen und Strukturen, für mich damals noch kein Puzzleteil, nur unbedeutendes Zeug.

Aber die Filmspulen. Die musste ich mir ansehen. Zu meinem Erstaunen waren es Filme mit dem Mädchen, mit dem ich aufgewachsen war. „Katinka, Katinka!“, konnte ich ihre Stimme förmlich hören, als die Bilder zu laufen begannen, selbst ohne Ton. Wir waren die ersten Jahre unseres Lebens jeden Tag zusammen gewesen, in jedem Urlaub, mehr als beste Freundinnen, mehr als Schwestern, mehr als Gefährten. Sie war ich, ich war sie.

Und es war noch jemand auf den Spulen zu sehen. Jemand, der aussah wie ich.

Ein Mensch, der exakt mein Aussehen besaß und fremder nicht hätte wirken können.

Nach dem ersten Ansehen legte ich alles ordentlich weg, baute die Apparatur zurück, nahm die Leinwand ab, verschloss die Kisten sorgfältig wieder und verdrängte, was ich gesehen hatte.

Einige Jahre später habe ich die Kisten wieder geöffnet. Aber es wurde nicht vertrauter. Dieser Mensch sah aus wie ich.

Aber er war nicht ich. Er hatte Spaß am Quälen. Er hatte Spaß am Leid anderer. Er zuckte nicht zusammen, als die Peitsche kam. Nicht, als der Stock kam. Nicht, als die anderen gequält wurden. Das Gesicht, das ich jeden Tag im Spiegel sah, flimmerte dort völlig ausdruckslos über die Leinwand. Ich konnte weder so schnell rennen noch konnte ich so präzise schießen. Ich wäre beim unter Wasser drücken schon längst in Panik geraten, ich hätte schon geweint, als ich das kleine Tier gesehen hätte, das war definitiv nicht ich.

Das war ein Monster.

Aber es war in meinem Körper.

Von Körpern, vom Altern, von der Liebe

Ich war fünf, als ich das erste Mal meine Mutter weinend im Keller fand.

Und ich wusste mit dem gesamten Instinkt eines Kindes, worum es geht. Es wurde nie ausgesprochen. Ich hab sie geliebt. Pia. Eine so herzensgute Frau, die mich durch die Chemielabore der Universität führte und auf mich aufpasste, wenn mein Vater beschäftigt war. Schwarzer Wuschelkopf, dunkelbraune Augen, die Anmut und Eleganz in Person und dabei so unglaublich zugewandt. So warmherzig. Alles, was meine Mutter nie war.

Ich kann mutmaßen, warum er sich in sie verliebt hatte. Aber ich weiß es nicht. Denn wir sprachen ja nicht über diese Dinge. 35 Jahre später sollte ich von meiner Großmutter erfahren, dass „das junge hübsche Ding mit den schwarzen Locken“ dafür verantwortlich war, dass wir damals so weit weg zogen. Mal wieder.

Ich bin inzwischen in dem Alter, in dem meine Mutter mit ihren Schönheitsoperationen begann. Nach endlosen Diäten, die ich allesamt mitmachen musste, begannen mit meiner Pubertät ihre Besuche bei führenden Schönheitschirurgen.

Ich war überall dabei.

Der unnachsichtige schwarze Edding auf der nackten Haut meiner Mutter kombiniert mit den kühlen Bemerkungen über Ästhetik und Machbarkeit ließ mich schnell begreifen, dass eine Frau vor allem dünn und straff zu sein hatte.

Das Ideal meines Vaters, dem sich die gesamte Welt unterordnen musste.

Meine Mutter nahm ab und nahm wieder zu und wieder ab, es war ein täglicher und endloser Kampf um Kalorien, in den vor allem ich mit einbezogen wurde.

Ich habe eine Tante – die Schwester meiner Mutter – die immer unglaublich dick war. Ihr Mann – mein Onkel – ist ein muskulöser Mann, der seine Frau und ihren Körper vergöttert. Alles, was ich in Kindheit und Jugend im Positiven über sexuelle Anziehungskraft gelernt habe, habe ich in dieser Beziehung sehen dürfen.

Dieser Blick, wie er nur Augen für meine Tante hatte, sie anhimmelte und bewunderte und ihr immer und zu jedem Zeitpunkt zu verstehen gab, dass sie körperlich und geistig seine absolute Traumfrau sei.

Bei längeren Aufenthalten der Beiden bei uns führte das zu einer nicht unerheblichen Menge an Spannungen.

Eines Abends, als mein Vater schon wieder einiges getrunken hatte, wurde ihm die Turtelei der beiden zu viel und er stand schnaubend auf.

Geklapper aus dem Arbeitszimmer und er kam kurz darauf mit einem Stapel Playboys wieder, den er vor der gesamten Familie auf den Wohnzimmertisch knallte. „SO!“, brüllte er, „SO SEHEN RICHTIGE FRAUEN AUS! NICHT WIE DIE FETTBERGE, DIE HIER GERADE SITZEN!“.

Ich kannte die abfälligen Bemerkungen über meinen pubertären Körper, den mal dünnen, mal dicken Körper meiner Mutter und den immer kompromisslos weichen Körper meiner Tante, aber dieser Moment hatte eine Intensität, die im Laufe der nächsten Jahre noch zunahm.

An diesem Abend zerbrach sehr viel in sehr vielen Menschen.

Ich bin 44, übergewichtig, habe Falten, meine Brüste hängen, ich habe 9 Kinder in meinem Körper getragen, er hat zahlreiche Narben, hat meine Verletzungen und Brüche heilen lassen und gibt all meinen Anteilen ein Zuhause.

Er ist kräftig, stark und er trägt mich.

Mein Mann lässt seit 18 Jahren keinen Zweifel daran, dass ich die schönste, attraktivste und erregendste Frau dieser Welt für ihn bin. Ich lege meine Hand generell nicht für Menschen ins Feuer, aber diese körperliche Anziehungskraft zwischen uns ist etwas, das so unumstößlich in meiner Selbstbetrachtung verankert ist, dass ich nicht zweifle.

Als meine Mutter 44 war, waren nach Bauchdecke und Oberschenkeln gerade die Brüste dran. Ich musste die Wundversorgung zuhause machen und ihre körperliche Übergriffigkeit nahm durch die bei der medizinischen Versorgung notwendige Nähe wieder zu. Mein Vater kommentierte das ganze Operationsprozedere in denkbar destruktivster Weise und war in dieser Zeit mit seiner Sekretärin äußerst beschäftigt.

Ich erinnere mich nach den depressiven Tiefpunkten, in denen sie mich sexuell überhaupt nicht in Ruhe ließ, an sehr euphorische Phasen, als alles schön hochgeschnallt und verheilt am Körper stand – denn hängen konnte ja nichts mehr – und ihre exhibitionistische Ader völlig aus dem Ruder lief, egal, ob es sich um Väter von Freundinnen, Lehrer oder um den Obstverkäufer handelte.

Das war dann auch die Phase, in der ich mit ihr alleine auf Reisen gehen musste. Wir durchquerten ganz Europa. Und egal, ob Italien, Frankreich oder Monaco, die zur Schau gestellte verzweifelte Körperlichkeit einer alternden reichen Frau lockt nicht die Art von Männern an, denen man abends im Dunkeln begegnen möchte

Ich weiß noch gut, wie wütend sie wurde, als ich am Mittelmeer von einem erwachsenen Mann massiv sexuell belästigt wurde, weil ich doch schließlich nicht so attraktiv war wie sie. Wie konnte er es wagen, mich zu belästigen, wenn doch sie da war?

Der Hass, mit dem sie mich anklagte, kokettiert zu haben, um SIE auszubooten, öffnete eine ganz neue Dimension an Schuldzuweisungen.

Der Absurdität waren in diesen Jahren kaum Grenzen gesetzt.

Was macht das also heute mit mir? Manchmal betrachte ich meinen Körper und sehe Gemeinsamkeiten, die mir das Blut in den Adern gefrieren lassen.

Nicht nur, dass ich ihr im Gesicht äußerst ähnlich sehe, auch mein Körper weist einige Ähnlichkeiten auf. Ich sehe jeden Tag meinen eigenen Täter im Spiegel.

Ich bemühe mich, mich in diesen Momenten durch die Augen des Mannes zu betrachten und das bedeutet, so viel Liebe in meinen Blick zu legen, dass die Erinnerung an Macht und Ekel verliert.

Körperlichkeit bedeutet in unserer Familie Geborgenheit, Liebe, Wärme.

Ein Körper muss keine bestimmte Form haben, nicht auf eine bestimmte Art und Weise aussehen, nichts leisten, um dafür wertgeschätzt zu werden, dass er uns durchs Leben trägt.

Ich musste das erst lernen und der Weg war mühsam.

Bei mir selber gelingt diese Betrachtungsweise noch nicht immer, aber besser, je älter ich werde.

Ich werde meinen eigenen Weg finden, so zu altern, dass ich – und nur ich – damit gut leben kann.

Hej.

Ich habe wieder von dir geträumt.

Von uns. Seit der Obduktionsbericht da ist, kreist mein Herz darum. Jeden Abend vor dem Einschlafen wälze ich deine letzten Momente im Leben hin und her. Worte im Gehirn, Risse in der Seele. Mitleid. Mitgefühl. Zum Bersten gefüllt mit Emotion. Es tut mir so unendlich leid.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass unser Frieden – ich glaube, der einzig Echte, den wir beide jemals hatten – genau dort stattfand, wo wir Leben genommen haben. Beim Jagen, beim Fischen. Ich habe so viele Lebewesen sterben sehen und gehört. Vor allem gehört. Und ich habe so viele davon selber getötet. Stolz war das, was in deinen Augen dabei aufblitzte. Qualvolle Pein, was ich empfand.

Aber die Jagd – nie waren wir uns näher als hier. Die endlose Ruhe in uns beiden, perfekt aufeinander abgestimmte Bewegungen, absolute Stille, nur Natur um und der Himmel über uns. Glück. Pures Glück. Es gibt einen Akt der Milde, den ich dir nie vergessen werde. Eine Lüge, die ich nur zu gerne geglaubt habe.

Ein Tier ist mir schwer verletzt entkommen und ich bin panisch schreiend und in Tränen aufgelöst vor dir auf die Knie gesunken, während der Schmerz in mir implodierte. Die Schuld, die Teile von mir schon als kleines Kind fast erdrückt hat, die Grundfähigkeit zur Empathie, die alles, was du von mir je verlangt hast, nur darin gipfeln ließ, dass die Trennung in mir so unumkehrbar erfolgte, dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen werde, die Bruchstücke meiner Selbst zu finden und mit dem Rest Liebe, der mir bleibt, willkommen zu heißen und in Sicherheit zu wiegen, wie es dir und euch nie möglich war.

Aber an diesem einen Tag, als ich mich nicht beruhigen konnte, als ich nicht aufhören konnte, zu schreien, als die Spiegelneuronen in mir explodierten und mein gesamtes Sein nur aus diesem verletzten und blutendem Wesen im Wald bestand, so dass ich dachte, ich muss an dieser Schuld selber sterben, da hast du mich angelogen.

Es war eine so alberne und barmherzige Lüge, wie nur Kinder sie glauben können, weil sie wollen. Ich hab sie nicht hinterfragt. Als wir zusammenpackten, zum Boot gingen und ich mich darin schluchzend zusammenrollte und einschlief, warst du in meiner Nähe und ich spürte dich.

Als Mensch.

Du hast mich nicht umarmt, nicht berührt, das hast du nie getan, aber da war Menschlichkeit. Ein Funken Verletzlichkeit. Das eine Mal. Ich denke noch heute, so viele Jahrzehnte später, oft an dieses Tier und diesen Moment.

Und an dich, wie du in diesem einen Augenblick warst.

Chaos

Die Mauern werden dünner, tiefer, rissiger. Die Trauer ist eine wabernde Masse, die durch mein Herz, mein Hirn, meine Seele wandert, ihre Farbe wechselt. Von tiefschwarz zu wutrot zu leuchtendweiß. Vor ein paar Tagen durchzuckte mich das erste Mal die Angst, jetzt einfach auch zu sterben. So weit gekommen zu sein, nur um dann durch ein Unglück, einen Fehltritt, einen blöden Zufall einfach tot umzukippen. Jedes Rumpeln im Körper, jedes Verschlucken, jedes Husten, jedes Organstolpern – das alles nimmt unverhältnismäßig an Bedeutung zu. Ich miste mein Haus aus, mein Leben, meinen Besitz und – meine Erinnerungen. Vieles davon wird plötzlich nach oben gespült, kommt mit aller Wucht an die Oberfläche, wenn ich etwas in Händen halte, ein Bild betrachte oder einen Geruch wahrnehme. Es ist zu Ehren eines Todes ein Frühjahrsputz der Seele. Oder vielleicht eher Sommer, wenn ich mein Lebensalter so betrachte. Ich bin seelisch im tiefsten Winter geboren worden. 10 Tage nach meiner Geburt lag ich in einem dunklen, abgeschlossenen Zimmer. Alle vier Stunden kamen bezahlte Menschen mit einer Milchflasche zu mir, fütterten mich, wickelten mich, sicherten mich und ließen mich wieder allein. Ich habe die Bücher und die Bilder in meinen Erinnerungskisten. Logbücher, wer wann wie lange im Haus war, was er am Kind getan hat. Sechs unterschiedliche Schriften. Keiner blieb länger als nötig. Nicht mal beim Schreiben finde ich heute meinen roten Faden, die Gedanken springen von einem zum nächsten. Muss Unterlagen fertigmachen, die Gefühle in Schach halten, den Alltag bewältigen und möchte doch nur die Zeit anhalten und einfach nur existieren dürfen. Möchte schreien, so laut, dass es die gesamte Menschheit für einen Augenblick verstummen lässt, meine Wut herausbrüllen über die Ungerechtigkeit, die sich mein Leben nennt und fühle gerade so wenig Dankbarkeit für das, was ich habe, wie nur selten. Nehme mir Dinge zu Herzen, die normalerweise an meinem Panzer abprallen würden. Trage nun schon eine Woche Worte mit mir herum, die mir jemand, den ich bis dahin als reflektiert betrachtet habe, in seiner unermesslichen Arroganz selbstgefällig vor den Latz knallte und kann sie nicht abschütteln, auch wenn ich sie psychologisch einordnen kann. Natürlich weiß ich, wie Menschen auf mich reagieren. Natürlich weiß ich, wie ich wirke. Natürlich weiß ich um die Widersprüche, um das, was ich hervorrufen kann. Natürlich… Aber letzten Endes: Ich muss dieses Leben leben. Sonst keiner. Und ich tue das so, wie es mir möglich ist. Das muss niemandem gefallen. Es muss außer mir nicht mal irgendjemand ertragen. Jeder kann sich meiner Geschichte entziehen. Nur ich kann das nicht.

Ich muss damit weiterlaufen.

Unterlassene Hilfeleistung

Erinnerung, als Oma mit dem E-Mobil auf Geschwindigkeit ‚Hase‘ vom Bürgersteig semmelte, zwei Radfahrer vom Rad rammte und dann im Versuch, ihnen aufzuhelfen, mehrfach gegen Beine und über Hände fuhr, bis beide flehten, nicht mehr zu helfen.

[Hat sie bis zu ihrem Tod empört.]

Die ewige Versagerin

Ich hatte versagt.

Ich war 13, 14? und hatte im Training auf ganzer Ebene versagt. Mal wieder. Ich habe geweint. Die Tränen liefen mir die Wangen runter und ich hatte mich mehr als einmal zu einem disziplinlosen Keuchen hinreißen lassen. Der Fuß schmerzte immer noch, wo du mir vor Tagen den Zehennagel rausgerissen hattest.

Blickkontakt. Hart bleiben. Entspannen. Schmerz existiert nicht. Schmerz ist nur ein Gedankenkonstrukt. Ich wartete auf den vernichtenden Schlag. Er kam nicht.

Sollte es einer deiner weichen Tage sein? Wir hatten einige davon. Mit Reden, Lachen, Abenteuer. Ich habe dich vergöttert.

Aber es sollte stattdessen eine Lektion folgen.

Ich hatte immer Schwierigkeiten mit dem Gewürgtwerden. War nicht entspannt genug, die Griffe saßen nicht richtig, ich war zu langsam, zu hektisch, zu panisch, zu .. irgendwas. Und dann sagtest du: „Umfass von hinten meinen Hals. Drück zu. Würg mich. Fixier deinen Griff. So wie du es gelernt hast.“

Das war das erste Mal, dass ich etwas üben sollte, bei dem du am Anfang in einer unterlegenen Position sein solltest.

Und das hat mich innerlich so entsetzt, dass ich vor lauter Überraschung einfach Nein sagte.

Der Jähzorn nahm dich sofort mit. Das Gebrüll war infernalisch und ich war so überfordert, dass ich weinend zusammenzuckte.

Das hat dich nur noch wütender gemacht. Meine Mutter kam irgendwann dazu und forderte mich genervt auf, doch einfach zu tun, was du verlangst. Und ich konnte nicht. Da war sie wieder, diese Sperre in mir. Ich konnte einfach nicht.

Luftnot ist meine Nemesis, damals wie heute. Waterboarding, Würgespiele, unter Wasser gedrückt werden, es war immer die größte Herausforderung für mich. Ewiger Versager. Zu hoher Herzschlag, Panik, keine Regulation. Ich kannte die Kritik. Und ausgerechnet dir das Unvorstellbare anzutun, und sei es nur im Spiel – ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht.

Wir brüllten inzwischen alle durcheinander und ich hatte keine Ahnung, wohin das führen würde. Du versuchtest, mich mit Gewalt dazu zu bringen, dich zu würgen und ich hing da an dir wie ein nasser schlaffer weinender Sack und brüllte nur wütend Nein!

Es entbehrt in der Rückschau nicht einer gewissen Komik, dass es ausgerechnet deine eigene Verzweiflung war, die dich immer zorniger hat werden lassen.

Und dann schrie ich aus Leibeskräften die Worte, die alles veränderten. Ich werde dir nicht wehtun, Dad. Ich kann nicht. Ich will nicht.

Die Enttäuschung, die über dein Gesicht zog, werde ich wohl nie vergessen. Es war der Moment, in dem du alle Hoffnung, die du jemals in mich gesetzt hast, aufgegeben hast. Kein Elitekämpfer. Kein Übermensch. Keine perfekt nach deinen Vorstellungen geformte und beliebig programmierbare neue Menschenklasse. Wir hatten beide versagt. Es war der Moment, der für dich wohl den Tiefpunkt deiner Vaterschaft darstellte.

20 Jahre später haben wir uns ausgetauscht und du hast dir immer verbeten, über „emotionalen Mist“ aus meiner Kindheit sprechen zu müssen.

Das Einzige, was du mir geschrieben hast, war, dass du mich einige Jahre geliebt hättest. Dass du große Erwartungen in mich gesetzt hattest. Und dass ich und meine Fehlentscheidungen eine solche Enttäuschung für dich waren, dass du nicht anders konntest, als dich von mir abzuwenden.

Vielleicht konnte mir nichts Besseres passieren.

Die Erinnerung

Meine allerfrüheste Erinnerung ist die, wie ich mich an einem schweren Vorhang festhalte.

Schwerer Stoff. Braun.

Ich weiß nur, dass diese Erinnerung wahr ist, weil meine Eltern mich ungläubig und entsetzt angestarrt haben, als ich sie über zwei Jahrzehnte später erzählte.

Ich war noch keine zwei Jahre alt. Ich höre nichts. Gar nichts. Es dringt kein Wort in meinen Kopf, obwohl mehrere Erwachsene sprechen. Ich sehe, wie sie ihre Münder bewegen. Ich sehe sie gestikulieren, ich sehe alles. Ich sehe meinen Vater. Sein Gesicht zugeschwollen, die Augen kaum noch zu erkennen, mehrere Platzwunden an der Stirn, das Blut fließt aus seinem Mund.

Die Polizisten sind zu Viert. Meine Mutter ist da, aber ich kann die Erinnerung an sie nicht greifen. Irgendwann verschwinden sie alle. Irgendwann wird es dunkel. Irgendwann verschwimmt das Bild.

Aber es hat sich eingebrannt. Für immer.

Vielleicht war das die Nacht, in der die Wunder starben.

Mein geliebtes Kind.

Herzlichen Glückwunsch zum 15. Geburtstag.

Vor 15 Jahren spürte ich, wie meine Fruchtblase riss.

Du wolltest geboren werden, mit aller Kraft.

Ich rief deinen Vater an, der bei der Arbeit alles stehen und liegen ließ und nach Hause eilte. Während der Wehen schaukelte ich deine beiden Geschwister auf dem Schoß, hielt sie fest, hielt mich an ihnen fest, summte ein Lied nach dem anderen, bis dein Vater da war.

Es war keine Zeit mehr für das Krankenhaus, ich gebar dich in meine eigenen Hände und du warst so winzig und unendlich perfekt.

Meine größte Angst war, dass du in der Kälte würdest sterben müssen, aber dein Herz hörte bereits in der Geborgenheit und Wärme meines Körpers auf zu schlagen.

Das war der letzte Dienst, den ich dir erweisen konnte und für mich der Wichtigste.

Dein Leben im Schutz meines Körpers dauerte nur wenige Monate und du warst geliebt, ersehnt, von ganzem Herzen gewollt.

Du trägst drei Namen, wie alle unsere Kinder.

Auch du teilst dir den dritten Namen mit allen deinen Geschwistern.

Deine Geburtsurkunde in unserem Familienstammbuch zeigt klar und deutlich, dass du da warst.

Du warst da. Und du hast tiefe Spuren in unseren Herzen hinterlassen.

Ich wünschte nur, man hätte uns ein wenig mehr Zeit geschenkt.

Im Wande[rn]l der Zeit

„Wir haben morgen übrigens Wandertag, Mami!“

– Okay? Wo wandert ihr hin?

„Wir treffen uns in der Schule und wandern zum Sportplatz. Dort bestellen wir Döner und wandern dann zur Schule zurück.“

[Und ich bin damals 25 Kilometer durch Weinberge marschiert…]

Lieber Opa,

herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

94 Jahre würdest du heute alt werden.

Der Kirschbaum hat wie immer an deinem Geburtstag die ersten Blütenknospen, um an deinem Todestag in 16 Tagen in voller Blüte zu stehen.

Ich vermisse dich. Immer noch. Ich weiß nicht, ob das jemals besser wird.

Niemand, der geliebt wird, ist wirklich tot. Und du wirst geliebt. Du bist lebendig. In meiner Erinnerung, in meinen Erzählungen, in dem, was ich den Kindern weitergebe. Und doch vermisse ich dich so sehr.

Vor zwei Jahren trat ein weiterer Hund in mein Leben, der Trottelige, du weißt schon. Ich wünschte, du hättest ihn noch erleben können. Du hast Hunde so verehrt, auch wenn du dir nie einen erlaubt hast.

In dem Moment, in dem ich gesehen habe, an welchem Tag er geboren wurde, wusste ich, dass er für mich ist.

Und er erinnert mich jeden einzelnen Tag so sehr an das, was du mir vermittelt hast. Dass das Leben nicht planbar ist. Nicht berechenbar. Dass man es nehmen muss, wie es kommt. Dass man Feste feiert, wie sie fallen. Dass Spaß ein Grund ist, etwas zu tun. Dass Liebe nichts mit Leistung zu tun hat. Das. Vor allem das ist etwas, das ich nur durch dich gelernt habe.

Ich wäre nicht der Mensch, der ich sein wollte, wenn es dich in meinem Leben nicht gegeben hätte.

Du warst so unperfekt, so fehlerhaft, so menschlich.

Und du hast mich geliebt. Unendlich. So wie ich dich geliebt habe. Das war lange Jahrzehnte die einzige Sicherheit, die es in meinem Leben gab.

Wenn ich aus meiner Kindheit und Jugend irgendetwas benennen sollte, das den entscheidenden Unterschied gemacht hat, dass ich nicht zu dem irren Psychopathen wurde, zu dem ich gemacht werden sollte, dann würde ich deinen Namen sagen.

Du warst meine Insel.

Die Burg in meinem Inneren, in der mein Kind Zuflucht fand.

Ich liebe dich.