Trost

Meine Mutter konnte trösten. Wenn sie wollte. Wenn sie mich brauchte.

Aufopfernd ließ sie sich an meiner Seite nieder, flüsterte beruhigende Worte, lächelte, streichelte sanft meinen Arm, meinen Bauch, wenn ich wieder einmal Schmerzen hatte.

Immer wieder war da diese große Schutzkugel aus Wärme und Nähe und Liebe, in die ich mich in meiner Hoffnung auf Trost flüchtete, bis ihre Hand nach einigen Minuten das erste Mal meine Brüste berührte. Daran spielte. Bis sie die Hand zwischen meine Beine schob. Meine Geschlechtsteile anfasste. Meinen Po anfasste. Bis sie sich nahm, was sie wollte.

Und alles wurde zu Eis.

Erdulden – Trost, Nähe – zu dem Preis, den sie jedes Mal dafür verlangte – oder sich wehren.
Und die Beschimpfungen und Demütigungen zu ertragen, weil ich so abnormal war.
Weil ich sie nicht wollte.
Weil ich mich so anstellte.

Trost.

Oft hat sie dabei leise in mein Ohr geflüstert, sanft, liebevoll: „Unter Folter und Qual ruft jeder nach seiner Mutter. Jeder ruft nach Mama. Auch du wirst in solch einer Situation nach Mama rufen. Nach mir.

Ich habe nie geschrien.

Nicht nach ihr.

Schicksal

Weißt du Dad, seit ich denken kann, hat man hinter deinem Rücken gesprochen. Über dich. Wie furchtbar du bist. Du bist ein Tyrann. Ein Soziopath. Ein Irrer. Gewaltätig. Ein Alkoholiker. Erfolgreich. Ein Arschloch.
Und alle haben sie vor dir gebuckelt. Alle.

Niemand hat dir Widerworte gegeben. Ich hab mir oft Schläge und Demütigungen abgeholt, bis ich das begriffen habe. Irgendwann gab auch ich auf.
Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft und du warst der Dinosaurier im Wohnzimmer, den niemand erwähnen durfte.

Ich hab dich geliebt. Abgöttisch.
Ich habe dich gehasst. Einmal durch die Hölle und zurück.
Heute… bleibt die Sehnsucht.

Und was ich nie werden wollte, bin ich heute.
Ich bin wie du.
Und nun muss mir gelingen, was dir nicht gelungen ist.

Junkie

Ich bin ein Waschmitteljunkie.

Ich liebe es, wenn frischgewaschene Wäsche nach Waschmittel, Weichspüler, Sonne, Wind oder Ähnlichem duftet. Ich kann die Katze bei aller Hassliebe so gut verstehen, wenn sie sich in einen Korb frischgewaschener Wäsche legt, denn das geht mir genauso.

Damals, zuhause, durfte nichts riechen. Und wenn ich nichts sage, dann meine ich auch nichts.
Haarshampoo, Duschgel, Seife, Waschmittel, Deo, Spülmittel, Menschen, Tiere – es durfte nichts riechen. Wenn es roch, dann stank es.

Das hat mein Vater oft und ausgiebig erwähnt.
Für ein 13jähriges Mädchen ist es ungemein schwierig, nach nichts riechen zu dürfen.

Die Wäsche wurde nur abgekocht bzw. mit irgendeiner Chemikalie gewaschen, die nicht roch. Shampoo haben wir alle ein gemeinsames benutzt, das für mich nach einer Mischung aus Schimmel und Muff roch. Körperteile wurden mit Handwaschpaste gewaschen, die diese Sandkörnchen enthält, mit denen man auch Schmieröl abbekommt.

Und in der Pubertät steht man dann trotzdem da und riecht nach – Mensch.

Mein Vater besitzt die gleiche feine Nase, mit der auch ich gestraft bin.

Und so wurde Leben immer mehr zum Spießrutenlauf, je älter ich wurde. Periode, Schweißausbrüche, Zusammensein mit anderen Menschen, die parfümiert, betrunken, bekifft… etc waren – all das wurde mit einem Nasenrümpfen und einer anschließenden verbalen Demütigung honoriert.

Ich war manchmal zu Besuch bei Freunden, deren Duftwelt mich förmlich erschlug. Hier ein Raumspray, dort eine Pflanze, eine Blume mit Blüte gar – Deo, Parfüm, Duschgel, ich schnupperte mich durch die Welt dieser Menschen und war oft völlig fertig von Sinneseindrücken.

Aber meine Liebe gehört nach wie vor dem Waschmittel.
Meine Oma wusch ihre Bettwäsche immer mit einem Waschmittel, das wie der Himmel roch. Kein Weichspüler, luftgetrocknet und dann gemangelt.

Manchmal konnte ich zwischen meiner Oma und meinem Opa liegen, links roch es nach Hattrick, rechts nach Kölnisch Wasser und das alles inmitten dieser immer frischen Bettwäsche.

Das ist Zuhause.

Ein Zuhause muss nach etwas riechen dürfen.

Atmen

Gibt so Morgende, an denen das innere Kind völlig aufgelöst nach einer Nacht voller Flashbacks herumflattert und nur noch schreit, dass es seine Mutter anrufen möchte – fragen, ob sie es noch lieb hat.

Schwer, aber inzwischen machbar, ruhig zu antworten, dass das nie der Fall war und auch nie sein wird. Und dass das schon okay so ist.

Der Peter

Es ist 1998.

„Fickenblasenanalundwaskannichfürdichtun?“
Ich blinzelte. Starrte das Telefon an und legte vor lauter Schreck gleich wieder auf. Sah nochmal in die Zeitungsanzeige und tippte die dort stehende Nummer erneut.

„IchbinJasminundwillvondirgeficktwerdenundwerbistdu?“
Ich schüttelte den Kopf und ließ wieder fast den Hörer fallen. Zum dritten Mal las ich die Telefonnummer in der Anzeige, sprach die einzelnen Zahlen laut vor mich hin und tippte.

„AlleswasduwillstichbinJasminundwaskannichfürdichtun?“
Mein Gehirn verknotete sich so ein bisschen und ich vergaß, aufzulegen.
„Hallo???“

„Oh, äh, Entschuldigung, ich hab mich wohl verwählt.“

„Rufste auf die Anzeige an??“
*umpf*
„Äh. Ja. Aber dort steht, Sie suchen eine Sekretärin.“
„Ah, der Peter ist schon ein Lustiger. Wart, ich reich dich weiter!“
Bevor ich anmerken konnte, dass ich eigentlich gar nicht weitergereicht werden wollte, meldete sich schon eine tiefe Männerstimme.
„Oh?“
„Oh“ ist nun nicht gerade die Art, von der ich erwarte, dass ein potentieller Arbeitgeber sich am Telefon meldet, aber irgendwie kam ich aus der Sache nicht richtig raus.
Ich sagte mein Verslein auf, wie ich heiße, dass ich die Anzeige gelesen hätte und Berufserfahrung als Sekretärin vorweisen könne und mich nun vorstellen wollte.
„Japp.“
„Äh… Japp im Sinne von?“
„Ja, kommste her!“
Ich atmete und sammelte mich. Die letzten beiden Stellen, die ich hatte, waren eine Stelle als Sekretärin, bei der ich im Kostüm und mit Dutt schon fast aufreizend gekleidet war und bei der der Tonfall ein sehr steifer war und eine Stelle als persönlicher Chauffeur eines Geschäftsmannes und gleichzeitig dekorative Begleitung auf geschäftlichen Anlässen. Auch hier ein sehr formeller Umgangston.

Und nun konnte ich mit „Japp, kommste her“ nur schlecht umgehen.
Um welche Arbeit es sich denn genau handeln würde, fragte ich also und bekam die erfrischend ehrliche Antwort: „Ich hab nen Puff und hier ist Chaos. Ich brauch Hilfe.“
Ich war jung und wollte ja unbedingt die Welt kennenlernen…

Und so verabredete ich mich für den Abend mit „dem Peter“ im September in Bremen. Meine Lieblingskneipe.

„Der Peter“ war so sehr Klischee, dass ich ihn erst einmal konsequent ignoriert habe, weil ich dachte, das kann es nicht sein.
Tarnhose, enganliegendes Muskelshirt, Goldketten, dicke Uhr und gegelte Haare. Muskelberge, die darauf schließen ließen, dass auch viel Gehirn mit wegtrainiert wurde.

Atmen schien mit den vielen Muskeln ein echtes Problem zu sein.
Solariumhaut und blitzeweiße Zähne. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Der Peter war es dann aber wohl doch und so ging ich hin und stellte mich vor.
Mit Vor- und Nachnamen und nettem Sprüchlein.
„Ich bin der Peter.“
Äh. Ja.
„Peter…?“

„Genau. Der Peter. Einfach nur der Peter.“

Ich setzte mich und legte meine Unterlagen auf den Tisch an die Seite. Der Peter blitzte mich mit seinen weißen Beißerchen an und strahlte.
„Was hastn da mitgebracht?“
„Bewerbungsunterlagen. Lebenslauf, Referenzen.“
„Achduscheiße.“
Oh. Die Reaktion war neu.
„Den Scheiß lassen wir weg. Ich muss dich mögen und dann kannste deine Bewerbungsscheiße dem nächsten Sesselpupser in den Arsch schieben. Und wenn ich dich nicht mag, dann mag ich dich nicht. Dann wird das auch mit der Unterlagenscheiße nix. Sach ich mal so.“

OhGott.

Ich blickte ein wenig fassungslos vor mich hin und fragte mich, wie ich aus der Situation wieder rauskam.

„Ey, Schnecke! Kaffee, aber Hopphopp!“

Ich zuckte zusammen und machte ungefähr so große Augen wie die Kellnerin, die angesprochen war. Das nächste, das ich bemerkte, war, dass ich mit Alkohol gerechnet hatte. Er bestellte aber Kaffee.

Der Peter grinste mich strahlendweiß an und fing an zu erzählen.
Ja, er hätte da so eine Idee gehabt und mit Nutten kann man nun mal viel Geld machen und das wär auch total toll und so und die Mädels sind total lieb und wenn man mal über eine drübersteigen wollte, wär das auch kein Problem, die „sind da nicht so“.
Ich überlegte derweil, wie ich am schnellsten nach Hause käme.
Ich lächelte unverbindlich und sagte, das wäre nicht so ganz das, was ich mir vorgestellt hätte und just in dem Moment klingelte dem Peter sein Handy.

„Jetzt heul doch nicht! Wenn er zu groß ist, ist er zu groß! Haste Gleitgel probiert? Was? Ja. Ja, nee, wenns nicht passt, passt es nicht. Hat er schon bezahlt? Will er nun alles zurück? War er denn schon so ein bisschen drin in der Muschi??“

Ich schloss die Augen und mir war sehr deutlich bewusst, dass die gesamte Kneipe sehr ruhig geworden war. Ich versuchte zu atmen und mich zu beruhigen und gleichzeitig nicht laut loszulachen. Ich wollte ja unbedingt mehr Abenteuer vom Leben. Hatte ich nicht erst vor einigen Wochen, als das Geld vom letzten Job alle war, darum gebeten, mal was Verrücktes machen zu können?

Der Peter war inzwischen sehr rot angelaufen und fuchtelte noch so ein bisschen mit seinen dicken kurzen Armen.
„Ja, was können denn wir dafür, wenn der so einen Pferdeschwanz hat? Geschäft ist Geschäft!“

Ich kicherte. Sehr unprofessionell, sehr kindisch. Aber mir war so.
Der Peter sprang auf und bedeutete mir zu folgen. Ich raffte meine Unterlagen zusammen und lief hinter ihm her. Auf dem Weg am Tresen vorbei steckte er der Kellnerin, die schon böse kuckte, einen Hunderter in den Ausschnitt und sagte: „Puppe, freundlicher!“

Ich lief hinter dem Peter her, bis wir draußen waren. Er beendete sein Telefonat und sah mich ratlos an.

„Ich braucht echt Hilfe, du. Und ich find dich toll.“
Der lebenshungrige Teufel in meinem Kopf übernahm die Führung und ich hörte mich fragen: „Wieviel?“
„200 Kröten am Tag. Grundgehalt. Plus Provision.“

Mir wurden die Knie weich.

„7 Tage die Woche. von 8 Uhr morgens bis 24 Uhr nachts.“
„7 Tage??? 300.“
„250“
„Morgens erst ab 9 Uhr“
„Im Nuttenoutfit“
„Hosenanzug“
„Tief ausgeschnitten!“
„Nein“
„Enganliegend“
„Figurbetont höchstens“
„Heute Abend anfangen.“
„Morgen Mittag.“


„Okay.“