Sports [kind of]

 Das kleinste Kind wurde eingeschult und wie schon bei Kind 1, 2 und 3 läuft ein Erwachsener in den ersten Wochen den Schulweg mit.

Der Schulweg ist 2 Kilometer lang, verläuft ein wenig gerade und viel steil bergauf und bergab (Sauerland halt) und beinhaltet 104 Stufen auf einer Strecke. Das heißt, ich laufe pro Hinbringen 4 Kilometer (ich muss ja auch noch wieder nach Hause kommen) und pro Abholen ebenfalls.

Das sind pro Tag 8 Kilometer zusätzlich zu meinem Alltag, knapp zwei Stunden Laufzeit, 416 Stufen, bergauf und bergab.

Weil mir das mit schmerzenden Muskeln und einem ziemlich bescheuerten Gicht-Gelenk am rechten Fuß noch nicht gereicht hat, habe ich – keine Ahnung, was mich da geritten hat – beschlossen, den unerzogenen Braunbären mitzunehmen. Dem kleinsten Kind war es wichtig und ich dachte noch, das wäre ja eigentlich super. Zwei Stunden Extra-Training für den Hund im Bei-Fuß-Laufen.

Haha.

Der Hund, der sich mit seinen 40 Kilo Muskeln bei jedem Schritt in einen Zweikampf mit mir warf und mit dem ich deutlich mehr zu tun hatte als mit dem Fünfjährigen, der (im Gegensatz zum Hund) immerhin schon alle Fußgängerregeln verinnerlicht hatte, brachte mich an meine Grenzen.

Körperlich und auch geistig.

Andere Kinder, andere Hunde, große LKWs, direkt an der Straße, kein Schritt ohne Ablenkung möglich.

Mein Muskelfaserriss bettelte an Tag 2 schon herzerweichend um Gnade, die gesamte Schultermuskulatur tat einfach nur weh und bei der Krankengymnastik fragte meine Physiotherapeutin nur entsetzt, was in aller Welt ich denn getan hätte, als sie mir in die Muskeln griff.

Hätte man sich eventuell überlegen können, das zu verändern, aber ich mache ja keine halben Sachen und hielt es für eine super Idee, das Ganze eine Woche lang durchzuziehen. Bis ich dann vor dem Wochenende ein wenig zusammengeklappt bin und auch dem Haushalt sah man an, wo meine Kraft blieb. Diese Woche begann ich dann aufgrund meines fürchterlich schmerzenden Gichtgelenks den Schulweg ohne Hund.

Und es glich einem Spaziergang.

Zwei Kilometer und 104 Stufen später fragte ich mich, wie ich das jemals hatte anstrengend finden können und auch der Rückweg war in der Hälfte der Zeit erledigt und ich musste nicht mal duschen gehen, als ich zuhause ankam.

Sehr erleichtert, dass ich nicht so himmelschreiend unsportlich bin, wie ich mir das letzte Woche eingeredet hatte, habe ich nun beschlossen, die Hundeerziehung wieder in meinem und im Tempo des kleinen Braunbären voranzutreiben und ihn nicht mit Brachialgewalt all den Reizen auszusetzen, die auch einen gut ausgebildeten Hund manchmal noch zucken lassen.

Immer mit der Ruhe.

Muskelfaser- und Seelenrisse

Woche 8 nach dem Schwindel, Woche 8 nach der Sache mit den Muskeln und den Sehnen und der Halswirbelsäule und Woche 8, nachdem ich erkannt habe, dass mein Körper mir nicht mehr nur Warnschüsse vor den Bug setzt…

„Da.“, sagt meine Physiotherapeutin ganz unaufgeregt, während ich bei gefühlten 45 Grad unter der Wärmelampe schwitze und sie mir unnachgiebig ihre Finger in die Schultermuskeln bohrt.

Ich zucke zusammen und spüre die Tränen, die mir in die Augen treten.

Sie fasst auf die rechte Seite, wo der Muskel nicht gerissen, sondern „nur“ verspannt ist.

 „Da auch wieder.“, sagt sie und ich merke erst jetzt, wie hoch ich beide Schultern schon wieder ziehe.

„Wenn man denkt, man kann nicht mehr weglaufen, dann spannt man sich an und zieht die Schultern hoch. Zur Verteidigung. Sie schützen sich. Und wenn man über einen so langen Zeitraum seinen Fluchtinstinkt ignorieren muss, dann macht das was mit dem Körper. Und das tut Ihnen jetzt so weh.“, hatte sie mir vor Wochen gesagt.

Und ja, scheiße, ich kann nun mal nicht weglaufen.
Und ja, verdammt, ich muss mich schützen.
Vor so vielem, was meine Seele vergiftet.

Hier.
In meiner Burg, in meinem Rückzugsort, der keiner mehr ist.
In der ich alleine um die Sicherheit meiner Kinder kämpfen muss.
Jeden Tag.

Und darum sitze ich hier, heulend, mit einer gerissenen Muskelfaser, eingeklemmten Nerven und einem erneuten Bandscheibenvorfall auf C4.
Ich will unser Familienleben nicht mehr mit unserer Familientherapeutin besprechen.
Ich will keine Supervision, sondern meine Familie zurückhaben.
Ich will in meiner Freizeit mit dem Mann keine lösungsorientierten und sprachgewaltfreien Problemgespräche mehr führen, sondern Pausen haben.
Ich will das alles nicht mehr.
So.müde.
Meine Aufgabe ist es, wieder mehr auf mich zu achten.

Im vergangenen Jahr hatte ich zwei Bandscheibenvorfälle der Halswirbelsäule, ständig Schmerzen in Rücken, Nacken und Schultern, jetzt einen Muskelfaserriss und Schwindelattacken aus der Hölle, eingeklemmte Nerven und so gut wie jeden Tag Kopfschmerzen.

„Sie.müssen.loslassen.“, flüstert sie, während ich aufjaule, weil sie den Punkt an meinem Nacken erreicht hat, der meine Welt wieder dreht.

Der Raum kippt nach oben weg, ich halte mich an der Liege fest, versuche die Panik in den Griff zu bekommen und schließe die Augen.

Vom Schwindeln

Vor fünf Tagen wachte ich auf und meine Welt kippte.

Ich öffnete die Augen und hielt mich voller Panik am Bett fest.
Ich hatte das Gefühl, nach oben gezogen zu werden und nach unten zu fallen.

Nichts war mehr in Ordnung.

Einen halben Tag lang konnte ich mir einreden, dass es vielleicht neue Zyklussymtome seien. Oder einfach nur ein Scheißsonntag. Wer weiß das schon.

Am nächsten Morgen und mehrere Panik- und Heulanfälle später war ich bereit, zum Arzt zu gehen, wohin mich der Mann auch auf schwankendem Boden verfrachtete. Ich saß in einem kippenden Wartezimmer und sah nur noch verschwommen und betete, dass es irgendwas Harmloses sei.

Nacken? Schulten? Rücken? Waren die ersten Fragen des Hausarztes und ich verneinte, weil alles nur normal weh tat.

Da hätte es vielleicht schon klingeln können.

Eine halbe Stunde später hatte ich eine Überweisung zum HNO-Arzt und immerhin Tabletten gegen Schwindel, die bewirkten, dass ich todmüde wurde und die Schränke nur noch von links nach rechts schwankten.
Nachmittags saßen wir dann beim HNO-Arzt in der Praxis und ich tastete mich an den Wänden entlang Richtung Behandlungszimmer.
Nach lustigen Spielchen mit einer Brille sagte der Computer, dass mit meinem Gleichgewichtssinn alles in Ordnung sei.
Der Arzt machte noch mehrere Tests und erzählte mir irgendetwas, das ich nicht verstand. Drückte mal hier, mal dort und erklärte mir, dass meine Augen zucken, wo sie nicht zucken sollten, wenn ich etwas fokussiere.

Stress, stellte er mehr fest als dass er fragte.
Ich nickte beklommen. Joah, schon.
Er nahm seinen Daumen und drückte mir zielstrebig in die Halsseiten.
Alle meine Nervenenden schrieen gepeinigt auf.
Ha!, machte er triumphierend und freute sich.
Ich mich nicht so.
Ich wurde in ein anderes Zimmer gebracht und auf einen Stuhl verfrachtet.

Spritzen. Betäubungsmittel für die Nervenstränge, die sich da in meiner total verhärteten Nackenmuskulatur eingeklemmt hatten und dafür sorgten, dass ich liegenblieb, weil meine Welt sonst schwankte.

Die Lektion kommt so lange wieder bis wir sie verstanden haben.

Bei der ersten Spritze dachte ich, ich muss ihm schreiend vom Stuhl springen und dann machte der Muskel plötzlich „ping“ und meine Welt hörte auf, sich zu bewegen. Die Entspannung war kaum zu ertragen.

Er kippte den Stuhl in Liegeposition und sagte: „Genießen Sie es!“.

Was folgte, war ein Gespräch über meinen Stress. Nicht, dass ich dieses Gespräch nicht schon jedesmal mit jemandem geführt hätte, wenn mein Nacken oder meine Schultern oder mein Rücken mal wieder bis zur Besinnungslosigkeit wehgetan haben. Aber es war, als würde ich das erste Mal zuhören können.

Meine Welt kippt.

Und ich bin die Einzige, die etwas dagegen tun kann.
Ich kann die Umstände nicht ändern. Ich kann die Probleme nicht wegzaubern.

Aber ich kann entscheiden, mit beidem anders umzugehen als bisher.

Außer Betrieb

Ich wünschte, ich hätte die Worte für das, was in mir vorgeht.

Ich scheine auch sie verloren zu haben, wie so vieles im Laufe der letzten 12 Monate.
Ich wünschte, ich hätte mich nicht selbst verloren auf dieser Reise, die nicht meine ist.
Ich bin in die falsche Richtung gegangen.
Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem es kein weiter und kein vorwärts mehr gibt.

Mein Körper und mein Geist haben die Waffen gestreckt.

Sieben

Noch sieben Mal.

Noch sieben Mal das kleinste Kind morgens in den Kindergarten fahren.
Nur noch sieben Mal.
Im Sommer wird es vorzeitig eingeschult und ich darf, kann.. endlich… nach 12 unendlich langen Jahren mit Kindergartenkindern morgens eine neue Routine anfangen.

Ich bin müde. Und sehnsüchtig.
Die Entscheidung für kein weiteres Kind ist unumstößlich.
So richtig.

Und doch sind sie da, die Momente, in denen ich von dem Mann, der der Mann heute ist, so unglaublich gerne noch einmal schwanger wäre.
Noch einmal in meinem Alter mit der heutigen Erfahrung ein Kind austragen würde.
Obsolet sind sie, diese Gedanken.
Zu viele Argumente sprechen dagegen, zu hart haben wir gekämpft und zu viele Kinder haben wir verloren.

Die Zeit des Kindergebärens ist vorbei.

Sieben Male noch.

Dann habe ich sechs Schulkinder.
Ich fühle mich alt.

Weg, weit

An manchen Tagen erscheint es mir unmöglich, dorthin zu gelangen. Unter Zwang. Und so klein die Hoffnung auch war, er würde sagen: Ach, komm, scheiß drauf!, so vermessen war sie im Grunde auch. Aber manchmal ist dieser Weg, der so gar nicht der meine zu sein scheint, so unermesslich weit und ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Will. Das ist doch nicht mein Leben.

Fortschritte

Immerhin, ich kann inzwischen wieder mehr heben als eine leere Klorolle. Leider habe ich mir mit meinem neuen Anspruch, dass der beschissene linke Arm genauso viel können muss wie der Rechte, gerade vermutlich die Schulter ausgekugelt, als ich versuchte, mein Deo zu benutzen. Aber irgendwas ist ja immer. Ich habe die letzten Tage die ersten drei StarWars Filme gesehen. Nicht freiwillig, sondern für die lieben Kleinen (die inzwischen gar nicht mehr so klein sind, ich gebe zu, mein Fernseh-/Filmverbot für pubertierende Teenager überdenken zu müssen), die mich in den vergangenen Monaten in schier unerträglicher Endlosschleife Dinge fragten, die ich einfach nicht beantworten konnte, ohne zwei Stunden lang auf Wikipedia nachzulesen. Dann eben so. Was an schauspielerischer Oberflächlichkeit vielleicht noch übersehen werden konnte in Anbetracht eines gewollt reduzierten Anspruches an eher seichte Gehirntiefe des Zielpublikums, war storytechnisch einfach nur schlecht umgesetzt. Immerhin, Laserschwerter.

Aber irgendwann ist man wohl in einem Alter, in dem es das dann auch nicht mehr rausreißt.

Ausgebrannt

Ich möchte nicht mehr. Ich möchte heute niemanden zum Sport fahren, ich wollte gestern niemandem zum Tanzen bringen, ich will morgen niemanden zum Reiten fahren, ich will nicht mehr abwechselnd zu Physiotherapie und Zahnarzt hetzen, ich will keine anderen Menschen in Kliniken fahren, ich will keine Arztgespräche mehr führen und weder putzen noch einkaufen noch arbeiten noch mir die Sorgen anderer Menschen anhören. Ich möchte nicht eingeladen werden, mit niemandem essen oder ins Kino gehen oder auf einer Hochzeit eine Rede halten, nein. Nein. Nein.

Ich will schlicht und ergreifend meine Ruhe haben. Ich will nicht reden, ich will mir nicht jeden Tag den gleichen Sermon anhören und verständnisvoll nicken, Problemlösungen anstoßen, Taschentücher reichen und vor allem kann ich diesen Körperkontakt kaum noch ertragen. Man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass ich urlaubsreif bin, aber das will ich ja nicht einmal. Ich will nur das gleiche Recht wie jeder kranke Mensch haben, sich einfach in Ruhe und Schweigen zurückzuziehen und über alles, was über Nahrungsaufnahme, Körperhygiene und Gesundwerden hinausgeht, nicht mehr funktionieren zu müssen. Ich weiß, wie sehr sie mich brauchen. Ich weiß, wie sehr das letzte Jahr alle Reserven aufgebraucht hat, die die letzten Jahre über geschaffen wurden. Ich weiß, dass diese Scheißsache mit der Operation und dem langen Heilungsprozess nun so ungelegen kommt wie ein Kropf. Ich weiß es doch. Ich spüre, wie ich stärker und heiler und hoffnungsvoller werde und kann auf der anderen Seite keinen Schritt mehr weitergehen, weil alles in mir einfach nur ausgebrannt ist.

Mein Körper kreischt bei jeder Bewegung. Ich schlafe nicht gut. Ich habe Schmerzen.

Ich fühle mich alleingelassen und ich trage zu viel.

Ich möchte, will und kann einfach nicht mehr. Nur noch wenige Stunden, bis ich wieder in zwei Arme flüchten kann, die mich zumindest einen Moment halten werden.

Licht in der Dunkelheit.

Zeitlupe

Es ist wieder eine Schachtel leer. Ich komme mir vor wie ein Kettenraucher. Ständig der Griff zur Schachtel, ein kurzes Nachdenken, wie viele man schon hat, wie viele man noch darf, bevor man wieder auf andere Medikamente ausweichen muss. Gestern der erste Tag nach der Operation, an dem ich mal wieder Medikament, zusätzliche Tabletten gegen Schmerzen und dann abends noch stärkere Schmerzmittel aufeinander stapeln musste. Junkie, ich. Immerhin das Morphin steht seit Wochen nur noch im Schrank und hält mir für Notfälle den Rücken frei. Ich habe kurz überschlagen, was ich dafür auf dem Schwarzmarkt bekommen würde und immerhin – die Geldsorgen wären wir dann auch gleich los. Rückhalt in mehr als einer Hinsicht also. Die Gedanken bewegen sich träge durch den Tag, der vor mir liegt. Das Übliche. Viel Arzt, viel Rezept- und Überweisungskram, Termine machen, planen, warten. Vor allem warten. Warten darauf, dass die Schmerzen vielleicht zurückgehen, warten auf die nächste Tabletteneinnahme, warten auf den nächsten Tag. Alles wie immer. Arbeit würde mir guttun, aber ich habe ja gestern erst wieder gemerkt, wie sehr mir dann mein Körper nachmittags die Kelle vor den Latz knallt. Alle Lichter aus und dann kommt die Zeit der Buße. Danke, aber nein danke. Die Aussicht auf ein heute notwendiges Maß sozialer Interaktion außerhalb meiner Rehabilitation ringt mir ein gedankliches Würgen ab. Notfälle, natürlich. Ich bin ja da, ich habe ja bestimmt einen Rat. Ich verdamme den Tag, an dem ich diesem Netzwerk beigetreten bin. Damals, als ich nach draußen wollte. Als ich öffentlich wurde. Wo will ich denn jetzt noch hin?

Langsam, sagt mir die verfickte innere Stimme, die mir auch immer rät, doch noch eine Nacht darüber zu schlafen, bevor ich mir umbringe.

Leise Stimmen haben nur die anderen.

Resignation

„Es sind nur Richtwerte, aber drei bis sechs Monate nach der Operation sollten Sie damit rechnen können, auch mal wieder einen schmerzfreien Tag zu haben… Wo genau sind Sie heute?“ Ich sehe in eisblaue Augen. Wissend, lächelnd. Eines jener Lächeln, das niemals den Mund erreicht, sondern das aus einem tiefen inneren Wissen gespeist wird, das man annehmen muss, um es erkennen zu können.

Ich räuspere mich. „Vier“, kommt es gepresst über meine Lippen.

„Wochen.“, füge ich widerwillig hinzu.

Morgen sind es vier Wochen.

Er zieht die Augenbrauen hoch, unmerklich. „Dafür haben Sie bemerkenswerte Fortschritte gemacht!“
Er lächelt aufmunternd, ich resigniert.

„Geduld, hm?“ Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage an ihn, aber er nickt trotzdem. Ich nehme einen Stapel Zettel in Empfang für mehr Schmerzmittel, mehr Physiotherapie, mehr wasweißich und verabschiede mich, jaja, bitte, danke, du mich auch.

Bis zum nächsten Mal.