Prioritäten

8 Uhr morgens.

Kinder! Anziehen! Schneeschippen!

– „Ich habe eine Knieverletzung!“
– „Ich habe keine Lust!“
– „Ich habe keine zum Blauton meiner Winterjacke passende Mütze, die auch zum Rot der Schneeschaufel passt!“

[…]

Kriegerin

Ich hab der am Knie verletzten Tochter gesagt, sie soll mir rechtzeitig eine Nachricht schicken, wann sie heute Nachmittag wegen evtl. Unterrichtsausfall von der Schule abgeholt werden muss.

Ich vermute, ich bekomme irgendwann einfach eine WhatsApp mit dem Text: Jetzt!

Erfahrungswelten

Butz lauscht den Erzählungen der großen Schwester, die aufgrund einer eher risikofreudigen Grundeinstellung zum Leben die Notaufnahmen sämtlicher Umgebungskrankenhäuser von innen kennt und schlussfolgert:

„Ich war noch überhaupt nicht so oft in der Notaufnahme, oder? Ich habe ein eher langweiliges Leben, glaube ich.“

[Sagt das Kind, das den OP-Rekord hält.]

Zeitplan

„Ein bisschen mehr Disziplin in der Morgenroutine wäre nett, Mami! Du hast genug Zeit, auf die Toilette zu gehen, wenn ich auf dem Weg zur Schule bin. Oder du stehst einfach mal früher auf.“

[Andere Eltern bekommen als letztes Kind ein Nesthäkchen, keinen Manager…]

Ernährung

„Es tut mir leid, Mami, ich weiß, du liebst mich, aber ich mache mir meine Brotdosen jetzt selber. Ich finde, du legst zu viel Wert auf Obst und Gemüse.“

[Es ist zu früh für solche Ansagen.]

Mein geliebtes großes Tochterkind.

Ich schreibe dir hier, weil du es so nicht lesen wirst.

Ich habe in den letzten dreieinhalb Jahren unzählige E-Mails, Briefe, WhatsApps geschrieben. Immer auch um den unendlichen Schmerz in meinem Herzen kreisend, den ich einfach nicht unter Kontrolle bekomme. Worte, auf die du nie antworten wolltest. Du hast dich allem entzogen, was deinem ganz persönlichen Neuanfang nicht dienen wollte.

Ich arbeite daran.

Seit Jahren.

Mit Hilfe.

Allein.

Laut.

Stumm.

Er wird nicht kleiner. Der Schmerz verstummt nur in stiller Resignation zwischen den Tagen, an denen er an die Oberfläche taucht und schier nicht auszuhalten ist. So wie heute. Ich habe gestern die letzte Nachricht an dich gelöscht, die ich geschrieben habe. Dort stand zu viel Herz. Zu viel Schmerz. Will dich nicht bremsen, nicht runterziehen. Du hast mit uns schon längst abgeschlossen – wer bin ich also, dich immer daran zu erinnern, dass der farbenprächtig funkelnde Palast deines jungen Lebens auf den Scherben einer ganzen Familie gebaut ist? Dieser Gedanke ist unfair und ich weiß das. Darum belästige ich dich nicht mehr mit mir, mit meinen Gefühlen, mit meinem Schmerz. Es reicht, wenn ich ihn trage. Die Mutter, die du verlassen hast, bin ich längst nicht mehr. Aber wen interessiert das, nicht wahr?

Was tut man, wenn einer fertig mit der Aufarbeitung ist und der andere nicht? Es gibt keine Lösung. Meine einzige Strategie, dies hier nicht in deinen Rucksack zu packen, ist Schweigen. Das packt ein anderes Gewicht in dein Reisegepäck, aber mir scheint es erwünschter. Ich schreie meinen Schmerz schon lange nicht mehr in die Welt, auch wenn der Sturm tobt. Die Trauer. Ich habe dich verloren und nichts, aber auch gar nichts wird dich zurückbringen. Die Zeit hat das ihre getan und inzwischen bist du erwachsen und die Zeit, die wir verloren haben, ist unwiederholbar. Es bleibt nur Akzeptanz.

Es wird das vierte Weihnachten ohne dich.

Irgendwann wird das nicht mehr weh tun.

Irgendwann.

Anamnese

„Mama, mir ist übel, ich muss husten und ich glaube, ich übergebe mich gleich.“

Ich, in Gedanken: OP-NACHWIRKUNGEN! CORONA! KRANKENHAUSKEIME! MAGEN-DARM! AUSNAHMEZUSTAND! HILFE! PANIK!!!

„Ich glaube, dass drei Packungen Pringels zu viel auf einmal waren.“

Meine Kriegerin.

Deine Tage versinken in Dunkelheit.

Ich sehe dich, ich spüre die Last, die du mit dir trägst, obwohl du sie kaum in Worte fassen kannst.

Das Leben ist nicht mehr schön, es ist nicht mehr lebenswert und die Momente, die wir uns schaffen, tragen dich immer nur kurz.

Ich habe Angst, dich zu verlieren.

Du bist mein Herz, mein Leben, das Salz auf meiner Haut.

Manchmal sehe ich mein Spiegelbild so deutlich in dir, dass es mir fast körperlich weh tut.

Ich sehe, dass du kämpfst.

Ich weiß, dass du dich noch gegen die Macht, die damit einhergeht, wehrst.

Und ich kenne den Strudel, der dich erfassen wird, wenn du an den Punkt kommst, dieses Geschenk mit beiden Händen auch ergreifen zu wollen.

Nicht um der Dunkelheit, sondern um des Lichtes Willen, das sich dahinter verbirgt.

Aber um das Licht sehen zu können, muss man sich der Schwärze ganz stellen. Mit allem, was man hat. Mit allem, was man ist. Ganz oder gar nicht. Es ist der Tanz auf dem Vulkan, der auf allen Seiten nur Abgrund kennt.

Aber noch ist es zu groß, zu mächtig, zu angsteinflößend und kaum zu kontrollieren. Deine Hormone fahren Achterbahn, du wirst fast zerrissen zwischen Sehnsucht, Wut, Einsamkeit, Liebe und Hass. Diese Dinge passen nicht gut zueinander für dich und ich würde dir so gerne versichern, dass sie das tun. Aber ich weiß auch, welcher Kampf vor dir liegt. Jeden Tag aufstehen gegen die Versuchung, die in den Schatten liegt.

Du verletzt dich selbst, um all das zu ertragen, um ausharren zu können, um dem alles überwältigenden Drang nicht nachzugeben, anderen Wesen Schmerzen zuzufügen, während du eigentlich nur all deine Wut herausbrüllen und alles vernichten willst.

Du bist größer als das alles.

Du darfst straucheln.

Du darfst fallen.

Und solange du mich lässt, werde ich dir wieder aufhelfen.

Du bist eine Naturgewalt.

Geboren mitten in die Dunkelheit, als nur die Blitze den Kreissaal erhellten, während der Donner im Takt meiner Wehen deine und meine Welt erschütterte.

Kraftvoll, alles verzehrend, einzigartig und ich liebe dich so sehr.

Du bist der Sturm.