Weihnachten

„Wenn Sie Hunger haben, nehmen Sie halt das Brötchen!“, produzierte sich die Frau vor dem Bettler und hielt ihm lieblos die Tüte hin. Sah gleichzeitig beifallheischend in die Menschenmenge, die als Schlange beim Bäcker vor dem Supermarkt anstand.

„Diese Penner!“, keifte sie noch beim Weggehen, als der Obdachlose stumm die Tüte nahm und auch noch das Gesicht verzog. Diese Anmaßung! Erst betteln gehen und dann auch noch Sonderwünsche haben. Angeblich Hunger haben und dann nicht mal das mitgebrachte Brötchen nehmen. Nur Geld haben wollen – dieser Abschaum der Gesellschaft.

Abschaum darf keine Allergien haben.
Keine Vorlieben.
Kein Nicht-Mögen.
Friss oder stirb, mehr gibt es nicht.
Ich gebe dir Geld und weil ich es mir leisten kann, arrogant zu sein, gebe ich dir noch ein joviales Aber-keinen-Schnaps-kaufen-ja? mit auf den Weg.

Meine Gedanken wanderten einige Jahre zurück, als ich am Weihnachtsabend in der Fußgängerzone neben einem Obdachlosen auf einer Bank saß. Sonst liefen wir gemeinsam ein Stück, aber heute saßen wir. War schon ein wenig her, dass unsere Wege sich das letzte Mal trafen.

„Sie fühlen sich unwohl auf der Bank?“ lächelte ich ihn an, weil er ständig hin und her rutschte.

„Ja .Gewohnheit. Die Leute müssen das Gefühl haben, auf mich hinabblicken zu können. Sonst geben sie nichts. Bänke sind nicht für Menschen wie mich.“

Ich antworte nicht, sondern gab ihm sein Weihnachtsgeschenk. Die Hälfte meines Gehaltes von diesem Monat.

„Ich würd gern was Schlaues sagen.“, flüsterte ich hilflos.

„Dann sag doch, ich soll mit dem Geld was Vernünftiges machen. Nicht saufen gehen.“

„Sind die Nächte sehr kalt im Moment?“

„Ja.“

…

„Du kannst noch sagen, ich soll mir doch ein Obdachlosenheim suchen.“

„Ja. Könnte ich. Schlafen Sie immer noch auf dem Friedhof?“

„Ja. Wenn sie mich nicht erwischen. Letztens musste ich die Nacht auf Station verbringen. Sie haben mich angeschrien, ich solle zur Vernunft kommen.“

Bitterkeit mischte sich in seine Stimme.

Ich erzählte, ich sei schon auf dem Weg zu meinen Großeltern. Weihnachten eben. Irgendwann schlich sich die Wehmut in sein Gesicht.

„Ich muss langsam los. Muss noch Alkohol kaufen für heute Nacht.“

„Würden Sie Ihrer Frau frohe Weihnachten von mir wünschen?“, fragte ich leise.

Er lächelte wieder.

„Ja. Vielleicht können wir nächstes Jahr schon wieder zusammen sein.“

Eine einzelne Träne lief über seine Wange, die er sachte wegwischte. Er blickte sich um, ob wir unbeobachtet waren und sah mir das erste Mal direkt in die Augen. Für einen Moment berührten sich unsere Seelen.

„Diese Erde zwischen uns, wenn wir nachts schlafen… sie ist fast unerträglich…“

Er verschloss sich wieder, stand auf, wandte sich ab und murmelte noch ein leises „Danke“, bevor er verschwand. Ich blickte stumm in die Dunkelheit.

Einige Zeit später betrat ich die helle und warme Wohnung meiner Großeltern. Meine Großmutter hatte rosig glänzende Wangen und strahlte und die laute tiefe Stimme meines Großvaters tönte mir entgegen.

„Kind! Es ist Weihnachten! Komm, lass uns zusammen spielen!“

Ich wurde sofort umfangen von dieser warmen leuchtenden Stimmung und legte den Mantel ab. Als die ersten Akkordeontöne erklangen, fiel mein Blick auf die offene Balkontür und meine Gedanken wanderten zu dem Friedhof, nicht weit und doch ganze Welten von uns entfernt.

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