Gestern Abend habe ich das erste Mal nach seinem Tod Bilder der letzen Jahre von meinem Opa angesehen. Hier im Wohnzimmer an der Bilderwand hängen zwar auch einige, aber da es sich um mehrere hundert Bilder handelt, kann man die mit Opa auch ganz gut übersehen.
Gestern habe ich mich bewusst gestellt.
Vor 7 Jahren, wie er meine erstgeborene Tochter vorsichtig in seinen riesigen Pranken hielt, immer Angst hatte, ihr weh zu tun. Er hielt die Hände wie eine Schale, das Neugeborene darin gut behütet, das kleine Köpfchen lugte noch hervor, der Rest lag in seinen Händen. Meine Tochter war da erst wenige Tage alt.
Verunsichert sah er mich immer wieder an, dieser große starke Fels, der durch ein flaumweiches neues Menschlein ganz schön ins Schlingern geriet. Mir wurde erst Jahre später bewusst, dass er meinen Vater in diesem Alter nie auf dem Arm hatte. In den Nachwehen des Krieges gab es andere Dinge zu tun. Auch mich hatte er als Neugeborenes nicht auf dem Arm. Erst bei meiner Tochter schloss sich etwas.
Vor 6 Jahren war er zu Besuch und meine gerade einjährige Tochter wurde von ihm heimlich mit Vanillepudding gefüttert, weil diese Pampe, die sie sonst bekam, ja nichts wäre, wovon so ein Kind satt werden könnte. Wir haben uns damals ziemlich in die Haare bekommen, weil ich sehr strikt meine Vorstellungen durchsetzen wollte. Er warf mir an den Kopf, dass sein Sohn im Alter von zwei Wochen bereits Bratkartoffeln gegessen und das auch prima überlebt hätte. Ich fuhr ihn an, dass das aber nicht das Maß aller Dinge sei und es nun immerhin über 50 Jahre später wäre. Er hatte das nicht verstanden und lenkte trotzdem ein.
Vor 5 Jahren bei seinem Besuch hatte meine Tochter erste Worte und ihren eigenen Kopf entdeckt und nuschelte ganz herzallerliebst ein zartes „Uaopapa?“ mit einem Augenaufschlag, wenn sie etwas von ihm wollte. Auf den Bildern ist er sehr kräftig, gut gelaunt. Ich sehe meine schwache Oma dagegen, der es gerade zu dieser Zeit überhaupt nicht gut ging und ich erinnere mich, dass mir das Sorgen machte.
Er mir überhaupt nicht.
Die darauffolgenden zwei Jahre habe ich ihn überhaupt nicht gesehen. So viel ist passiert in diesen Jahren, wir bewegten und alle sehr voneinander weg.
Vor zwei Jahren hat er schließlich den Kobold das erste Mal gesehen. Dieses ständig schreiende und brüllende Kind, das keine fremden Menschen mag, kletterte aufs Sofa und hoppste meinem Opa in die Arme, als würden sie sich schon Ewigkeiten kennen.
Bilder von Oma und Opa, wie sie einträchtig nebeneinander auf dem Spielplatz mit uns sitzen, kräftig, gesund, gut gelaunt. Niemand dachte an den Tod. Da war viel zu viel Leben. Mein Opa plante weiter Operationen zur Verbesserung seines Allgemeinzustandes. Hier noch ein neues Knie, da noch eine kleine Erneuerung, er hatte schließlich noch viel vor.
Letztes Jahr fing es mit den kleinen Wehwehchen an. Die Motte wurde geboren und wir waren alle sehr beschäftigt.
Dieses Jahr dann dieses Gefühl.
Der völlig überstürzte Aufbruch von uns in das Heim, in das er aus dem Krankenhaus gekommen ist, weil er sich plötzlich überhaupt nicht mehr selbst versorgen konnte. Dieses Gefühl.
Die Aussage von Ärzten und Pflegern, es sei alles in Ordnung. Alles im Rahmen, alles prima. So schnell stirbt es sich nicht. Aber dieses Gefühl.
Die Erleichterung bei der Ankunft, ihn zu sehen. Diese hellen Augen, die mal so blau waren und mich sanft ansahen, ohne dass ich verstand. Die großen Hände, die die kleinen Füße der Erdbeermotte zart berührten. Die Finger, so beweglich einst, die steif und voller Schmerzen waren. Mein Opa. Mein Mut, ihn nach 10 Jahren das erste Mal wieder zu umarmen und das Gefühl, dieses warme, helle, leuchtende Gefühl, dass sich ein Kreis schließt.
Dass es gut ist.
Es gibt ein Foto, das ich gar nicht bewusst nur von ihm gemacht habe. Wir saßen im Heim alle vor dem Fernseher, den mein Mann für ihn eingestellt hat. Er wollte so gerne fernsehen, hatte aber keine Ahnung, wie man das Gerät richtig einstellt. Also hat der große Mann das gemacht. Opa saß in seinem Sessel, mein Mann mit der Motte auf dem Schoß daneben, die mit ihrem Fuß immer gegen die kitzelnde Hand meines Opas stupste. Daneben auf einem Stuhl der gespannte Kobold und das Tochterkind, die dachten, sie würden durch göttliche Fügung gleich in den Genuss von SpongeBob kommen und fasziniert auf das grauwuselnde Bild blickten.
Ich wollte nur diese Situation mit der Kamera festhalten, keiner sah in meine Richtung und ich drückte auf den Auslöser. Später, viel später sah ich mir dieses Bild wieder an und mir schoss das Adrenalin in die Adern.
Mein Opa sieht mich auf diesem Bild mit seinen fast weißen Augen direkt an. Nicht zufällig.
Wissend.
Ein wenig müde, aber sehr liebevoll lächelnd.
Dankbar.
Zum Abschied.
Es ist das letzte Foto von ihm.