So abgeklärt wie man sich das gerne einbildet, ist man ja meistens gar nicht. Das merkt man aber nicht bei Beurteilung fremder Situationen, sondern erst, wenn man mitten in etwas drinsteckt, das man sich so ganz anders vorgestellt hatte.
Vor einigen Jahren habe ich verklärt lächelnd verkündet, dass es für mich natürlich überhaupt kein Problem darstellen würde, wenn mein eventuell irgendwann vorhandener Sohn anders wäre. So richtig anders. So ganz grundlegend anders als man das für normal erachten würde. Wenn er so gar nicht dem Bild eines kleinen Rabauken entsprechen würde, als den man sich kleine Jungs nun mal so vorstellt.
Und selbst wenn er mit drei Jahren immer noch an Schnuller, Windel und Milchflasche hinge und so sensibel wäre, dass eine ganze Familie Kopfstände machen müsste, um das einigermaßen aufzufangen und ihn zu begleiten, würde ich das gerne und ohne Schwierigkeiten bewältigen.
Neinnein, kein Problem. Ach, ich doch nicht.
Ein Kind zu begleiten, dass sich jenseits jeder Norm entwickelt, bringt an Grenzen. Es zerreißt mich manchmal fast, mit dem Kobold unsere Drinnen-Welt zu verlassen und nach draußen zu müssen. Wo er angestarrt wird, diesem Druck ausgesetzt ist, die Normalität zu spüren.
Es wird alles besser. Jeden Tag ein bisschen. Manchmal gehen wir einige Schritte zurück, dann wieder vorwärts.
Dieser zarte flusige Kobold, der im Ballettröckchen auf der Straße tanzt, der so sehr er selbst ist, dass schon die Begegnung mit einer kleinen Gruppe Menschen, die Masken tragen, zu einer Feuertaufe wird und uns um Monate zurückwerfen kann – das ist meiner. Mein Sohn.
Er ist wie er ist, sagt der große hübsche Mann immer mit diesem verliebten Lächeln und ich frage mich, wieso es ihm so leicht fällt, wo ich mich manchmal so schwer tue.
Aber er muss mit ihm ja auch nicht ins Draußen.
Da muss ich mit ihm hin.
Und doch, wenn er einen der größeren Anfälle ertragen muss, abends, vor dem Schlafengehen, wenn ich die Mädchen in Sicherheit bringe, damit sie wohlbehütet schlafen können, dann weiß ich, dass auch er eine Grenze erreicht.
Warten können wir und das können wir nach über drei Jahren auch gut. Aushalten. Ertragen. Abwarten.
Wo es bei meiner Tochter so rasend schnell voranging, entdecken wir nun die Langsamkeit.
Es ist schwer, Grenzen zu ziehen, die ein normales Kind ohne Probleme ertragen könnte.