Motte ist in einem Alter, in dem ich sie leider nicht mehr im Einkaufswagen fixieren kann, um nur zwei Chaoten beaufsichtigen zu müssen. Nein, sie kreischt vehement ihr Veto, sobald sie das Klapp-Ding auch nur sieht. Also läuft sie. So sehr ich es schätze, wenn Kinder laufen – alleine, beim Einkauf mit drei Kindern, von denen zwei innerhalb von Sekunden in den Berserkermodus wechseln können, ist das – suboptimal.
Ich danke jeden Tag für viele viele Jahre Hundeschule, denn – es ist das Gleiche.
Die wohl einschneidendste Veränderung in meiner Stimme, meinem Tonfall, meiner Haltung und meinem Denken verursachte mein Ausbilder, der grundsätzlich nur auffällig gewordene Kampfhunde zu sich nahm, die während des Unterrichts wie fromme Lämmchen hinter ihm herschlichen. Immer am linken Bein, der Rangfolge nach aufgestellt, immer mit gespitzten Ohren zu ihm. Jedes geflüsterte Kommando, jede Handbewegung wurde im Bruchteil von Sekunden ausgeführt, während wir Idioten mit unseren zerrenden Kuscheltieren an der Leine Mühe hatten, die Fellknäule zu irgendwas zu bewegen.
Es klappte alles nicht. Ich rasselte durch eine Prüfung nach der nächsten. Der Hund tat nicht das, was er sollte.
“Ich kann deine Angst hören.”, sagte der Ausbilder eines Tages leise. “Du kalkulierst mit ein, dass es eventuell nicht klappen könnte. So lange der Funken eines Zweifels da ist, wird niemand auf dich hören wollen.”
Es veränderte alles. Nicht nur die Hundeerziehung – mein ganzes Leben. Und dann schlussendlich auch das Leben mit Kind. Es ist harte Arbeit, jeden Tag. Jeden Tag ein enges Korsett aus Befehlen, Anweisungen, Forderungen. Es sind strenge und enge Grenzen, in denen meine Kinder die ersten Jahre verbringen. Sie müssen sich aufstellen. Sie müssen gehorchen.
Ich weigere mich, meinen Kindern hinterher zu laufen. Ich erwarte, dass bei meinem Wort alle stehen bleiben. Sich benehmen können. Die Rückschläge bringen uns voran. Ich dachte drei Jahre lang, mein Sohn würde niemals lernen, was das Wort Nein bedeutet. Umso fataler nach einer Tochter, die im Alter von 8 Monaten bereits sehr gut verstand, was dieses Wort ausdrückte.
Die Motte ist noch mal ganz anders wild. Der Kobold schlägt einfach nur quer. Wenn er unterwegs einen Anfall bekommt, ist eh meistens alles verloren, aber wer würde an dieses Kind schon normale Maßstäbe anlegen wollen. Dann schnuffelt er sich unter meinen Pullover und wir versuchen, ohne größere Unfälle nach Hause zu kommen. Früher ist er oft weggerannt. Aber das haben wir inzwischen gut im Griff. Er ist ein Träumer. Er lebt in seiner eigenen Welt, vor einem Jahr noch wesentlich extremer. Sieht er in einem Einkaufsladen Haie, muss er vor ihnen weglaufen, das ist für ihn sehr logisch.
Die Motte dagegen erfordert eine ganz andere Taktik. Sie lebt nur im Jetzt und Hier. Sie ist … eine Naturgewalt. Sie stürzt sich mit infernalischem Gebrüll in den Supermarkt wie Hochlandkrieger in die nächste Schlacht. Jedes Regal wird mitgenommen, jedes Teil will angefasst werden. Immer begleitet von lautem Gekreische, bummerndem Trampeln und einer Körpermasse, die auch schon mal ein paar Schilder mitreißt. Kollateralschäden inklusive.
Wenn sie läuft, sind meine Sinne in höchster Alarmbereitschaft. Alle paar Sekunden wird dieses Verhalten relativiert, gemaßregelt, bewertet. Immer in die Hocke, immer in die Augen kucken, das Lachen abwarten, bis der Ernst in ihre Augen tritt und sie mir zuhören kann. Es ist eine sehr schweißtreibende Angelegenheit. Es interessiert sie einfach nicht. Würde ich aufhören, daran zu arbeiten, wäre ich innerhalb kürzester Zeit eine dieser kreischenden Mütter, die hochrot durch den Laden hetzen und ihre Kinder nicht mehr finden. Sie hat einen enormen Dickkopf, mehr als ich jemals für möglich hielt. Das wird ihr irgendwann von großem Nutzen sein. Sie ist die geborene Führerin. Präsent, gewaltig, einnehmend, fordernd, willensstark und echt.
Aber wer führen will, muss dienen können…
Wenn die Zügel etwas gestrafft werden, laufen da tatsächlich drei ganz entzückende Kinder, die sehr viel “Ah”s und “Oh”s von ihrer Umgebung hören. Einschließlich des großzügig Hingekotzen: “Da haben Sie aber Glück, dass die drei so pflegeleicht sind und sich so gut benehmen können.”
Hmhm. Na klar. Sie machen viel Unsinn. Müssen sie. Dürfen sie. Aber eben nicht die meiste Zeit.
Die wahre Herausforderung ist die Gratwanderung, ihnen zu vermitteln, dass einige Befehle demütigen Geistes befolgt und Einige kämpferischen Herzens verweigert werden müssen.