Ich spüre, wie ich an meine Grenze komme.
Ich sehe seit gestern Nachmittag dieses Krankenbett vor mir, das so ausgerichtet ist, dass dieses neunjährige Mädchen den ganzen Tag entweder auf den immerlaufenden Fernseher oder eine weiße Wand sieht. Hinter ihr ist der große Wohnraum, die offene Küche, das offene Esszimmer und sie, inzwischen nicht mehr fähig sich umzudrehen, liegt nichtssehend nur hörend mit dem Gesicht zu weißer Wand und Fernseher.
Hier ist mein Urteil, wo keines gefällt werden darf. Nicht mein Leben, nicht meine Schuhe, nicht mein Weg.
Ich spüre bei ihrer Mutter, die ich so sehr liebgewonnen habe, dass sie ihr Möglichstes tut. Sie gibt alles von sich, jede verbleibende Sekunde bei ihrem Kind zu sein.
Und doch: da sind noch zwei kleine Geschwister, die hinter ihr spielen, Abendessen, Mittagessen, Frühstück, Familienleben, das hinter ihr stattfindet.
Und ich denke an diese wachen Augen, die jede meiner Bewegungen verfolgt haben. Ein wacher Geist in einem aufgebenden Körper.
Ich würde das Bett umdrehen. Ich würde den Fernseher nicht die ganze Zeit laufen lassen.
Würde ich? Würde ich nicht?
Ich spüre meine Grenze, so dicht, so kompromisslos und so unerwünscht von mir, die ich doch einfach nur dasein möchte, ohne Urteil.
Lange habe ich mich mit dem Mann gestern darüber auseinandergesetzt, unter Tränen. Geklagt habe ich, dass dort kein Kuscheltier im ganzen Raum ist, kein Spielzeug, keine Kuscheldecke, nichts. Nichts. Und ich sehe vor mir wieder, wie sie das Einhorn umklammerte, lächelte, wie diese nassen großen Kindertränen dabei aus ihrem Auge liefen, als sie es umfasste… und ich spüre meine Grenze und verfluche sie.
Macht sie mich überheblich? Wertend?
Ich will das nicht.