Sterben am Freitag – Mirlinda

„Ich werde den Kindern am Freitag sagen, dass sie jetzt sterben wird.“
Seit dem Gespräch mit der Klassenlehrerin der großen Tochter schnürt sich der große Kloß in meinem Magen mehr und mehr zusammen.
Es ist so… anmaßend. Abschließend. Es wird jetzt „noch ein letztes Mal“ was gebastelt und fotografiert und dann…? Kann man das Thema abhaken?
Es ist so widersprüchlich, jemanden, der noch lebt, vorzeitig dem Tod zu übergeben.

Das Tochterkind muss sich das nun heute Morgen anhören, wir haben gesprochen, aber nicht darüber, dass dieses Kind nun auf jeden Fall innerhalb kürzester Zeit sterben wird. Dass sie sterben kann, ja.
Aber dass sie nun in der Schule das Gefühl vermitteln, „das Ganze“, wie FrauKlassenlehrerin meinte, sei nun vorbei, das finde ich sehr grenzwertig (auch hier wieder, meine Grenze).
Denn ich weiß nicht, wann ihre Freundin stirbt. Das weiß nur einer und ich bin weit davon entfernt, so anmaßend zu sein, eine Prognose abgeben zu wollen.
Die Klassenlehrerin verhält sich wie viele Menschen, wenn der Tod Gesprächsthema ist. Sie wird leise, schaltet auf Betroffenheit um, weicht direkten Blicken aus und setzt ein trauriges Gesicht auf, das angemessen erscheinen soll und bemüht sich, das Thema zu beenden.
Allgemeinplätze werden aneinandergereiht, um dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. Als könne man den Tod so davon abhalten, auf das eigene Leben, die eigene Familie aufmerksam zu werden…

Und ungefähr jetzt erzählt sie der gesamten Klasse also, dass dieses Kind noch ein letztes Mal was gebastelt bekommt und dann stirbt. Ende. Entzückend.
Und wir werden heute Nachmittag wieder in diese verdammt lebendigen Augen blicken und uns ein wenig schöne Zeit machen.

Das Tochterkind wird diesen Widerspruch aushalten müssen.

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