Regenbogen

Hallo Tod, murmle ich müde in Gedanken, während ich mich heute Morgen aus dem Bett quäle. Warum ist der eigentlich immer da? Und war er früher nicht da oder habe ich ihn nur nicht gesehen? Ich muss irrwitzigerweise an die Thestrale aus Harry Potter denken und überlege, ob man den Tod vielleicht nur als ständigen Begleiter sehen kann, wenn man einmal in seinem Leben an einem Punkt war, an dem man ihm in die Augen sehen musste.
Ich weiß es nicht. Vielleicht will man ihn auch einfach nur vorher nicht wahrnehmen.
Er hat für mich in vielerlei Hinsicht seinen Schrecken verloren. Ich versuche nicht mehr, ihn aus meinem Leben zu prügeln und das erleichtert.
Es ist nicht schön, ihn dabei zu haben, aber es ist okay. Wozu gegen die Existenz des Todes kämpfen, wenn man diese Energie ins Leben stecken kann?

Beides – Leben und Tod existiert immer nebeneinander. „Warum bist du nicht in der Schule?“, fragt unser Kinderkardiologe meine große Tochter liebevoll und ich atme tief ein. Kann ich sie alleine lassen damit?
Ich neige nicht dazu, für meine Kinder zu antworten, aber in diesem Moment möchte ich meine Flügel über sie ausbreiten und die Welt ausschließen.

„Ich mag heute nicht.“, antwortet sie leise, hält aber seinem Blick stand. „Meine Freundin ist gestorben.“

Er blickt mich erschrocken an und ich sehe ihn an. Der Tod verändert die Menschen, sobald man ihn nur beim Namen nennt. Es ist eine unglaubliche Macht, die er besitzt und die die meisten Menschen in ihren Bann zieht. Ich bin müde.
Das Tochterkind kuschelt sich an das Baby in meinem Bauch und erzählt ihm leise Dinge, während das Herz meiner Motte mal wieder eingehend untersucht wird und der Kardiologe mit ihr plänkelt.
Wir verabschieden uns nach einer Stunde, herzlich, bis zum nächsten Mal. Es regnet.

Auf dem Rückweg beschließe ich, noch mit meinen Töchtern spazieren zu gehen. Wir nehmen unsere Regenschirme, kaufen uns ein Eis in der Eisdiele und treten in den strömenden Regen.
Ich denke an die Familie, die mit einem Sarg und einem toten Kind in ein 2000km entferntes Land fliegt, um es nach Hause zu bringen und fühle, wie die Hilflosigkeit mich übermannt.
Unwillkürlich fange ich an, leise Somewhere over the Rainbow zu singen und sehe in die lachenden Gesichter meiner Töchter, die durch den Regen tanzen und springen.

Ich denke an die Menschen, die mir im Herzen verbunden sind und drehe mich um.
Über dem Fluss leuchtet ein intensiv gefärbter Regenbogen.

Ich lächle. 

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