Wechselschritt

Ich weiß nicht, warum die Erinnerungen momentan so stark sind. Weiß nicht, woher ich so gestresst bin, dass die Haut wieder Blasen schlägt und ich nachts in Alpträumen zu versinken drohe.

Die katastrophal verlaufene Operation des Mannes im Januar mag Auslöser gewesen sein, aber ich dachte, ich würde konstruktiv aufarbeiten. Nicht wegsehen, nicht vergleichen, hinsehen, annehmen. Es fällt schwer, wenn man selber alleingelassen wird, wenn etwas Vergleichbares passiert und umgekehrt der Anspruch auf Exklusivität auf Intensität von Leid besteht.

Es gelingt mir geistig, mich zusammenzureißen, doch mein Körper und meine Verfassung sprechen eine andere Sprache. Kann den Mann nicht mehr annehmen, kann mich nicht mehr annehmen. Hadere mit meiner Vergangenheit. Erlebe in Sequenzen abwechselnd Missbrauch, Folter, Unfälle und normale Demütigungen/Misshandlungen und bin so hilflos wie ich es immer gehasst habe.

Kein Wächter da, der mich wegblenden könnte, alles ungefiltert beim Essenmachen mit vier Kindern am Tisch, die lachen und albern, während die Erinnerung mich schlagartig ins Dunkel reißt.
Will duschen gehen, mir die Haut vom Körper scheuern, weil überall ihre Finger zu spüren sind. Will aus der Haut fahren, mich verstecken, endlich den Tränen freien Lauf lassen, die nun schon so lange Jahre ungeweint sind.

Ich will mir nichts vormachen und es nicht dramatisieren. Es wird besser im Laufe der Jahrzehnte. Es wird erträglicher. Es rückt weiter weg, auch wenn das Gefühl im Moment der Gedankengefangennahme etwas anderes sagt.

Es ist doch schon so viel besser geworden.

Ich habe mich für dieses Leben mit einem Ja entschieden. Nicht immer laut und deutlich, nicht immer uneingeschränkt, aber schlussendlich bleibt es ein Ja.

Ja. Ich will.

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