Betrachtungsweisen

„Du findest dein Baby am tollsten und ich finde mein Baby am tollsten. Das ist okay. Das, was man liebt, findet man immer am Schönsten.“

Der Kobold zu seinem Kindergartenkollegen, der wie immer einen Wettbewerb daraus machen wollte, wer nun das hübschere kleiner-Bruder-Baby bekommen hat.

Hat sich umgedreht, ist mit seinem besten Freund spielen gegangen und hat den Jungen recht sprachlos in seinen destruktiven Gefühlen allein gelassen.

Bin stolz auf ihn. Sehr sehr.

Auf gute Nachbarschaft

Es wird Zeit, dass der Umzug weitergeht. Unsere neue Nachbarin unten ist nicht nur sehr gesprächig, so dass ich von ihrer zerrütteten Ehe über ihr Rückenleiden und ihre Menstruationsprobleme bis hin zum Stuhlgang ihrer Katzen genauestens über alle Unannehmlichkeiten informiert bin, nein, sie ist auch noch äußerst … umtriebig.

Und so kommt einem beim Betreten des Treppenhauses erst einmal eine Wand Rauch entgegen, die ihr zahlreicher Besuch beim Stehen im Treppenhaus hinterlässt, vor der Tür auf zwei Quadratmeter Flur drängeln sich zwei Kinderwagen von Besuchern, so dass ich tatsächlich mit Baby auf dem Arm einen davon erst in die Kellertür schieben muss, um vorbeizukommen, es kommen täglich ungefähr 3 Pakete an, die allesamt mit verschiedenen Unternehmen geliefert werden und natürlich klingelt der nette Postbote hier bei mir, wenn unten aufgrund der lauten Musik niemand aufmachen kann.

Ich bin da ja verständnisvoll. Beim Abgeben der Pakete riecht es aus der Wohnung nach einer Mischung aus Rauch, Schweiß, Sex und Katzenkacke und es dröhnt der Fernseher in den Flur – den erregten Stimmen nach zu urteilen immer irgendwas zwischen TalkShow und Frauentausch.

Ich weiß, dass ihr Hauptliebhaber älter ist als ihre Mutter, was aber auch nicht schwer ist, weil ihre Mutter nur 15 Jahre älter ist als sie – dass sie ihren Mann in flagranti mit ihrer besten Freundin erwischt hat und dass sie Katzen sammelt wie andere Menschen Briefmarken.

Und so bleibt mir nur, eine weitere Umzugskiste zu packen, die Pakete abzugeben und den Kobold jedesmal verständnisvoll anzusehen, wenn wir an ihr vorbeigehen und er mir dann auf der Treppe nach oben leise zuflüstert:

„Unmöglich sagt man nicht über Leute, oder Mami?“

Bald haben wirs geschafft.

Begegnung im Regen

Seltsam, heute Morgen.
Beim Spaziergang kommt mir diese Nachbarin vom Ende der Straße entgegen.

Sie sieht immer ein wenig so aus, als wäre sie auf der Flucht vor ihren eigenen Dämonen. Altes Gesicht auf noch gar nicht so altem Körper.
Verlebt, faltig, ängstlich, kaputt.
Vielleicht zu viel Alkohol, vielleicht Schläge, wer weiß schon, was sie in ihrem Rucksack mit sich trägt.
Vor dem Bauch trägt sie ein zitterndes Bündel Hund, ich grüße, bleibe stehen und lächle freundlich.

Wir stehen da, Auge in Auge, ich ein Baby im Tuch vor dem Bauch, sie diesen ängstlich zitternden Hund, der ihr so ähnlich sieht.

„Sie haben ja noch ein Baby bekommen…“, lächelt sie zaghaft und blinzelt verlegen.
„Ja.“, sage ich.
Der kleine Tuk wirft nur einen kurzen Blick auf mein Gegenüber und knipst plötzlich alle Lichter an. Er, der so schnell fremdelt und ein Schnütchen zieht, strahlt plötzlich bis über beide Ohren.

Ich kenne das von meinen Kindern im Babyalter und kann akzeptieren, dass sie andere Dinge in meinen Mitmenschen sehen können als ich, die ich durch so viel mehr Lebenserfahrung immer mit Wertung und Blindheit geschlagen bin.

„Warum lacht er mich denn so an?“, fragt sie fassungslos in das breit lachende Gesicht meines Sohnes.

Ich sage: „Manche Menschen mag er einfach, wenn er sie sieht. Und dann strahlt er eben.“

Es geht ein ungläubiger Ausdruck über ihr Gesicht und ich spüre förmlich, wie sie sich in sich zurückzieht, kriecht, dorthin, wo sie meint, sein zu müssen, wenn etwas Unerwartetes geschieht.

„Oh.“, macht sie und geht hektisch weiter.

„Haben Sie einen schönen Tag!“, rufe ich noch hinterher.
Ich glaube, sie hat es nicht mehr gehört.

Erschöpfung

Vielleicht ist es das, woran unsere Gesellschaft am meisten krankt:
Dass es einem erst schlecht gehen muss, damit man sich um ihn kümmert.

Dass man das Gefühl hat, körperlich schwer krank sein zu müssen, um diese Aufmerksamkeit einfordern zu dürfen, sich überhaupt erst zu wagen, zu verlangen, zu bitten, zu flehen, zu betteln, dass der Andere sich auch mal kümmert…

Wie einfach wäre es – und wie vermessen kommt es mir vor – zu sagen: Ich fühle mich ungeliebt. Ich möchte getragen werden. Umsorgt. Möchte ab und zu nein sagen dürfen und trotzdem geliebt sein…

Krieg der Gedanken

Ich bekomme weder die Bilder noch die Gedanken aus dem Kopf.
Endlosschleife aus Emotionen.

Habe das Gefühl, den Mann nicht mehr richtig ansehen zu können, weil alles überlagert wird von diesem einen Tag, dieser Stunde…
Unser Leben, seins, meins, unseres, unsere Beziehung ist seitdem nicht mehr wie sie war.

Und das betretene Neuland liegt im Nebel.
Gestalten soll ich es.

So hilflos.

Viereinhalb

Viereinhalb Monate Bragi, das ist: Im Bett zu liegen, sich den Schnuller selber in den Mund zu stecken, den Kuschelhund fest in eine Hand zu nehmen und dann mit viel Schwung in einer gewagten Todesrolle deluxe vom Babybett die 10 cm Höhenunterschied zum Ehebett drehend zu überwinden, aufgrund des Schwungs noch nachrollen, um dann wenige Sekunden später laut gackernd mitten auf dem Ehebett zu liegen, weil das Ganze doch für ziemlich viel Adrenalin im Gehirn sorgt.

Dann den Schnuller aus dem Mund ziehen, laut und empört meckernd mit Schnuller und Hund jemanden heranfuchteln, damit man wieder ins Bett gelegt wird um zur Wiederholung Nr. 293 ansetzen zu können…

Emotionale Erpressung

Durch das Aufzeigen einer temporären Grenze bei mir mit nur einer einzigen Schulterbewegung vom mündigen Menschen zum bemitleidenswerten Opfer zu werden ist so erschreckend wie bemerkenswert.

Als hätte ich kein Recht darauf, auf mich selber zu achten.

Und ich kenne dieses Prinzip von Grenzüberschreitungen dermaßen gut, dass es mir die Galle hochwürgt, wenn ich daran denke, dass dies ein geeignetes Kommunikationsmittel sein soll.

Nicht für mich.
Nicht mit mir.
Nie wieder.

Elementares

Darf ein Fels in der Brandung wanken? Was, wenn man ihn wanken gesehen hat? Ist er dann nach wie vor ein Fels, sobald er seinen Halt wiedergefunden hat?

Oder ist das Gefühl, sich in jeder Situation daran festklammern zu können, ein für alle Mal verloren?

Schwebend zwischen den Dingen…