Wütend.
Einsam.
Gleichgültig.
Wütend.
Einsam.
Gleichgültig.
Gedankenkarussell.
Keiner da, mit dem ich meine Angst teilen kann.
Es erscheint mir mit meiner Vergangenheit so vermessen – so unglaublich undankbar – um das zu bitten, was ich mir wünsche.
Warten, einmal mehr. Auf? Ja, worauf eigentlich?
Kann eine Welt zusammenbrechen, wenn man ein Geschenk erhält?
Muss man für jedes Geschenk dankbar sein?
Darf man für ein Geschenk undankbar sein, wenn es doch immer gewollt und geliebt aber in diesem Fall nun einmal nicht freiwillig gewählt worden wäre?
Ich tue mich schwer damit.
Ich gehe jedem Gedankenspiel aus dem Weg, weil es mich innerlich auffrisst, zerreißt bald, diese Ungewissheit. Seit Tagen stehe ich neben mir, zähle Stunden, achte auf kleine Anzeichen und versuche dabei, nicht verrückt zu werden.
Ich kann das nicht.
Ich will das nicht.
Angst. Nackte Angst.
Keine Angst, ich werde dich niemals vergessen.
Du wirst mir immer als abschreckendes Beispiel in Erinnerung bleiben.
„Aber wenn er wach ist, pass ich auf ihn auf!“
„Nein, ich!“
„Nein!!! Ihr seid alle blöd! Ich bin sein einziger Bruder, ICH pass auf ihn auf!“
„NEIN!“
[weinerliches Kreischen bei 2/3 Kindern]
„Niemand wird hier gleich auf ihn aufpassen, weil ich ihn nämlich fressen werde, weil er so süß ist!“
[empörtes Kreischen bei 3/3 Kindern, inzwischen ist das Baby wieder wach und lacht selig.]
„Kommt, wir passen alle zusammen auf ihn auf, damit Mami ihn nicht einfach wegschmaust!“
„Genau!“
„Gute Idee! So machen wir es!“
Ich lieb sie einfach.
Hast du es mal wieder geschafft, hm?
Ich sehe dich vor mir, wie du tagelang auf deinen Moment gewartet hast, deine Federn putzend, dich im Spiegel bewundernd, nach den richtigen Worten suchend, die dich im Licht des Scheinwerfers so heldenhaft, wunderbar, zart, stark, perfekt scheinen lassen würden, dass man fast vergessen könnte, dass es sich hier nur ein weiteres Mal nicht um dich handelt.
Manchen ist es wohl selbst im Angesicht des Todes nicht vergönnt, zur Vernunft zu kommen.
Bei allem nötigen Respekt für meine selbstgewählte Erziehungsgrundlage, Probleme ohne Gewalt zu lösen – manchmal wünschte ich, meine Kinder würden hingehen und diesen unsozialen Ablegern anderer Menschen einfach mal eins aufs Maul geben…
Kampf gegen die Muster meiner Kindheit.
Wir haben sechs Jahre hier verbracht. Es werden sieben sein, wenn wir weggehen. Wir haben hier alle unsere Kinder zur Welt gebracht oder beerdigt.
Es ist an der Zeit, weiterzuziehen.
Ein Haus.
Mit Garten.
Ein Elternhaus für unsere Kinder, in das sie in 30 Jahren gerne für einen Besuch voller Erinnerungen zurückkehren werden.
Wir nehmen einfach alles, das Erinnerungen birgt, mit.
Den Rest lassen wir hier.
Aufgeregt. Sehr.
Ich lieb sie.
Diese Eltern mit dem Kind, das nicht geimpft ist.
Ist ja alles so natürlich, Krankheiten durchzumachen. Wie früher.
Ja, Mensch. Wie in der Steinzeit. Da wurde auch nicht geimpft.
Das haben bekanntelich ja auch alle überlebt. Hat der Weltbevölkerung im Großen und Ganzen nicht geschadet.
Im Gegenteil. So natürliche Dezimierung hat ja schon was.
Als Mutter vierer Kinder mit Herzfehlern und als leidvolle Mitführerin von Endokarditis-Prophylaxe-Ausweisen hab ich sie gefressen, die „alles so natürlich“-Fraktion.
Das Kind, das mir letztes Jahr mehrere Bluttests beschert hat, ob ich Ringelröteln und Co hatte, während ich schwanger war und die Eltern im Kindergarten vage Aussagen wie: „Ach, das ist doch ganz natürlich, dass die das durchmachen. Impfungen helfen auch nicht gegen alles. Und zum Arzt, damit der draufschaut, was es nun ist? Ach Unsinn. Das kuriert der nun aus und dann kommt er wieder, wenn wir denken, er hat nix mehr.“ machten, hat nun Masern.
Masern. Oder Röteln. Oder … Scharlach?
Windpocken eher nicht.
Vielleicht aber auch was ganz Anders.
Ausschlag halt. Und Husten.
Keuchhusten vielleicht.
Aber eher Masern.
Die Eltern weigern sich leider auch, sich mit Krankheitsbildern zu beschäftigen. Weil … ist ja alles so natürlich. Mensch.
Dabei wäre es mir im Grunde völlig egal, woran das Kind leidet, wenn die Eltern damit nicht automatisch eine Entscheidung für mich mitgetroffen hätten. Die Eltern haben es entschieden, das ist nicht meine Baustelle. Ich werd im Ernstfall nicht damit leben müssen.
Und bei Krankheiten, die nur einen einzigen Menschen betreffen, interessiert es mich erst recht nicht, wenngleich man Impfgegnern mit Kind unter anderem mal diesen Artikel um die Ohren hauen sollte. Laut vorlesen. Verstehen, was dort steht. Und DANN noch mal versuchen, ein wirklich griffiges Argument gegen eine Tetanusimpfung zu finden, ohne dass ich laut loslache.
Ich versteh es einfach nicht. Aber eine Entscheidung gegen die Impfung von ansteckenden Krankheiten verstehe ich noch mal weniger.
Ich weiß nicht, mit wem meine Kinder in Kontakt kommen. Sie singen in Altenheimen, gehen auf Feste, sie haben chronisch kranke Freunde mit extrem schwachem Immunsystem, haben Kontakt mit Babys anderer Menschen, die noch nicht geimpft sind… die Liste ist endlos.
Der Egoismus mancher Menschen auch.
Jetzt hoffen, mal wieder.
Hoffen gegen den Narzissmus anderer Leute.
Dieses Jahr wird seit sieben Jahren das erste sein, in dem ich nicht schwanger bin.
Es lächelt in mir, wenn ich daran denke.
Unser Entschluss steht fest und er fühlt sich gut an.
So richtig. Jetzt weitergehen.