Bitte alles einmal anders

Nein, so hatte ich es mir nicht vorgestellt, dieses Ding mit der Pubertät.

Nicht so, nicht einmal annähernd.
Immer wollte ich ein gutes Verhältnis zu ihr haben.
Interessiert sein, ohne neugierig zu wirken.
Informiert werden ohne zu urteilen.
Ich war in meinen Träumen immer die perfekte Pubertäts-Mutter.

Wollte locker über alles informiert sein und werden, keinen Druck machen wegen der Schule oder Freunden oder sonst was und ansonsten einfach aufmerksam und achtsam sein.
Das ging in den letzten Monaten grandios nach hinten los.
Mit Wutausbrüchen und Tränen auf beiden Seiten.
Bis wir vor vielen Wochen beide erschöpft vom Weinen am Tisch saßen und ich schulterzuckend resignierte.

„Es ist dein Leben.“, flüsterte ich. „Du bist dafür verantwortlich, glücklich zu sein und Dinge zu tun, die dich zufrieden machen. So richtig. Von ganzem Herzen. Nur du. Nicht Papa, nicht ich, nicht deine Freunde, deine Lehrer oder das Leben. Nur du. Es ist dein Leben.“

Erst später wurde mir klar, dass ich erst an diesem Punkt Freiheit in seiner grundlegendsten Definition begriffen habe. Ich habe keinen Anspruch darauf zu wissen, wann Lateinarbeiten geschrieben werden.

Eine Bemerkung zu einer Note zu machen. Weder Lob noch Tadel. Ich muss ihre Einträge im Hausaufgabenheft nicht bewerten, denn ich bin weder dafür verantwortlich noch muss ich damit leben. Ich habe keinen Anspruch darauf, irgendetwas aus ihrem Leben zu erfahren.

Oder von ihren Gefühlen. Ich kann aber dankbar sein, wenn sie mich teilhaben lässt. Ich muss lernen, dass Distanz manchmal mehr Nähe hervorruft als Zugewandtheit. Dass kümmern plötzlich einmischen bedeutet. Dass ich keine Lösungen mehr liefern darf sondern nur noch zuhören muss. Dass Tränen nicht mehr weggewischt werden dürfen sondern ausgehalten werden müssen.

Dass ich nicht mehr verantwortlich sein soll, obwohl ich es noch bin.
Dass Warten mehr Antworten erhält als Fragen.

Dass Freiheit und Vertrauen der Schlüssel sind und mir kaum etwas schwerer fällt als auszuharren und genau das zu tun, was ich auch von ihr verlange.

Bei mir zu bleiben. Ich selbst zu sein.

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