Vom nach dem Sterben

Der weltbeste Notar und Anwalt öffnet uns die Tür und ich bin wie jedesmal ein bisschen verliebt. In das alte Haus, in die Stuckdecken, in seine weißhaarige alte Agentenfilm-Sekretärin und in ihn. Seine Stimme, seinen Geist und sein enormes Fachwissen, das es nicht geschafft hat, die Menschlichkeit aus seinem Herzen zu verdrängen.

Die letzten Jahre hat dieser Mann uns bei so vielen Dingen begleitet. Beim Hausverkauf, beim Hauskauf, in den Auseinandersetzungen mit Exmann und Exfrau um Kindesunterhalt.

Beim Sorgerechtsprozess um die Zusatzkinder, kurz: in allen rechtlichen Belangen. Und natürlich hat auch er unser Testament verfasst.

Hier leben sechs Kinder, zwei erwachsene Menschen und eine pflegebedürftige Person. Wir haben drei Kinder. Der Mann hat fünf Kinder. Ich habe vier Kinder. Zwei der Kinder sind Halbwaisen.

Ein sorgeberechtigter Elternteil lebt nicht in diesem Haushalt. Es geht um Immobilienbesitz, Erbanteile, Pflichtteilsansprüche, Vorsorgevollmachten und Vormundschaften.

Er hat es geschafft, all unsere Wünsche auf vier Seiten Testament unterzubringen. Die Unterschrift kommt mir fast bedeutender vor als damals bei der Eheschließung. Dies hier fühlt sich schwerer an.

Erwachsener.

Der Mann setzt seine Unterschrift unter meine.

Der Notar seine darunter.

Er lächelt uns an:

„Auf dass diese Papiere möglichst lange in der Schublade bleiben!“

So möge es sein.

Muße

Ich brauche Zeit.

Nicht einfach nur mehr Zeit.
Ich brauche Zeit ihrer Selbst wegen.
Ruhe, Muße.

Nicht die zehn Minuten zwischendurch, die ich zwischen Toilettenstuhl, Einkauf, Putzen und Kochen hektisch am PC durch das Weltgeschehen surfen kann, um nicht völlig durchzudrehen.
Nicht die fünf Minuten, die mir bleiben, bevor ich eines oder zwei oder drei von sechs Kindern von A nach B oder C bringen muss.
Nicht die halbe Stunde am Abend, wenn endlich alle Kinder im Bett sind und die Küche gemacht ist, bevor ich wieder hoch muss, weil ich eine hilflose bettlägerige Person für die Nacht vorbereiten muss.

Sondern Zeit.

Zeit, die keine Begrenzung kennt, keine Minuten zählt oder auf Stunden hofft.
Zeit, die mir zur Verfügung steht und die ich nutzen kann oder auch nicht.
Die mir nicht zwanghaft mit jedem TickTack in Erinnerung bringt, dass ich jetzt nur noch 20, 15, 10, 5… Minuten zur Entspannung habe bevor dann wieder das Chaos ausbricht.

Ich mag mein Hamsterrad gerade gar nicht.
Wir haben diesen Zustand selbst gewählt und selbst herbeigeführt.
Und wir haben eine Menge Fehleinschätzungen zu verbuchen, die letztendlich dazu geführt haben, dass wir die falsche Entscheidung getroffen haben.

Aus Fehlern lernt man, heißt es.
Ich kann darüber nur noch müde lächeln.

Wir versuchen, an unseren Fehlern nicht seelisch zugrunde zu gehen.