Tag 3 – immer am Fluss entlang

Meine Nacht war besser als die letzte.

Das ist bei dem ganzen Schmerzmittel, das ich intus habe und dem Betäubungsmittel an meinen Rückennerven aber vielleicht auch kein großes Wunder. Trotzdem sagt der Arzt heute Morgen: „Das hört sich doch gut an.“

Ich klammere mich an diesen Strohhalm. Ich bringe die Schulkinder bis zur Brücke und mache mich dann auf meinen Weg. Immer am Fluss entlang, in die eine Richtung. Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film irgendwo zwischen Oh wie schön ist Panama und Als der kleine Tiger einmal krank war. Erst zur Physiotherapie, wo ich eine Stunde lang mit Rotlicht bestrahlt, massiert und besportelt werde.

Wieder raus, wieder am Fluss entlang. Inzwischen ist es Tag und es liegt nicht mehr alles im Zwielicht. Ich bin erschöpft, ein alter Mann mit Hund und Krückstock überholt mich und es ist mir egal. Der Fluss plätschert neben mir, ich kann das Wasser riechen und setze einen Schritt vor den anderen. Immer weiter. Beim Arzt werde ich unkompliziert ins Spritzenzimmer gesetzt, bekomme meine Spritze und ein aufbauendes Gespräch und werde mit einem Bis morgen! verabschiedet.

Es liegen drei Kilometer Fußmarsch bis nach Hause vor mir.
Der Fluss ist meine Rettung. Ich gehe mit den Wellen und dem Rauschen und den Enten einfach immer nur geradeaus, bis ich den Berg sehe, auf dem unser Haus steht.

Ich brauche dafür fast eine Stunde und falle zuhause einfach nur ins Bett.

Tag 2

Ich kann noch laufen.

Also laufe ich.
Ich bringe morgens die Kinder auf den Schulweg – nur bis zur Brücke, denn der kleine Tuk ist ja schon groß. Aber winken, wenn sie in 500m Luftlinie gegenüber der Brücke in den Waldweg einbiegen, das muss ich dann doch noch. Danach noch drei weitere Kilometer bis in die Innenstadt – zum Arzt.

Jeden Tag ab jetzt.

Der weltbeste Hausarzt und wir haben einen Schlachtplan ausgearbeitet, bevor nichts mehr geht und ich mich doch ins Krankenhaus begeben muss. Warten. Klingt profan, kann aber helfen. Damit Warten nicht ganz so schmerzhaft ist wie aktuell, gibt es reichlich Morphium und anderes.
Darum darf ich auch kein Auto mehr fahren. [Durch die Stadt torkeln schlendern ist aber erlaubt.] Spritzen. Betäubungsmittel, Entzündungshemmer, weiß der Kuckuck was – es tut einfach nur höllisch weh, wenn es da so in den Nacken gespritzt wird, hilft aber.

Ernährung. Kein Zucker, keine Kohlenhydrate. Eiweiß. Aber kein Fleisch.
Bewegung. [Ich laufe ja eh…]
Sport. Physiotherapie zur Stärkung der Rückenmuskulatur.
Wärme. Schön, dass es eh Herbst ist.
Ruhe. Ein mittelgroßes Problem bei dem Pensum, das hier jeden Tag zu leisten ist. Ich bemühe mich.

Und ich habe Angst.

Tag 1 nach der Diagnose

Gestern war scheiße.

Diagnose: ausgedehnter Bandscheibenvorfall zwischen Halswirbel 6 und 7.

Druck nach hinten aufs Rückenmark. Starker Druck zur linken Seite und völlige Quetschung des linken Nervenstrangs.

Heute war auch scheiße.
Aber immerhin haben wir inzwischen einen Plan.

Morgen geht es weiter.

Aus der Art geschlagen

 In einigen Tagen wird der närrische kleine Tuk sechs Jahre alt.

Unser Nesthäkchen, unser letztes Kind, unser Sonnenschein.
Und unser besonderes Kind mit all seinen speziellen Bedürfnissen, mit dem wir so viel durch haben. Einschließlich Ärzte-Odyssee und Operationen.

Er ist wunschlos glücklich.
Er will nichts, er will keine Party, kein Fest, keine Gäste, keine Geschenke.

„Einen Schokokuchen, Mami. Aber bitte ohne Sahne.“

Alle Kinder hier wissen, dass ich an ihren Geburtstagen die Welt für sie anhalte. Weil mir das wichtig ist.
Das gesamte Haus mutiert auf über 200 Quadratmetern zu Spinnenhöhlen, Vampirgruften, zu Unterwasserwelten oder wird mit 5000 Luftballons gefüllt. 1000 Quadratmeter Garten verwandeln sich in die Welt von Minecraft, ich hebe Gräben aus und baue Weltraumkioske, hole Pferde, baue gigantische Drachen oder wir kämpfen als Pflanzen gegen Zombies. Nichts ist unmöglich.

Wir verköstigen auf Geburtstagen ganze Heerscharen von Kindern, zu unseren eigenen sechs Kindern kommen normalerweise noch 2-4 Freunde von Geschwisterkindern (oft als Helfer in besonderen Rollen) und geladene Partygäste, von mindestens 6 bis hoch zu 16 weiteren Leuten.
Die Kinder haben schließlich alle unterschiedlich große Freundeskreise.

Und das kleinste Familienmitglied will … nichts von alledem.
Das ließ mich erst einmal ratlos zurück.

Er liebt Partys und den Trubel darum, er hat Freunde und im Vergleich zu seinen Geschwistern nur wenig Spielzeug für sein Alter. Bei genauerem Nachdenken hätte ich drauf kommen können. Er ist hier als Kleinster mit seinen Besonderheiten so eingebettet in unsere Familie wie sonst kein Kind vor ihm. Alle Geschwister lesen ihm jeden Wunsch von den Augen ab, er ist durch seine jahrelange Taubheit immer im Fokus gewesen.

Immer der Mittelpunkt, immer waren alle bemüht, ihn und seine Anliegen zu verstehen. Er war der einzige, mit dem in Zeichensprache kommuniziert werden musste, alle großen Geschwister haben sich bei Problemen immer wie Löwenmütter vor ihn gestellt. Egal, ob er auf dem Spielplatz von anderen Müttern oder Kindern doof angesprochen wurde oder ob die blöde Bäckereiverkäuferin meinte, bemerken zu müssen, dass er so komisch lallen würde.

Er bewohnte jahrelang nicht sein eigenes Zimmer, weil er nachts bei uns schlief und tagsüber immer in den Zimmern seiner Geschwister willkommen war. Er braucht selber kaum Spielzeug, weil er Zugriff auf 5 weitere Kinderzimmer samt Spielzeug hat.

Er ist das Kind, das hier am meisten in sich ruht.
Das, das inzwischen auch einfach mal für Stunden im eigenen Zimmer verschwindet und die Ruhe genießt.
Das, das immer gut gelaunt ist, immer in seiner Mitte schwebt, großzügig und empathisch ist und so unglaublich viel Charisma besitzt.

Mein Baby.

Und wenn genau das sein Wunsch ist, dann werde ich den schönsten Schokokuchen ohne Sahne für ihn machen, den er sich nur vorstellen kann.

Und den Rest einfach loslassen.

Zwei Monate

Es ist zwei Monate her, dass wir den letzten Atemzug von Uroma begleitet haben.

Vieles ist leichter geworden seitdem.
Mein Alltag, vor allem.
Ich kann wieder atmen, ich habe wieder Luft.
Vermisse ich dich, Oma? Ich weiß es nicht.
Ich hätte mir nie vorstellen können, was Pflege am Rand der Erschöpfung mit Beziehungen machen kann.

Das arbeitet noch in mir.