Übrig.

Ich versuche das mit dem Schlafen. Wirklich.

Es gelingt mir nicht.

Meine Gedanken kreisen nicht mal, sie stolpern wild durcheinander, fallen über den jeweils nächsten, bleiben liegen, stehen irgendwann wieder auf, taumeln haltlos herum, schweigen, brüllen, verstummen wieder.

Ich kann nicht mehr.

Ich bin müde.

Ich bin erschöpft.

Ich kann nicht mehr.

Ich will Antworten, die wenigen, die ich vielleicht noch bekommen kann. Muss Geduld haben. Warten.

Die Gefühle sind eingeschlossen, sicher hinter den Gittern meiner Selbstbeherrschung, bis die Eingabemaske offen ist und der Cursor blinkt. Dann gleicht es einem Erdrutsch und mit den Worten kommen die Tränen, kommt der Schmerz, kommt die Verzweiflung. Tief, grenzenlos, bodenlos. Es reißt mir den Boden unter den Füßen weg und will mich verschlingen. Da ist so viel. So viel Gefühl, so viel Wut, so viel Trauer.

Und der eine Gedanke, noch so winzig, hell pulsierend, da ganz hinten in der Dunkelheit.

Ich habe es geschafft.

Ich bin als Einzige übrig.

Ich habe überlebt.

Ich habe sie alle überlebt.

Alle. Restlos. Ich bin übrig.

Ich habe es tatsächlich geschafft, mich all dem entgegenzustemmen, was mich so nachhaltig hat zersplittern lassen. So lange. Bis heute. Ich habe nichts davon an meine Kinder weitergegeben, ich habe nie die Hand erhoben, ich habe mich nie der sadistischen Grausamkeit hingegeben, die so verlockend in mir ruft.

Nicht ein einziges Mal.

Es ist zuende.

Ich bin die Letzte.

Ich bin der Anfang.

Tag3

Hej Dad. Tag3? Tag3.

Ein weiterer Umschlag also.

Für mich.

Kein aktueller.

Einer, der schon vor Jahren deponiert wurde.

Du hast eine treue Gefolgschaft um dich geschart, ich habe nichts anderes erwartet.

Sie werden schweigen, wenn ich nicht genau das tue, was du wolltest, nicht wahr? Ich kann alles haben oder gar nichts. Aber nur nach deinen Regeln. Du würdest lieber alles zerstören als zuzulassen, eine Situation nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. Aber soll ich dir was sagen?

Du bist tot. Du spielst das Spiel nicht mehr. Und ich – ich kann mich entscheiden, ob ich das will oder nicht. Ich bin schon lange nicht mehr finanziell von dir abhängig, ich habe ein vollkommen abgesichertes Leben und deine Gier nach Reichtum ist mir fremd.

Alles, was ich noch erreichen will, werde ich auch ohne dein Erbe tun und das war immer mein Maßstab.

Ich weiß, wo dein Geld herkommt.

Ich weiß, wie schmutzig unser Erbe ist.

Seit Generationen.

Ich will es nicht.

Wir hatten den Deal, dass du den Menschen, die dir dort in Schweden etwas bedeuten, zu deinen Lebzeiten ermöglichst, ein sicheres Leben zu führen.

Sie wissen nichts von unserer Vergangenheit und sie haben dich erst als alten Mann kennengelernt, der in der Lage ist, so etwas wie Gefühle zu empfinden, nicht als den Psychopathen, der du eigentlich bist.

Ich weiß nicht, ob das Alter dich wirklich weicher gemacht hat. Ich will daran glauben.

Ich will daran glauben, dass die letzten 4 Jahre Austausch mit mir nach dem Tod meiner Mutter etwas verändert haben.

Du hast dein Haus verschenkt. Dein Grundstück. Deinen Wald. Deinen See.

Ich weiß nicht, ob meine Ablehnung all dessen dir wehgetan hat.

Ob all das vielleicht sogar eine verquere Art von Strafe war, damit ich in anderer Hinsicht zur Besinnung komme.

Die Familie, in deren Eigentum dein Besitz jetzt übergehen wird, lebt schon dort.

Sie wird deine Wahlheimat mehr zu schätzen wissen als ich.

So sehr ich dein Land liebe – mein Zuhause ist hier.

Der Umschlag… Ich werde persönlich mit einem deiner Freunde reden müssen, wenn ich erfahren will, was es damit auf sich hat.

Ich werde eine Nacht darüber schlafen.

Denn ich habe Zeit.

Tag1

Ich weiß nicht, wie es mir heute geht, Dad.

Ich weiß auch nicht, ob dich das interessieren würde. Die Briefe… sie treiben mich um. Wie viele gibt es? An wen? Ich habe heute den Inhalt des Einen, des dir anscheinend Wichtigsten erfahren. Und darin befindet sich so viel Liebe, so viel Gefühl. Nicht für mich. Für diesen Menschen. Eine Entschuldigung. Eine gottverdammte Entschuldigung. So viel Schmerz. Ich versuche, nicht in Selbstmitleid zu versinken und trotzdem kreist das Kind in mir um deine Liebe, deine Anerkennung, den Funken des Erkennens, dass ich in den letzten Minuten deines Lebens irgendeine Rolle gespielt habe. Dass es einen Unterschied gemacht hat, dass es mich in deinem Leben gegeben hat. Ich weiß nicht, ob ich darauf eine Antwort bekomme. Trauer ist eine egoistische Angelegenheit. Ich muss meine Schilde sehr hoch halten, um durch diese Tage zu kommen. Ich bin erschöpft, ich bin ratlos. Die Tränen laufen ab und zu einfach über mein Gesicht und ich weiß nicht, was es ist. Bemitleide ich mich selbst? Was ist noch Kind, was ist echte erwachsene Trauer? Es kommt von so tief unten, dass ich Angst habe, es freizugeben. Ich fühle diesen unbändigen Schmerz, der alles verzehrt, mit dem er in Berührung kommt. Er darf nicht nach oben, ich halte das nicht aus. Nicht jetzt, nicht hier.

Noch nicht.

Nachts

Ich will keine Zärtlichkeit.

Ich will kein Vorspiel.

Ich will dich benutzen.

Will deinen Körper an meinem spüren.

Will Gewalt, Härte, das lodernd brennende Gefühl, noch am Leben zu sein.

Noch zu atmen, noch zu fühlen, wie das Adrenalin durch meine Adern und die Lust durch meinen Körper pumpt.

Ich bin lebendig. Ich bin nicht tot.

Du bist Kryptonit für meine Mauern und ich muss sie heute oben halten.

Meine Seele ist roh und wund und brüllt vor Schmerzen.

Ich brauche dich in der Dunkelheit, ohne Kompromisse, ohne Mitleid, ohne Rücksicht.

Ich bin noch am Leben.

Als Letzte.

Als Einzige.

Ich bin der Anfang.

Tag0

Briefe also, hm? Ich höre die Namen, die auf den Briefen stehen. Verschlossene Umschläge. Mit letzten Worten, vermutlich. Noch hat keiner seinen geöffnet.

Habe ich auch einen Brief? Oder steht irgendetwas an mich in deinem Abschiedsbrief, der nun bei der Polizei liegt und als Beweismittel gilt? Irgendetwas?

Ich werde mich noch gedulden müssen und habe keine Ahnung, wovor ich mich mehr fürchte: Vor dem, was du mir als Letztes in deinem Leben mitteilen wolltest oder davor, dass es nichts gibt, das diese Kriterien erfüllen würde.

Hast du an mich gedacht? Hast du mir in Gedanken Lebewohl gesagt? Oder sogar in geschriebenen Worten? Gibt es ein Machs gut, ein Pass auf die Kinder auf, ein Ich bin stolz auf dich, ein Ich liebe dich oder vielleicht sogar ein Verzeih mir?

Bei einem so lange im Voraus und bis in alle Einzelheiten geplanten Tod gibt es keine verpassten Chancen

Wie gehen wir beide hier raus, wenn wir fertig sind?

Hej Dad

Ich weiß, dass du meine letzte Nachricht noch gelesen hast. Die beiden blauen Haken haben dich verraten.

Um Mitternacht klingelte hier die Kriminalpolizei. Und ja, natürlich wusste ich, was sie mir sagen würden. Es ist vielleicht nicht so ganz das Gespräch geworden, das sie erwartet haben.

Und jetzt kann ich seit 5 Stunden nicht schlafen.

Weil ich wütend bin.

Ich bin so stinksauer auf dich, dass ich statt mit Tränen der Trauer mit Tränen der Wut und Ohnmacht hier sitze.

Ich weiß, dass das nichts ändert.

Ich werde bei Sonnenaufgang meine Rüstung anlegen und wir bringen Anwälte, Dolmetscher und Notare in Stellung.

Ich habe einen Menschen an meiner Seite, der sich vor mich stellen wird, als Schild, als Fels, als Sandsack, als Umarmung, ich werde da durchkommen, irgendwie.

Aber weißt du was? Du und ich. Wir waren noch nicht fertig miteinander. Ich war noch nicht bereit. Du hast das alleine entschieden.

Und ich bin so unfassbar wütend.