Wir sitzen gemeinsam beim Mittagessen und ich gehe mit den Kindern den weiteren Tagesablauf durch, als es unvermittelt aus der großen Tochter herausbricht: „Dann hätte ich fast so etwas wie eine Zwillingsschwester, Mama!“
Ich lächle leise. Es arbeitet in ihr. Ich sehe auf ihrem Gesicht Ehrfurcht. Erstaunen. Zögern. Mut. Hoffnung.
Ja, das Tochterkind und das Zusatzkind 1trennen nur wenige Monate.
Zwei mal 14 Jahre wie sie wohl unterschiedlicher nicht hätten aufwachsen können.
Ich nicke und sehe all meine Kinder nachdenklich an.
Sie sind all die Jahre mit dem ganz selbstverständlichen Wissen um ihre Halb- und Stiefgeschwister aufgewachsen, kennen ihre Namen, ihre Geburtstage, ihre Geschichten, ihre Bilder.
Und die beiden Kinder, die heute ihre Mutter zu Grabe getragen haben, was wissen die wohl? Ich weiß es nicht.
„Und wir vier Großen würden dann alle ganz oben im Haus wohnen! Da haben wir ja auch genau vier Zimmer!“
Ich sehe meinen großen Sohn an, der sich in Gedanken bereits an der xBox mit dem etwas Zusatzkind2 misst. Die Kriegerin sieht etwas mürrisch drein. „Das heißt aber nicht, dass wir dann die Kleinen sind!“ Sie spuckt dieses Wort fast aus.
Ich fühle mit ihr. Ihr großer Bruder – ihr Seelenzwilling – ist in den letzten Wochen gedanklich zu den Großen aufgestiegen, wo sie normalerweise immer zusammen die Mittleren waren. Ich zwinkere ihr zu und schüttle leicht den Kopf, als wäre dieser Gedanke völig abwegig. Sorgen mache ich mir keine um sie. Sie ist das willensstärkste und dickköpfigste Wesen, das mir je begegnet ist.
Dem Butz ist das ganze Gespräch relativ egal, weil es heute Nudeln gibt und neben Nudeln prinzipiell alle anderen Dinge unwichtig sind. In den letzten 9 Wochen sind in jedem von uns Gedanken und Vorstellungen gereift, wie unser Leben weitergeht. Nicht so wie bisher. Aber wohin genau die Reise gehen wird, weiß zum jetzigen Zeitpunkt wohl niemand.
Nur, dass wir langsam Fahrt aufnehmen.