Covid Tag 2 – Montag

geschrieben an Tag 5 – Donnerstag, 31.10.

Laut WhatsApps und Spiellogs kann ich sehen, dass ich mehr oder minder den ganzen Tag gespielt habe. Zwischendurch habe ich draußen geschlafen und was gegessen. Husten und Schnupfen, starke Gelenkschmerzen, ich weiß nicht mehr, was den Rest des Tages hier passiert ist.

Keine Erinnerung an Interaktionen mit anderen Menschen, nichts.

Covid Tag 1 – Sonntag

geschrieben an Tag 5 – Donnerstag, 31.10.

Ich erinnere mich noch daran, dass ich morgens erst negativ getestet habe, nach über einer Stunde war der Hauch einer Linie zu erkennen, bisschen Husten. Ich habe den Besuch verabschiedet, der Rest des Tages liegt im Dunkeln. Auf Social Media und WhatsApp kann ich sehen, dass ich im Laufe des Tages mit Menschen interagiert habe, ich erinnere mich an nichts davon

Ich bin zum ersten Mal überhaupt positiv, bin dreimal geimpft, gehöre gleich in mehreren Kategorien zur Risikogruppe.

Gutartig

24 Stunden nach den Gesprächen im Krankenhaus sackt die Nachricht endlich: Kein Krebs.

Die emotional wilde Fahrt der letzten Wochen geht nun hoffentlich in ein gemütliches Schaukeln in den Herbst über.

Allein

Seit über 5 Monaten mit immer mindestens einem weiteren Menschen im Haus bin ich heute zum ersten Mal wieder allein. Und schon um 5 Uhr heute Morgen hüpfte mein Herz aufgeregt, ob es wohl heute alles klappen würde oder ich mich wieder umsonst gefreut hätte. Es ist ein anderes Allein, als wenn der Mann mal kurz die Kinder mit zum Einkaufen nimmt oder sie für eine Stunde beim Arzt sind. Es ist ein echtes Allein, Eines, das nur mir gehört. Kein Geborgtes, kein Geschenktes, kein künstlich Herbeigeführtes, sondern genau jenes, welches ich so dringend benötige, um die Zügel locker zu lassen.

Die Verkrampfungen im Nacken und in den Schultern sind kaum noch zu ertragen, die Aussicht auf den Termin zur Tumorabklärung in der nächsten Woche lässt weder Gedanken noch Körper zur Ruhe kommen.

Der Mann und ich haben es uns in den letzten Wochen in einer Blase gemütlich gemacht, die all das ausblendet, was mich nicht schlafen lässt und vielleicht lache ich nächste Woche darüber, weil das so unnötig war. Wenn nicht, kann uns diese Zeit niemand mehr nehmen. Es kommt, wie es kommt.

Der große Sohn hat mich in dieser Zeit viel Langmut gelehrt. Es ist speziell, gerade ihn zu begleiten, sind seine Bedürfnisse und sein Tempo doch so anders als dass mir es jemals vertraut werden würde. Immer einen Schritt vor und dann aus Angst wieder zwei oder mehr Schritte zurück. Warten. Erstarren. Warten. Irgendwann dann wieder ein zaghafter Schritt vor und gleich wieder zurück das Ganze. Bis er lange genug in seinem Kokon gegrübelt und ausgeharrt hat, dieser überraschend über Nacht zu eng wurde und der Sohn sich einem Schmetterling gleich herausschält und seine Flügel ein weiteres Mal ausbreitet. So glücklich mich das macht, so nervenaufreibend ist es, diesem Prozess beizuwohnen. Mit der damit verbundenen Entspannung kommt das Gefühl wieder an die Oberfläche.


Ich habe Angst vor der Gewissheit.


Ich habe Angst, dass sich nächste Woche unser gesamtes Leben für immer verändert.

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Die beiden Blutwerte, die im Falle eines harmlosen Auskommens hätten deutlich erhöht sein müssen, waren dies leider nicht.

Ich habe mir thematisch inzwischen alles angelesen, dessen ich habhaft werden konnte, rutsche alle paar Tage auf der Dringlichkeitsliste ein Stück nach vorne und bin immerhin schon bei Anfang September mit dem Termin. Ich versuche, meine hypochondrische Veranlagung im Griff zu behalten und nicht durchzudrehen. Es wäre schön, die Gewissheit zu haben, dass es jemanden gäbe, der mich im Alltag sehen und auffangen könnte, ohne dass ich dann innerhalb kürzester Zeit entweder ihn regulieren müsste oder wieder alleine mit dem Thema wäre, aber nun gut.

Es ist wie es ist.

20 Prozent

„Es ist nur ungefähr in jedem fünften Fall bösartig.

Oder wenn der Knoten über eine gewisse Größe…“ Ich sehe ihn hektisch auf dem Ultraschallmonitor herumklicken. Er misst inzwischen den vierten Knoten aus. Und die Größe ist genau wie bei den vorherigen Dreien bereits doppelt so groß wie das, was er mir vorher als harmlos genannt hat. „Und ihr Vater hatte genau diese Krebsart?“ Ich nicke.

„In welchem Alter?“ – Anfang 40.

Er macht viel Hmhm und murmelt und misst alles noch mal nach. Er macht sich Notizen. Er findet einen weiteren Knoten. „Ja. Das sollten wir dringend abklären lassen. Aber wie gesagt…“

Ich will es nicht hören. Ich ahne, dass das genau die Reaktion sein wird, die ich in nächster Zeit öfter zu hören bekomme und ich habe keinen Nerv mehr für toxischen Optimismus als Universalschablone für Menschen, die nicht wissen, wie sie mich trösten sollen. Ich erhalte alle meine Überweisungen und telefoniere im Auto die Krankenhäuser durch, die in Frage kommen. Im nächsten Jahr hätten sie einen Termin. Dezember. Ich sitze eine halbe Stunde, eine Stunde im Auto, wähle mich in Warteschleifen und lasse den Arztbesuch sacken.

September. Endlich. Mit Option auf Warteliste und Vorrücken. Nehme ich.

Das ist ungefähr der Zeitpunkt, an dem ich beschließe, dass ich niemandem irgendetwas erzählen werde. Ich kann die Panik fühlen, die dabei in mir hochsteigt, die Gefühle anderer Menschen regulieren zu müssen, an einer Operation komme ich ohnehin nicht vorbei und ich kann in diesem Zustand kein „Alles wird gut“, „80 Prozent – das ist doch was“ oder „Daumen sind gedrückt“ aushalten. Ich will nicht und ich kann nicht. Menschen, die nicht wissen, wann sie mal die Fresse halten müssen und wann es mir hilft, wenn man sich einfach nur schweigend in der Dunkelheit zu mir setzt, habe ich zuhauf um mich herum.

Danke, aber nein danke.

Ich kaufe mir sicherheitshalber noch einen Kalender.

Ich habe das Gefühl, ich könnte ihn in nächster Zeit brauchen.

Wieder da

Heute erste Autofahrt nur mit der Motte ohne den Mann nach über 2 Monaten Schwindelproblemen und ich bin etwas nervös.

Ein Dank an dieser Stelle an den Mann, der seit geraumer Zeit seine Mittagspausen dafür opfert, mit mir gegen die Panik zu kämpfen.

„Oh, ich hatte fast vergessen, wie das ist, wenn jemand fährt, der andere Leute anbrüllt, die ganze Zeit flucht und andere Autofahrer beleidigt. Ich hab das echt vermisst, Mami.“

[Ich auch.]

Weiter, weiter?

Irgendwann kommt der Tag, an dem ich das Weiter, weiter! in meinem Kopf einfach ignoriere und stehenbleibe. An dem ich einfach nicht mehr weiter gehe, weil ich schon so viele Jahre eigentlich nicht mehr kann. Irgendwann. Und es wird ein wohliges Gefühl sein, weil ich meine Aufgaben hier erledigt habe und mich endlich zur Ruhe begeben kann. Nie wieder etwas fühlen, nie wieder Schmerz, nie wieder irgendetwas. Der Tod ist verlockend für Menschen wie uns. Ewiger Frieden.

Aber noch ist es nicht so weit. Und so schleppe ich mich seit Wochen durch Nächte, in denen sich der Suizid meines Vaters in Endlosschleife vor meinen Augen wiederholt. Mal bin ich nur dabei, mal bin ich er, mal ist er ich, alles verschwimmt ineinander und in dem Augenblick, in dem ich spüre, dass das Gift wirkt, ist der, in dem ich aus dem Schlaf hochschrecke und lange Momente nach Luft ringen muss, mein Gehirn verzweifelt kontrollierend, ob ich noch atmen kann, mein Herz noch schlägt…

Die Tage sind durchzogen vom Schmerz des Unverständnisses, das mir begegnet. All die Arbeit scheint umsonst, wird klein geredet, nicht so nötig, eigentlich alles nicht so schlimm, nicht so extrem, wie ich es darstelle, nicht so dringend, nicht so wild. Die Suche nach Empathie scheint vergebens, vielleicht ist es auch einfach nicht möglich, vielleicht muss ich einfach auch mal aufgeben können, um mich nicht selber zu zerstören. Vielleicht kann man sich um mich weder kümmern noch bemühen.

In Wut und Schmerz und Trauer und Trauma habe ich eine schreckliche Fehlentscheidung getroffen und habe mich hinreißen lassen, mich selbst zu verletzen.

Fataler als geplant, der Fuß ist hin, ich hab mir einges gebrochen und wie immer in diesen Fällen bestrafe ich mich mit dem Schmerz für die Verletzung. Ich bin es nicht wert, geschont zu werden, es ist nur gerechte Strafe, dass jeder Schritt mir durch Mark und Bein fährt, ich wollte es so, selber schuld, trag die Konsequenzen.

Und das tue ich. Und ich merke jeden Vormittag, wie der Schmerz und die Kälte mich übermannen, ich nur noch schlafen will, nach dieser schon nur so geringen Belastung, die ich mir zumute – Gassi, einkaufen, Kinder betüdeln – ich zittere mich vor seelischer Erschöpfung durch die erste Hälfte des Januars und habe dabei nur Verachtung für mich übrig.

Ich kann nichts, ich bin nichts, ich scheitere selbst an der Liebe.

Selbstversuch

Manchmal ist mein Leben so langweilig, dass ich was Neues ausprobiere. Zum Beispiel werfe ich ein dermatologisch getestetes Produkt auf meine Allergien und Neurodermitis.

Das Gute: Alle Blasen sind inzwischen aufgeplatzt und verkrusten gerade mit Juckreiz aus der Hölle.

Phantomschmerz

Ich war gerade mehrere Stunden beim Zahnarzt und es war eine wirklich unangenehme Sitzung unter erschwerten Bedingungen, aber nichts von alledem beschäftigt mich gerade, sondern es geht um einen anderen Umstand: Ich habe das erste Mal ganz bewusst das Echo einer Panikattacke durchlebt, die gar keine war. Herzschlag, Atmung, alles unauffällig, der Neocortex voll aktiv und trotzdem pumpte in den Tiefen meines Seins etwas vor sich hin. Und das Faszinierende daran ist: Ich hatte das Gefühl, ich MUSS jetzt eine Panikattacke haben, weil das schon immer so war. Das Ausbleiben der Angst erzeugte wiederum Angst und so geriet ich kurz in eine Schleife von Gefühl, in der ich nicht mehr sagen konnte, wo die Erinnerung endete und die Realität begann. Es hallte als dumpfes Pochen in mir nach, aber da war niemand, der gerade wirklich ein Problem hatte. Im Gegenteil. Ich hatte keine Alpträume, ich habe gut geschlafen, wie ich das schon seit längerer Zeit vor Zahnarztterminen schaffe, ich hatte keine Schweißausbrüche, keine Atemnot, keine Flashbacks, nichts. Wir waren heute Morgen sehr versammelt und gut aufgestellt, trotz des seltsamen Starts in den Tag, der allein mich schon außer Gefecht hätte setzen sollen, es aber nicht tat. Und trotzdem war da ein Phantomschmerz aus vergangenen Zeiten, der um der Anerkennung willen beachtet werden wollte. Ich habe aufmerksam in mich hineingehorcht und da war keine Angst. Keine Bedenken. Nichts. Ich vertraue diesem Arzt und das letzte Jahr hat gezeigt, dass alle meine Grenzen geachtet werden. Auch die Unsichtbaren. Die, die nur in meinem Kopf existieren. Das Grauen, das er nicht kennt und trotzdem fühlt, dass es mich von Zeit zu Zeit so sehr lähmt, dass eine Behandlung unmöglich wird. All das auf hochprofessioneller Ebene, auf dem neuesten Stand der Technik und als Arzt, der vor ihm schon allein aufgrund seines jungen Alters für mich nie in Frage gekommen wäre, weil auch seine Jugendlichkeit Unangenehmes hochholt. Ich habe mein Erleben transformiert und mir fehlen die Worte für die unermessliche Größe dieser Leistung, dieses Sieges über meine Amygdala. Ich habe das gemacht. Ich habe mich all diesen Situationen ausgesetzt, auch als die Schmerzen schon längst verschwunden waren und ich es hätte schleifen lassen können, wie so oft in der Vergangenheit. Habe ich aber nicht. Ich bin in den Zweikampf mit dieser meiner Nemesis gegangen, freiwillig.

Und ich habe triumphiert.