Mandy

Normale Menschen haben Ideen, Mandy hat Projekte.

Wer Mandy kennt, weiß, dass ihre Sturheit hier als erstes in die Aufzählung gehört. Diese Dickköpfigkeit ist aber niemals Charakterschwäche, sondern beinahe ein eigenes Fortbewegungsmittel. Wenn Mandy sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann passiert das auch. Jetzt. Sofort.

Geduld hingegen gehört eher nicht zur Grundausstattung – Verlässlichkeit hingegen absolut.
Mandy meint, was sie sagt und tut, was sie meint.

Dass ausgerechnet ein Paladin ihr Maincharakter ist, passt. Schaden, Schutz, Heilung, Hämmer, Licht, Schild – Mandy nimmt auch spielerisch einfach das Komplettpaket.

Nur in Punkto Beschäftigung wird sehr streng ausgewählt.
Mythische Schlüsselsteine? Klar, immer. Jederzeit, sofort, rein da! Und danach der nächste!

Zeitwandern? Das ist der Punkt, an dem eine Mandy, die auch um 3 Uhr nachts noch an Projekten sitzt, die sie unbedingt heute noch fertig bekommen muss, plötzlich von einer unvergleichlichen Müdigkeit überwältigt wird und dringend mal irgendetwas anderes tun will.

Zimmerpflanzen beim Wachsen zusehen, beispielsweise.

Mandy kann schonungslos offen und ehrlich sein und wenn sie etwas zu sagen hat, dann wird zugehört. Denn wir alle wissen: Hinter der Direktheit sitzt ein wacher Verstand, hinter Strenge Verlässlichkeit und hinter so mancher Ungeduld ein ausgesprochen großes Herz.

Milli

Milli ist das Licht und trägt seine Schatten.

Wer beschützt den, der beschützt? ist wohl die zentrale Frage dieses Liedes. Millis Stärke ist nicht die unerschütterliche Härte einer makellosen Heldin, sondern die Beharrlichkeit eines Menschen, der Verantwortung trägt, obwohl er längst spürt, was sie kostet.

Der Sonnenbrunnen, die Schwüre, das Licht stehen hier für ein Ideal, das geprägt hat, Halt gibt und irgendwann auch zur Last werden kann.

Wer beschützt den, der beschützt?

Die müde und zitternde Hand, die Schild und Schwert führen soll, verrät, was die Identität noch zu verbergen versucht: Erschöpfung. Dieses Zittern wird nicht als Versagen erzählt. Es erscheint als Gedächtnis. Diese Hand „hat erlebt, was Licht verbrannt’“. Sie weiß etwas, das die Ideologie des reinen Lichts nicht wissen möchte: Dass selbst Hingabe Wunden hinterlassen kann. Dass Pflichterfüllung einen Preis besitzt. Dass das vermeintlich Gute nicht allein deshalb unschädlich ist, weil seine Absicht edel war.

Und darin liegt zugleich die Gegenbewegung des Liedes: Millis Zweifel zerstört ihre Paladinidentität nicht. Er beginnt, sie menschlich zu machen. Vielleicht besteht Schutz tatsächlich nicht aus Unverwundbarkeit. Vielleicht ist ein Schild nicht deshalb stark, weil er niemals bricht, sondern weil hinter ihm ein lebendiger Mensch steht, der fühlen, ermüden, zweifeln und dennoch lieben kann.

Nebelfrau

Unsere Schamanin.

Nebelfrau ist aber nicht nur irgendeine Schamanin, sie ist eine Art Naturereignis mit Heilerlizenz. Ihre Fähigkeiten resultieren aus ihrer tiefen Verbindung zu den Elementen.

Wasser heilt nicht bloß, es erinnert. Wind trägt nicht nur Regen, sondern Stimmen. Erde ist kein Boden unter den Füßen, sondern Halt, und selbst Feuer erscheint nicht als zerstörerische Kraft, sondern als Teil eines großen Kreislaufs.

Totems stehen, Geister wachen, Ahnen hören zu – und wir anderen versuchen derweil verzweifelt, nicht genau in dem Moment aus dem Kreis zu laufen, in dem sie das Ausgleichstotem stellt. Das können wir nämlich gut. Nebelfrau kann eines dann auch sehr gut: Tief seufzen.

Ihre Kraft besteht nicht darin, über der Gemeinschaft zu stehen, sondern mitten in ihr: ruhig, tragend und verlässlich. Während ringsherum wieder mehrere Dinge gleichzeitig außer Kontrolle geraten, legt Nebelfrau einen Heilkreis hin, als wäre dies die natürlichste Antwort der Welt auf allgemeines Chaos.

Ich möchte an dieser Stelle aber auf gar keinen Fall das epische Ereignis verschweigen, als wir im Endcontent immer wieder an Raszageth scheiterten und Nebelfrau schon prophylaktisch ihren Heilkreis direkt unter den Boss legte, wohin ein wütender Krieger gleich anstürmen würde.
Leider hatte sie vergessen, dass sie auf „Saurer Regen“ umgeskillt hatte, so dass eine sehr wütende Drachenmutter direkt auf den gesamten Raid zugestapft kam, während wir noch am Rand der Plattform saßen, kasperten, tranken, aßen und uns für den Kampf wappneten.

Das war das erste Mal, dass wir Raszageth besiegt haben.

Ein Hoch auf Nebelfrau!

Schildi

Auf der einen Seite eskalieren wir.
Auf der anderen Seite seufzt Schildi.

Wer uns jemals raiden gesehen hat, rennt auch kopflos in der Gegend herum, aber nicht mit uns, sondern eher ganz weit weg.
Die Jagdgesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie bei eskalierenden grundlegenden Bossmechaniken zuverlässig in den Zusatand kollektiver Auflösung gerät – Spieler sterben, Jäger pullen, Heiler stehen in Pfützen, irgendjemand rennt in die falsche Richtung, Hunterpets spazieren am Horizont zum nächsten Boss, da vorne brennt ein Baum. Oh, das ist ja unser Baum. Der Heiler brennt.

Und dann kommt Schildi. Mit gedanklichem Klemmbrett, einer inneren Bossmechanikliste zum Abhaken und mit der Fähigkeit, jeden Kampf auf eine Ebene herunterzubrechen, die selbst wir verstehen. Denn er kennt uns. Und erklärt uns notfalls per Bildschirmteilen und mit einem Zeichenprogramm, was wir machen müssen.

Das eigentliche „Gildenwunderkind“ besteht deshalb weniger aus einzelnen Fähigkeiten als vielmehr einer seltenen Kombination: Spielmechanisches Wissen, Übersicht, Flexibilität und die Fähigkeit, dieses Wissen so weiterzugeben, dass andere daran nicht verzweifeln. Mit Schildis Stimme im Ohr hat man das Gefühl, man könnte Dinge schaffen, die sich vor einigen Sekunden noch nach einer mittelschweren Katastrophe anfühlten.

Auch seine spielerische Vielseitigkeit ist enorm: Heilen, Schaden machen, spontan tanken – Schildi scheint immer dort aufzutauchen, wo gerade eine Lücke entstanden ist. Fast bekommt man den Eindruck, Blizzard habe ihn nicht als Spieler zugelassen, sondern versehentlich als internes Notfallwerkzeug für die Jagdgesellschaft veröffentlicht

Das Lied erzählt von einem Menschen, dessen Anwesenheit Sicherheit erzeugt. Wenn alles unübersichtlich wird, bleibt jemand klar. Wenn andere zweifeln, weiß jemand noch, was zu tun ist. Und vielleicht ist genau das der liebevollste Satz, den dieser Song über Schildi sagt: Man vertraut ihm nicht, weil er unfehlbar wäre – sondern weil man oft genug erlebt hat, dass die Welt ein kleines bisschen weniger chaotisch wird, sobald er anfängt zu reden.

[Mein Kobold. ♥]

Vani

Vani ist ein eigenes physikalisches Phänomen.

Wo andere einen Bossraum betreten, scheint sie zunächst einmal zu überprüfen, ob ihr Outfit der Situation ästhetisch gewachsen ist. Während ringsum Waffen geschärft, Fähigkeiten sortiert und Mechaniken erklärt werden, steht Vani da mit pinker Haarsträhne und der wesentlich wichtigeren Frage: Kann man in diesem Outfit auch unter modischen Gesichtspunkten kämpfen?
Man ahnt sofort: Der Abend wird schwierig. Aber hübsch.

Was danach folgt, ist kein gewöhnliches Chaos. Es ist hochindividuelles Vani-Chaos. Sie schießt Dinge an, die noch gar nicht angeschossen werden sollten, bleibt an Stellen hängen, von deren Existenz andere Spieler bis dahin vermutlich nichts wussten, und schafft es offenbar zuverlässig, aus völlig harmlosen Einrichtungsgegenständen persönliche Endgegner zu machen. Wo Vani „Ich stecke fest“ ruft, beginnt keine Panik mehr. Es greift Routine. Man kennt das. Man kommt. Man befreit Vani von der Architektur.

Besonders bemerkenswert ist ihre Fähigkeit, auch Bewegungsmechaniken kreativ neu zu interpretieren. Sie springt zurück, stellt sich tot und pullt Gegner mit dem Hintern. Das ist kein Gameplay mehr, das ist Performancekunst. Andere spielen nach Klassenmechanik. Vani spielt nach Impuls, Schwerkraft und einer sehr lebhaften Beziehung zum Zufall.

Vani ist also nicht einfach planlos. Sie ist auf eine Weise konsequent unplanbar, die eine Gruppe erst zu einer Gemeinschaft macht.

Zwischen Panik, Konfetti und taktisch fragwürdigem Körpereinsatz bleibt vor allem eines völlig klar: Ohne sie würde vermutlich mehr funktionieren. Aber sehr viel weniger passieren.

Elume

Hier betritt keine gewöhnliche Druidin die Bühne.

Hier materialisiert sich eine Mischung aus Mondgöttin, Ästhetik und Naturkatastrophe. Bemerkenswert ist vor allem der Widerspruch zwischen Erscheinung und Wirkung: Elume ist sanft, freundlich, edel – bis jemand auf die unkluge Idee kommt, sich ihr im Kampf entgegenzustellen. Dann regnet es Sterne. Brennend natürlich.

Elume muss weder laut sein noch sich wichtig machen. Andere Charaktere brauchen vielleicht Ansagen, große Auftritte oder wenigstens ein bisschen dramatisches Schulterzucken. Elume lächelt nur freundlich, während Sonne, Mond und halbe Galaxien im Hintergrund ihre Arbeit erledigen.

Hinter all dem Sternenstaub steckt allerdings vor allem Verlässlichkeit. Sie kämpft mit uns, nicht über uns. Ihre Größe besteht nicht darin, sich aufgrund ihres überragenden spielerischen Könnens von der Gruppe abzuheben, sondern darin, ihre Stärke ganz selbstverständlich in sie hineinzutragen.

Am Ende ist Elume deshalb fast schon verdächtig vollkommen: weise, freundlich, kampflustig, naturverbunden, kosmisch aufgeladen und trotzdem diejenige, die nach dem Wipe mit ruhiger Selbstverständlichkeit „Alles gut, wir probieren es einfach noch mal.“ sagt.

Andere bringen Schaden.
Elume bringt das gesamte Firmament.

Marlin

Marlin hat in seinem Leben schon viele Stürme erlebt.

Er geht trotzdem weiter. Leid muss hier nicht die Hauptrolle einnehmen, wird aber auch nicht kleingeredet. Narben sind sichtbar und bleibenein Leben lang, Verluste sind schmerzhaft spürbar und auf manche Fragen im Leben bekommt man nie eine befriedigende Antwort. Gerade deshalb ist die Schlussfolerung so wichtig: Resilienz bedeutet hier nicht, unversehrt zu bleiben. Sie bedeutet, trotz allem nicht zu zerbrechen.

Feuer, Wasser, Erde und Wind werden dabei zu Weggefährten. Das Feuer steht für innere Kraft, das Wasser für Bewegung und Loslassen, die Erde für Halt und der Wind für Erinnerung.

Marlin trägt und hält all das gleichzeitig. Das Lied versucht den tragenden Gedanken zu entwickeln, dass Stärke mit der Zeit leiser werden darf. Aus loderndem Feuer wird Glut, aber Glut ist niemals weniger lebendig als Feuer. Sie muss nur niemandem mehr beweisen, dass sie lichterloh brennen kann.

Der letzte Satz fasst diese Erkenntnis zusammen: Nicht heil zu sein bedeutet nicht, verloren zu sein. Manche Menschen tragen ihre Geschichte sichtbar mit sich – und stehen trotzdem.

Vielleicht sogar gerade deshalb besonders fest.

Gildenleitung

Erkenntnis. Da ist keine Freude mehr, kein freudiges Hallo, keine Umarmung, kein Willkommen um seiner selbst Willen. Es wurde erwartet, dass mit Erreichen der Endphase automatisch eine Überlegenheit einstellen würde. Nun ist das nicht passiert, in einer ganzen Woche nicht und was bleibt ist die Enttäuschung darüber, nicht bestätigt zu bekommen, was man doch eigentlich längst wusste: Besser zu sein. Wertvoller für die Gruppe. Und ich kann nur schulterzuckend nach vorne sehen und meinen Weg weitergehen. Und auch das stößt auf. Ich habe in den letzten Monaten Aufbau und Management so viel für andere getan, dass ich erleichtert aufatmen kann und mich auf nächste Woche freue. Das ist für mich. Nur für mich. Verdient. Ich habe mich bemüht und angestrengt und habe Kontakte geknüpft neben diesem ganzen anderen Tagwerk, dass immer nur darauf ausgerichtet war, eine Gruppe von Egomanen zu einer Gemeinschaft zu führen. Wir sind auf dem Weg, aber noch lange nicht irgendwo, wo man sagen könnte: das wird was. Ausnahmen gibt es. Wenige. Sehr wenige. Zu wenige.
Mein Fehler, mich so sehr davon abhängig zu machen, dass es läuft. Reibungspunkte waren bis vor ein, zwei Wochen quasi nicht vorhanden. Erst jetzt, wo jeder ein wichtiger Teil sein will, sieht man, dass das Fundament fehlt. Unentbehrlich sein zu wollen verträgt sich nicht mit Gemeinschaft. Und Lernresistenz nimmt auch noch den letzten Spaß.
Ach, das macht doch nichts. Machen wir es halt nochmal.


Ja. Verharren in der Mittelmäßigkeit. Ohne Anspruch an uns selber.