Ja.
wir halt
Wehmut
Was habe ich denn nur erwartet?
Offene Arme?
Die Beteuerung, mich zu lieben und ohne mich nicht leben zu können?
Meinen Schmerz zu verstehen, wenn ich ihn äußere und ihn nicht wieder wegzuerklären?
Ich Narziss.
Gefangene meiner eigenen Eitelkeit, gefesselt an die erfundenen Bilder meines in mich selbst verliebten Gehirns.
Mein größtes Laster ist wohl die Kopflosigkeit des Herzens, jene, die mir mehr Schwierigkeiten bereitet denn Vorteile bringt, weil die anderen einfach absteigen, wenn das Pferd tot ist, während ich noch obenaufsitze und den Gaul anschreie, gefälligst wieder aufzustehen – zu verliebt in die Idee, auf eben genau diesem Tier in den Sonnenuntergang zu reiten, Zeit und Wegstrecke verlierend, weil ich nur mich sehe.
Aber auch das prachtvollste Tier wird hässlich, wenn es in zu großer Hitze schlussendlich verrottet.
[Und während ich mich meinen rosafarbenen Kleinmädchenträumen hingebe, versetzen zwei kleine Worte dem Herzen den finalen Todesstoß. Idiot. Ich.]
Humpel ich eben allein in diesen beschissenen Sonnenuntergang.
Irrtum
Vielleicht hatte ich einfach gehofft, es würde an diesem Tag einen Unterschied machen ob ich da bin. Nicht nur das Grau, wie sonst.
Traurigkeit
Wenn ich so lese, was ich lese, scheint es gar nicht so besonders gewesen zu sein, was wir miteinander erleben, fühlen, tun, lieben, sind… wenn andere Eindrücke diesem Wunder Platz machen müssen.
Einbildung meiner Fantasie. Nicht dass man noch die eigene emotionale Durchschnittshöhe verlassen muss.
Einsamkeit auf ganzer Linie. Alltag. Weiter.
Nachhall der Idiotie
Es hat lange Jahre gebraucht, bis ich annehmen konnte, aus tiefem Vertrauen heraus, dass es tatsächlich genau das geben würde, das ich immer ins Reich der Utopie geschoben habe.
Und dann reicht so wenig, mir meine eigene Idiotie vor Augen zu führen.
Wenn die eigene Welt auf einmal Kopf steht.
Pragmatismus
Mir in aller Seelenruhe von seiner nächsten Frau zu erzählen und ob er mit ihr Kinder haben möchte, erfordert entweder sehr viel Mut oder sehr viel Ignoranz.
Oder einfach nur sehr viel weniger Glauben an uns als ich habe.
Reue
Vielleicht habe ich zu spät erkannt, dass ich vielleicht sein Ein aber niemals sein Alles würde sein können.
Sechs Leben
Die Tage ziehen so dahin, ins Jahr.
Fünf Monate sind es seid seiner Geburt, fünf Monate Inkontinenz, fünf Monate Schmerzen, fünf Monate Depression, fünf Monate Hoffnung, leise.
Muss irgendwann besser werden, der Körper trägt Spuren davon.
Die Seele auch.
Möchte die ganze Welt umarmen und dann wieder in die Luft bomben, weil es keinen Grund zur Hoffnung gibt.
Keine Gerechtigkeit.
Keine Liebe.
Rückschläge werfen uns aus der Bahn, wir schlingern so dahin, ohne Kurs.
Und manchmal erschlägt es mich, dass ich auch in diesem desolaten Zustand nach wie vor der Kapitän sein soll – Herr über dieses Schiff, der, der bis zuletzt stehen bleibt, auch wenn es sinkt. Erst alle anderen, dann ich. Ich bin nämlich nicht wichtig. Kann selbst dann weitermachen, wenn ich eigentlich nicht mehr kann, damit es für niemanden unbequem wird.
Und dann ist da auf der anderen Seite wieder jeden Tag so viel Glück. So viel Liebe. Dieses Lächeln, dieses eine, zahnlose, das mich mit der Welt versöhnt, komme was da wolle. Der Bragi, der mich weitermachen lässt.
Hilflosigkeit, die Zeit nicht einfach anhalten zu können, im Moment zu verharren und ihn bis in alle Ewigkeit zu konservieren, auch wenn das Stillstand bedeutete.
Vielleicht geht es zu schnell. Vielleicht zu langsam.
Irgendwo, auf halber Strecke muss ich mich selbst verloren haben.
Leider hat mich niemand aufgesammelt.
Wechselschritt
Ich weiß nicht, warum die Erinnerungen momentan so stark sind. Weiß nicht, woher ich so gestresst bin, dass die Haut wieder Blasen schlägt und ich nachts in Alpträumen zu versinken drohe.
Die katastrophal verlaufene Operation des Mannes im Januar mag Auslöser gewesen sein, aber ich dachte, ich würde konstruktiv aufarbeiten. Nicht wegsehen, nicht vergleichen, hinsehen, annehmen. Es fällt schwer, wenn man selber alleingelassen wird, wenn etwas Vergleichbares passiert und umgekehrt der Anspruch auf Exklusivität auf Intensität von Leid besteht.
Es gelingt mir geistig, mich zusammenzureißen, doch mein Körper und meine Verfassung sprechen eine andere Sprache. Kann den Mann nicht mehr annehmen, kann mich nicht mehr annehmen. Hadere mit meiner Vergangenheit. Erlebe in Sequenzen abwechselnd Missbrauch, Folter, Unfälle und normale Demütigungen/Misshandlungen und bin so hilflos wie ich es immer gehasst habe.
Kein Wächter da, der mich wegblenden könnte, alles ungefiltert beim Essenmachen mit vier Kindern am Tisch, die lachen und albern, während die Erinnerung mich schlagartig ins Dunkel reißt.
Will duschen gehen, mir die Haut vom Körper scheuern, weil überall ihre Finger zu spüren sind. Will aus der Haut fahren, mich verstecken, endlich den Tränen freien Lauf lassen, die nun schon so lange Jahre ungeweint sind.
Ich will mir nichts vormachen und es nicht dramatisieren. Es wird besser im Laufe der Jahrzehnte. Es wird erträglicher. Es rückt weiter weg, auch wenn das Gefühl im Moment der Gedankengefangennahme etwas anderes sagt.
Es ist doch schon so viel besser geworden.
Ich habe mich für dieses Leben mit einem Ja entschieden. Nicht immer laut und deutlich, nicht immer uneingeschränkt, aber schlussendlich bleibt es ein Ja.
Ja. Ich will.
Erschöpfung
Vielleicht ist es das, woran unsere Gesellschaft am meisten krankt:
Dass es einem erst schlecht gehen muss, damit man sich um ihn kümmert.
Dass man das Gefühl hat, körperlich schwer krank sein zu müssen, um diese Aufmerksamkeit einfordern zu dürfen, sich überhaupt erst zu wagen, zu verlangen, zu bitten, zu flehen, zu betteln, dass der Andere sich auch mal kümmert…
Wie einfach wäre es – und wie vermessen kommt es mir vor – zu sagen: Ich fühle mich ungeliebt. Ich möchte getragen werden. Umsorgt. Möchte ab und zu nein sagen dürfen und trotzdem geliebt sein…