Krieg der Gedanken

Ich bekomme weder die Bilder noch die Gedanken aus dem Kopf.
Endlosschleife aus Emotionen.

Habe das Gefühl, den Mann nicht mehr richtig ansehen zu können, weil alles überlagert wird von diesem einen Tag, dieser Stunde…
Unser Leben, seins, meins, unseres, unsere Beziehung ist seitdem nicht mehr wie sie war.

Und das betretene Neuland liegt im Nebel.
Gestalten soll ich es.

So hilflos.

Emotionale Erpressung

Durch das Aufzeigen einer temporären Grenze bei mir mit nur einer einzigen Schulterbewegung vom mündigen Menschen zum bemitleidenswerten Opfer zu werden ist so erschreckend wie bemerkenswert.

Als hätte ich kein Recht darauf, auf mich selber zu achten.

Und ich kenne dieses Prinzip von Grenzüberschreitungen dermaßen gut, dass es mir die Galle hochwürgt, wenn ich daran denke, dass dies ein geeignetes Kommunikationsmittel sein soll.

Nicht für mich.
Nicht mit mir.
Nie wieder.

Elementares

Darf ein Fels in der Brandung wanken? Was, wenn man ihn wanken gesehen hat? Ist er dann nach wie vor ein Fels, sobald er seinen Halt wiedergefunden hat?

Oder ist das Gefühl, sich in jeder Situation daran festklammern zu können, ein für alle Mal verloren?

Schwebend zwischen den Dingen…

Verwundet

Traue mich kaum zu schreiben, weil es eine Grenze, eine andere, eine fremde, verletzen könnte. Mache die ersten zaghaften Schritte nach vorne und hoffe inständig, dass wir den Weg weitergehen können.

Vielleicht sind es gar nicht die großen gewaltigen Dinge und Geschehnisse, die eine Beziehung für immer verändern, die Rollen tauschen, in denen man sich jahrelang so wunderbar eingefunden hat… vielleicht braucht es bloß eine Stunde, eine Welt auf den Kopf zu stellen und sie neu betreten zu müssen, wie man sie zuvor noch nie betreten hat.

Falsche Entscheidungen sind nicht rückgängig zu machen, man muss mit ihnen leben oder sterben. Solange der Tod keine Wahlmöglichkeit darstellt, muss man sich arrangieren.
Schuldgefühle, auf ganzer Linie. Hätte ich doch nur, wäre ich doch nur früher dort gewesen, wäre ich nur dageblieben…

Kenne meine Rolle nicht mehr, meine Aufgabe und merke doch, wie nach nun fast zwei Wochen die Aufmerksamkeit langsam nachlässt und die Müdigkeit kommt. Vertauschte Rollen, so kommt es mir vor und ich fühle mich so falsch..

Die Achtsamkeit fordert meine ganze Konzentration und ich frage mich, wie tief die Wunde ist. Wie stark die Verletzung.
Ob sie die Seele erreicht hat.

Traue mich nicht, in die Vergangenheit zu blicken, weil ich werten würde.
Von mir wird erwartet, diese Dinge einfach auszuhalten. Schmerz, Hilflosigkeit, gehört ja dazu, ist ja natürlich. Ich werde damit allein gelassen bis es nicht mehr anders geht. Für sich selber beansprucht man eine ganz andere Behandlung und bekommt sie natürlich auch, denn ich bin nunmal niemand, der andere Menschen im Stich lässt, wenn es ihnen schlecht geht.

Auch noch auf der Flucht vor mir selber.
Und gleichzeitig Fels in der Brandung.

Hilflos.

Zwischen Traum und Trauma

Seit 26 Stunden wach, davor 2 Stunden geschlafen, seitdem erst Wehen, dann Presswehen, seitdem Nachwehen. Und was für welche.
Ich bin hier die Einzige mit Brüsten, von daher ist meine Rolle klar und nach nun 4 Stunden Dauerstillen („der trinkt heute nix mit dem ganzen Fruchtwasser in der Lunge!“) ist der kleine Tuk kurz eingenickt und ich warte aufs nächste Schreien. Um 6 Uhr hat der große Mann mit einigen Unterbrechungen immerhin 6 Stunden geschlafen und ich werde ins Bett fallen.
Einfach so.
Weil ich es mir verdient habe.
Nach 30 Stunden Marathon.

Angefangen hat alles mit einem Traum.
In diesem Traum kamen viele Sterne vor, viel Frieden, viel Reise, viel Verbundenheit.
Und ich wachte auf und lächelte.
Das war 2 Uhr nachts.
Gestern.
Dann machte es „Poff“ – wie in einem Donald Duck Comic – und das wars mit der Fruchtblase.
Fünf Handtücher später schlug ich dem großen Mann vor, wir schlafen einfach weiter.

Nicht so der kleine Mann in der Fruchtblase.
Wehe folgte auf Wehe, wurde stärker, schneller, heftiger.
Aber von drei vorhergehenden Geburten weiß ich ja – ich habe eine Wehenschwäche.
Egal, wie viele da sind – sie bringen nichts für die Geburt.
Also habe ich die Ruhe weg.
Wir bleiben so lange wie möglich zuhause, bis wir die Hebamme anrufen.
Um 6 Uhr, damit sie ausgeschlafen ist und wir mit dem Tropf im Krankenhaus anfangen können.
Wie jedesmal.
Denn eigene Wehen – kann ich ja nicht.
Ja.

Als der Mann dann gegen kurz nach 7 Uhr mit unserem Auto, in dem sich drei unausgeschlafene Kinder befanden, mit Tempo 80 über rote Ampeln mitten im Berufsverkehr durch die Innenstadt heizte, während ich harmlose Passanten aus dem geöffneten Seitenfenster anbrüllte, weil ich die Wehen nicht mehr veratmen sondern nur noch rausschreien konnte, war der Plan ja eigentlich noch, vorher einen kurzen Abstecher zur Tagesmutter zu machen, um die Kinder rauszuwerfen.
Denn: wir haben ja Zeit. Kurz vor der Kreuzung schreie ich mitten in einer Wehe den Mann also an, ja nicht abzubiegen, sondern zum Krankenhaus weiterzurasen und röhre nach wie vor wie ein brünftiger Hirsch aus dem Fenster und kneife die Beine zusammen. Ist irgendwie anders als sonst, denke ich noch so.
Am Krankenhaus angekommen herrscht der Mann die Kinder aus dem Auto, ich wanke Richtung Fahrstuhl, aus dem eine Schwester hektisch mit weitaufgerissenen Augen zwei wehrlose Rentner wieder herauszieht, nachdem sie mich, den Mann und die Kinder erblickt und uns kommentarlos hineinschiebt, einen Knopf drückt und sowas wie viel Glück wünscht.
Ich schwanke zwischen Schmerzkoma und einem fassungslosen: Ich habe doch eine Wehenschwäche.
Vor dem Kreißsaal meine Hebamme, die mich an den Händen fasst und ein bisschen komisch ansieht, neben mir Schwestern und Ärzte, die die Kinder vor den nächstbesten Fernseher führen und ein Mann, der die Tür zum Kreißsaal hinter uns schließt.

Tropf, denke ich noch, als die Hebamme bei der Untersuchung was von 9 cm murmelt.
Wehenschwäche, denke ich und verlange einen Zugang.
Dann kann die Geburt ja endlich anfangen.
Es ist kurz vor 8 Uhr.
„Ich kann da keinen Zugang legen“, murmelt die Hebamme, als ich zwischen zwei Wehen meine Hand hinstrecke.
Also Armbeuge, nachdem die erste Ader platzte.
Die Wehen kamen gefühlt alle 10 Sekunden und hielten 3 Minuten.
Der Mann hielt meinen Arm, die Hebamme versuchte im Laufen, mit der Nadel eine Ader zu treffen, während ich im Raum umherwankte, Wehen aus mir herausstöhnte und mal dringend auf Klo musste.
Wehentropf, denke ich noch.

Irgendwann ist alles voller Blut, weil die Rahmenbedingungen nun mal eher suboptimal waren, ich bekomme noch ne halbe Binde um den Arm gewickelt, damit die Nadel nicht rausrutscht und soll zum CTG.

Gute Idee, denke ich.
Mal sehen, ob man die Wehen überhaupt aufzeichnen kann oder ob sie zu schwach sind.
Aber alles, was mir an den Bauch geklemmt wird, ist der Herztonkopf für das Baby.
Wehen, denke ich noch.
Da müssen wir doch was aufzeichnen, wenn wir gleich einleiten.
Ich schreie inzwischen ununterbrochen.

Der Mann kommt irgendwie durch die Wand aus Schmerz und teilt mir mit, dass die Tagesmutter am Krankenhaus ist und die Kinder abholt.
Er würde sie jetzt runterbringen und dann wiederkommen.
Wir haben ja Zeit, denke ich.
Und frage mich halb taub, ob ich das überlebe.
Wenn wir erst mal einleiten und die Wehen schlimmer werden.

Es ist 8 Uhr.

Ich schreie mir die Seele aus dem Leib, alles triggert, alles ist furchtbar, ich falle von einem Panikanfall in den nächsten, will Schmerzmittel und höre immer nur, es ist zu spät.
Ich brülle, ich kann nicht mehr, die Hebamme brüllt mich an, ich soll die Luft anhalten und pressen, ich brülle, ich bin noch nicht so weit, der Mann kommt zur Tür reingerannt, brüllt mich auch noch an und da platscht es schon aufs Bett.

08:06 Uhr.

Wehentropf, denke ich noch, als der Mann das Baby hochnimmt.
Und irgendwann lasse ich mir von ihm die Geschichte mal erzählen, wie sie aus seiner Sicht verlaufen ist.
Nicht heute.
Vermutlich auch nicht morgen.
Aber irgendwann sicherlich.

Willkommen auf der Welt, mein närrischer kleiner Tuk.
Es ist so schön, dass es dich gibt.

Ist das schon alles?

„Ich kann nicht mehr“ hört sich ja immer so pathetisch an. Abgesehen davon, dass es einem eh keiner glaubt. Ist ja auch schlicht zuviel verlangt. Weiter geht es immer, musste jeder schon machen, den anderen geht es eh viel schlimmer und überhaupt und sowieso. Außerdem will man sich wenn, dann überhaupt wichtig machen.
Ich erinnere mich an Szenen vor 5 Jahren, als der Kobold Tag und Nacht schrie. Ununterbrochen.
Ich erinnere mich daran, wie ich tränenüberströmt und zitternd vor ihm stand und darüber nachdachte, ob er wohl aufhört, wenn ich ihn schlage.
Oder schüttle.
Oder fallen lasse.
Oder würge.
Oder ihm einfach ein Kissen aufs Gesicht drücke.

Ich hatte einen Mann, der nicht verstanden hat, dass ich ihm abends einfach so ein schreiendes Kind in den Arm drückte und allein sein wollte. Der noch wütend auf mich war, wenn ich ihn nach 10 Stunden ertragenem Dauergeschrei mit dem Kind allein ließ. Schließlich wars im Büro ja auch anstrengend. Ich hatte Angst, panische, nackte Angst, wenn dieses Kind nach seinen kurzen Schlafphasen wieder wach wurde. Ich hasste ihn, wenn er anfing zu brüllen.

Er war satt, trocken, ich hatte ihn auf dem Arm, hell, dunkel, schaukeln, Schnuller, Brust, Milch aus der Flasche, neue Windel, auf dem Bauch, auf dem Rücken, alles egal. Er schrie.
Er schrie mich um den Verstand.
Allein mein Wille hielt mich davon ab, ihn zu töten.
Nicht mein Instinkt, nicht Liebe, nicht mein Verstand, nicht mein Herz.
Nichts von alledem.
Nur mein Wille.

Das war der Moment, als ich das letzte Mal diesen Satz aus vollem Herzen sagte und jeden Buchstaben daran auch so meinte. Todernst. Im schlimmsten Sinne dieses Wortes.

Ich.kann.nicht.mehr. Im Grunde genommen verblasst alles andere gegen diese verstörende Erfahrung.
Ich hab das überlebt, obwohl mir nicht geholfen wurde.
Obwohl ich um Entlastung gebettelt habe, jeden Tag.

Immer weiter, immer geradeaus.
Schlussendlich ist man immer allein.
Und so ist jede Klage hinfällig.

Schwebend

Ich werde die Leitung der Geburt keinem Menschen übertragen, der sich weigert, die Dinge zu Ende zu durchdenken, so schmerzhaft es sein mag.
Ich brauche einen Geburtsbegleiter, der einen Masterplan hat.
Und einen Plan B und C, sollte es nötig werden.
Dazu gehört, alles durchdacht zu haben.
Gedanklich alles zugelassen, alles einmal durchgespielt zu haben.
Das traurige Gefühl in meinem Innern ballt sich zu einem Knoten.
Würgend, weinend.
Allein.

Zusammen

Den Mann von unterwegs mit drei Kindern im Auto im Büro anrufen, weil an einer Ampel ein sehr netter Mann darauf aufmerksam gemacht hat, dass der eine hintere Reifen eiert.
Vorfahren, auf dem Parkplatz stehenbleiben und zusehen, wie der Mann in Bürokleidung mal eben das Auto untersucht, den Reifen wechselt und alles wieder in Ordnung bringt.
Es ist so ein ganz grundlegendes Sicherheits-Wohlgefühl, dass ich eben nicht alles tun muss was ich könnte.

Nicht einsam. Gemeinsam.
Auch nach so vielen Jahren immer noch erstaunlich.

Sterne [Tobias]

Es ist schon seltsam. Da trage ich unser siebtes gemeinsames Kind unter dem Herzen und bereite mich mit jeder Faser meines Körpers auf die Geburt vor, eine Geburt mit dir gemeinsam.
Ich weiß, dass unser Leben sich im Moment ganz grundlegend ändert, dass du dich ganz grundlegend änderst. Und das ist so richtig wie beängstigend. Als ich damals unser erstes Kind unter dem Herzen trug und du noch so anders warst als heute, hätte ich mir diese Worte hier vermutlich nicht träumen lassen.

Wir sind gemeinsam in über sechs Jahren einen unglaublich weiten Weg gegangen. Ich sehe den Mann von gestern, den von heute und auch den von morgen. Lange schon.
Und so sicher wie ich mir bin, dass du der letzte Mann meines Lebens sein wirst, so sicher wie ich mir bin, dich auf ewig zu lieben, so unsicher bin ich mir, ob dein Weg tatsächlich immer parallel zu meinem verlaufen wird.  Oder ob du dich in absehbarer Zeit für etwas entscheiden wirst, das dir vielleicht im Moment so unmöglich wie unvorstellbar vorkommt.

Deinen Weg alleine weiterzugehen. Ich werde dich nicht aufhalten.

Genau wie unseren Kindern ist das höchste Gut, das ich dir in Liebe geben kann, deine Freiheit. Flügel, wenn die Wurzeln tief genug verankert sind. Ich merke, wie ich mich lange Zeit schon innerlich auf ein Leben allein mit den Kindern vorbereite. Ohne sagen zu können, wann dieser Zeitpunkt kommen wird. Oder ob er kommen wird.

Es ist gebären, alles dies. Erkenntnis, dass wir mit jeder Geburt nicht nur Leben schenken, sondern es auch gleichzeitig dem Tod übereignen.

So verzweifelt, manchmal. So dankbar, dass es dich gibt.

Dass ich auch im Falle eines Abschieds dieses Stück Weg mit dir gehen durfte.

Heilen durfte.

Dass ein Wort von einer Definition zu einer Bedeutung wurde.

Liebe.