Paradoxa

Es ist mitunter so seltsam, dass man jemanden erst wegschicken muss, damit es möglich ist, ihm zu begegnen.
Manchmal muss man jemandem erst eine Mutter sein, damit er keine Mutter mehr braucht.
Manchmal muss man jemanden immer wieder hart zu Fall bringen, damit er lernt, weich zu fallen.
Sich von der Angst leiten zu lassen, jemanden zu verlieren, sorgt dafür, dass genau das geschehen wird. Erst in der Freiheit ist wahre Begegnung möglich.
Freiheit existiert nie ohne Erfahrung.
Ich werde einfach warten. Wir haben Zeit.

Nerven

Ich bin so wütend. Und diese Wut ist so sinn- und nutzlos. Dadurch geht es nicht voran. Und ein halbes Jahr reden, motivieren, planen zieht sich inzwischen so endlos und zäh wie Kaugummi unter meiner Schuhsohle.
Ich erinnere mich so gut an all die Tränen, an den Umschwung, etwas verändern zu wollen… Sechs Monate sind es nun und es geht voran. Langsam. Mit Rückschritten. Und mein Nervenkostüm wird dünner, je schwerer ich trage und je näher die Geburt rückt.
Nein, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. So nicht. Und ich kann nichts tun.

Vielleicht hat er nicht nur sich selbst betrogen, sondern auch uns. Es ist keine Verschnaufpause möglich, hier, mit den Kindern, in einer Zeit, in der ich so mühsam nur noch vorwärts komme, immer die Bitte auf den Lippen, dass auch ich mal eine Pause brauche. Eine kleine nur. Nur ein bisschen… Nur einmal durchatmen.
Es ist nicht möglich, es muss vorangehen. Und ich sehe seinen Berg und ich sehe meinen, der dadurch auch immer weiter wächst, ohne dass ich die Möglichkeit hätte, ihn abzutragen. Es liegt so sehr in seiner Hand, dass ich innerlich wüte und rase, weil mir die Hände gebunden sind, ich nichts anpacken kann mit der Aussicht auf Erfolg und Besserung, es ist mir nichts weiter möglich, als abzuwarten und auszuharren, einmal mehr.
Lektionen in Demut, auch hier.
Jeder Tag, der vergeht, schränkt mich mehr ein. Die Luft wird knapp, die Nerven jaulen auf, zusätzlich zu allem anderen. Die Vergangenheit steht groß und dunkel direkt hinter mir, manchmal drehe ich mich um, manchmal versuche ich einfach, einen Schritt nach dem anderen zu tun, ohne zurückzublicken.

Und dann ist da wieder diese Wut, nicht alles in den Händen zu halten.

Nur ohnmächtig darauf warten zu dürfen, dass ein Anderer endlich begreift…

Verdachtsmomente

Der Mann stellt jetzt seit drei aufeinanderfolgenden Tagen den Duschkopf aus zweieinhalb Meter Höhe wieder nach unten.

[Das bedeutet, ich muss nicht hochschwanger unter der Dusche herumhampeln und versuchen, meine gute Laune zu behalten, während ich verzweifelt versuche, die bombenfest gedrehte Halterung loszuschrauben und/oder es mir wenigstens gelingt, den Duschkopf aus der Halterung zu lösen, um so zu duschen]

Das ist etwas, das in 6 Jahren nicht öfter als ein paar Mal im Jahr geklappt hat und ich starre seit 3 Tagen jeden Morgen um kurz nach 6 Uhr im Bad fassungslos die Dusche an.

Am ersten Tag war ich freudig überrascht.
Gestern fand ich es seltsam.

Heute bin ich kurz davor, Amok zu laufen und auf der Suche nach seiner Affäre sein Büro zu stürmen und nach Beweismaterial zu suchen.
[zuhause hab ich schon alles durch]

Ich hab Hormone.

Eiternd

Wie tief der Stachel der Erinnerung noch im Fleisch meiner Seele sitzt, kam mir heute durch einen unerwarteten Unfall zu Bewusstsein.

Nach einer Stunde Krankenhaus, einer wieder zusammengenähten Motte und vielen Nerven weniger, die ich irgendwo zwischen Ärzten, Krankenhausflur und weinenden Geschwistern verloren haben muss, brachten wir das Mottenkind irgendwann ins Bett.
Mit geschwollenem schiefen Gesicht, ein paar Nähten und noch reichlich Blut überall. An mir, an ihr, am Mann, am Esel… Ich trag das vollgeblutete T-Shirt immer noch – es fehlt die Kraft, nun noch etwas anderes zu suchen. Wozu denn auch. Vielleicht ist es auch einfach unwichtig.
Im anschließenden Gespräch mit dem Mann auf der Suche nach Erleichterung holt er plötzlich eine Erinnerung hoch, die ich schon vergessen glaubte und es zerreißt mein Herz endgültig.

Ich sehe mich mit meinem neugeborenen Sohn nach der ersten Nacht seines Lebens, wie wir dort liegen, so zweisam, dreisam, so intim, dass ich glaube, dass dies der dichteste Moment meines Lebens sein würde, gefangen im Zauber dieses einmaligen Augenblicks… die Welt steht still. Bis der Mann…
Meine Seele bricht, ein ums andere Mal.

Heute Abend wurde diese schwärende schwarze Wunde wieder geöffnet, die ich schon verheilt und vergessen glaubte. Um mich zu schützen? Um ihn zu schützen? Unsere Beziehung?
Die Erschöpfung bricht durch, mein Geist verschließt sich. Dies ist noch möglich, das Aufschreiben, Wegschreiben, Wegdrängen, das Ausspeien des Giftes…

Und doch hat es bereits meine gesamte Seele durchzogen und ich frage mich, wie ich so blind geworden bin…

Ich sehe das Licht nicht mehr.

Rat wie Schläge

Manchmal möchte man einfach nur so frei sein, zu äußern, dass das Leben oder ein Moment oder ein Ausschnitt aus diesem Leben oder eine Situation stressig und anstrengend ist, ohne gleich Ratschläge zu bekommen, wie etwas besser laufen würde.

Es sagt viel über das Gegenüber aus, wenn es meine Gefühle oder meine Aussage nicht einfach so hinnehmen und stehen lassen kann und weit davon entfernt ist, die Kernaussage zu begreifen…

Tobias

Ich liebe dich.

Noch immer genauso und auch ganz anders als vor sechs Jahren.

Als wir unter diesem Sternenhimmel standen und uns das erste Mal gesehen und wenig später das erste Mal geküsst haben, da war ich dir schon mit allem verfallen, was ich habe.
Vor sechs Jahren kam ich mit einem zweieinhalbjährigen schüchternen Mädchen zu dir, das keinen Vater kannte. Du hast dich nicht irriteren lassen, als sie anfing, dich Papa zu nennen. Du warst seit dieser Zeit jeden Tag ein fester Bestandteil ihres Lebens. Sie vertraut dir, sie liebt dich. Unser Band, das so eng und fest war, ist durch die Beziehung zu dir nicht verschwunden, wohl aber elastischer geworden. Du hast hart gekämpft, bis ich dir Verantwortung für sie zugestanden habe und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Für mich und für sie.

Vor fünf Jahren und 10 Tagen wurde der Kobold in deine Hände geboren. Ich sehe dich, wenn ich ihn ansehe – und ich sehe uns. Ich liebe dieses Wesen, das ich in dieser unsicheren und auch oft schmerzhaften Zeit ausgetragen habe. Ich liebe seine Vorliebe für rosa und lila und dass er Kleider anzieht und Prinzessin werden will und ich liebe dein sanftes Lächeln, wenn er in seinem Feen-Ballettanzug leise singend an uns vorbeischwebt. Dass er auch nach fünf Jahren noch immer Nacht für Nacht zwischen uns liegt – liegen darf. Wohl behütet neben und auch gerne auf dir. Und ich weiß, dass du oft deswegen fluchst, dass aber nie zur Debatte steht, ihn anders anzunehmen als er eben ist. Unser Kobold.

Vor vier Jahren hatten wir bereits ein Baby verloren, das du auch auf deinen Händen hieltest. Du hattest mich monatelang getragen, gezogen und auch geschubst, wenn ich nicht mehr weiterleben wollte oder konnte. Ich danke dir dafür, dass du mich wieder ins Leben zurückgeholt hast auch wenn es so verdammt weh getan hat.

Heute vor vier Jahren standen wir vor einem Standesbeamten, der dich fragte, ob du mich heiraten willst und du sagtest: Moment bitte… und bist weggegangen. Um unseren Kobold einzufangen, der gerade laufen lernte und mit Hilfe einer mannshohen Palme im Rollcontainer hinter dem armen verdutzten Mann her rollte und versuchte, aus dem Standesamt zu flüchten. Wir haben darum gebeten, den Zusatz „bis dass der Tod euch scheidet“ wegzulassen, weil er das nicht tun würde und wird.

Unser Ja ist kein Jaja.

Vor drei Jahren war ich hochschwanger mit unserer Motte, die vier Tage später zur Welt kommen sollte. Mitten in der Nacht, bei Sturm und Gewitter. Dieses Kind, das seinem Namen alle Ehre macht. Reißend wie ein Strom, unbändig wie eine Naturgewalt, wild wie ein Krieger und sanft wie eine schnurrende Katze. Sie lehrt uns das Leben noch einmal neu, wir vergöttern beide unsere Tochter und ich sehe in deinem Blick dieselbe Liebe, die auch ich empfinde. Drei Jahre nun begleiten wir sie schon und es ist wundervoll, wie verliebt du in sie bist. Du hast einen Narren an ihr gefressen und diese bedingungslose nachsichtige Vaterliebe ist ein unglaublich großes Geschenk für sie wie für mich.

Vor zwei Jahren und 8 Tagen standst du neben mir, als ich die Urne meines Großvaters trug. Auch vorher schon, als ich neben seinem toten Körper stand, ihn umarmt und gestreichelt habe. Als ich um Zeit alleine mit ihm gebeten habe. Du hast unsere Kinder an der Hand gehabt und warst einfach da. Im Aufbahrungsraum, auf dem Friedhof, vorher, hinterher, ganz allumfassend. Wir hatten Wochen vorher ein zweites Baby verloren und sollten einige Monate später ein weiteres Kind verlieren.

Doch vorher würden wir noch zwei Wochen lang unseren Hund beim Sterben begleiten. Jeden Tag sind wir auf den Berg gefahren, hast du ihn zum Schluss auf diese Wiese getragen, weil wir wollten, dass er in der freien Natur sterben darf. Lange hat er gekämpft, bis er schlussendlich auf deinem Arm starb.


Wir waren alle am Ende unserer Kräfte. Wir haben in diesem Jahr nicht sehr viel geredet. Wir standen Seite an Seite, manchmal auch Rücken an Rücken, uns immer berührend, aber wir hatten keine Kraft mehr, irgendetwas anderes zu tun als irgendwie weiter zu machen.


Vor einem Jahr fingen wir wieder an, Pläne zu machen. Leise, sachte. Vorsichtig, als wäre ein Übermaß an Enthusiasmus nicht angemessen und vielleicht wäre es das auch nicht gewesen. Als wir wieder anfingen, miteinander zu sprechen, stellten wir fest, dass wir so eng zusammengewachsen waren, dass viele Probleme gar nicht existent waren. Ich wurde schwanger. Und hatte eine Fehlgeburt.
Und dieses Mal gingen wir weiter.

Wir sprachen über ein Leben ohne weitere Kinder. Drei ist eine gute Zahl. Ist sie immer noch. Die Monate gingen ins Land, während derer die Sicherheit wuchs, dass es vielleicht einfach gut so ist, wie es ist. Der Abschied von unserem Traum war nicht leicht. Es tat weh und ich habe viele Tränen deswegen vergossen. Aber es war ein ruhiges Jahr und das tat uns gut.
Heute Abend endet das sechste Jahr.

Morgen beginnt das Siebte.
Ich trage unseren zweiten Sohn unter dem Herzen.

Unser siebtes Kind.
Ich liebe dich.

Immer drei umsonst

Wann immer ich eine neue Nähidee habe, erscheinen nacheinander drei Gestalten neben der Nähmaschine, die liebreizend säuselnd versichern, dass sie nie etwas Schöneres, Tolleres oder Kreativeres gesehen hätten, um mir das fertige Nähwerk dann unter der Nadel wegzureißen.
Nach dem dritten Teil, das spurlos verschwindet, kann ich dann mit meiner Arbeit anfangen.

„Ich hätt auch gern so eins.“, lächelt mich der große Mann mit den blauen Augen gestern Abend liebevoll an.  

[Immerhin steht er beim Nähen nicht neben mir und zupft wahlweise an meiner Kleidung oder am Stoff, damit es schneller geht]

Vier Jahre

Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Wurzelentzündung, vereiterte Nasennebenhöhlen, Husten, Grippe, drei Kinder, die betreut werden müssen, ein Mann, der ungerührt schläft und voller Trauer um meine tote Tochter an diesem Tag. Allein.

Er hat gute Chancen, der beschissenste Tag des ganzen Jahres zu werden.

Leere Worthülsen aus toten Versprechungen sind schon was Feines.

Freizeit

Wochenende, freier Tag. Keine Verpflichtungen, keine Arbeit, Vergnügen und Qualitätszeit. Paarzeit. Familienzeit.

Mal die Last der Verantwortung teilen oder sogar für einen Moment abgeben können.

Haha. Ich lach dann später.

Vermissen

Nichts fasse ich an, ich werde nichts tun. Vielleicht morgen, so Gott mir einen Mann erspart, der am Abend nach der Arbeit alles wegräumt, weil er das Chaos nicht ertragen kann. Mein Chaos.

Meine wirren Gedanken zu Flucht und einem eigenen Leben und Affen und Klopapier und Fruchtzwergen auf dem Flurboden. Wer weiß es schon so genau, wo das Ich aufhört und das Außen anfängt.

Wohnraum als Metapher der inneren Ordnung. Aufräumen als Selbstgeißelung. Bis es blutet. Aber warum ist es wichtiger, sich um das Geschirr als um mich zu kümmern? Mich kann man im Gegensatz zur Wäsche auf dem Fußboden anscheinend in meiner Verzweiflung einfach liegenlassen. So sehr scheine ich in meinem Schmerz zumindest nicht den geregelten Tagesablauf zu stören.

Und ich lese Texte von genervten Müttern, die alle ihr Schicksal beklagen und sich Kinder- und Babyklappen herbeisehnen und ein Leben als Single und ohne Verpflichtung und nicke geistig ununterbrochen mein Hohelied der Verzweiflung, bis der unsägliche Teil kommt, in dem das Kind abends zuckersüß murmelt: Ich hab dich lieb, Mami.
Und alles ist wieder rosa.

Vielleicht ist das die wahre Lüge. Liebe und Zahnpastaschnuten reichen nicht. Nicht hier. Nicht für mich. Nicht mehr. Die Freiheit schreit lautstark nach Befriedigung und die pure Lust pulsiert durch mein Gehirn allein bei dem Gedanken, nicht zurückzublicken.
ur weitergehen. Lauf, Jane, lauf.

Rosa Zuckerwatte klebt nicht alles fest. Ich bin schon in der Phase mit dem Waschlappen und der Seife.

Ich will mein Baby zurück.