Lebendigkeit

Ich weiß es doch eigentlich besser.

Es ist ganz allein meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich mich nicht der Gefahr aussetze, in einem Umfeld zu leben, in dem ich ständig unter Strom stehe und in 100% der Zeit wachsam sein muss, weil sonst meine Grenzen überschritten werden.

Ich wusste, dass ich mich weder auf Versprechen noch Beteuerungen verlassen kann und ich hätte wissen müssen, dass es irgendwann passiert, dass alles in mir kippt.

Und bei Gott, hat sich das gut angefühlt. Endlich echtes Gefühl, endlich Resonanz, endlich Präsenz.

Nie wieder! skandiert die eine Seite in mir.
Mehr! brüllt die andere.

Tiefpunkt

Dachte ich doch die gesamte vergangene Woche, der Tiefpunkt wäre erreicht, setzt das Wochenende noch mal mühelos einen drauf. Oder besser – drunter.

Egaler als jetzt kann mein Leben wohl nicht werden.

Der mentale Kreis [ad absurdum]

Wenn der Wunsch nach Veränderung in der Theorie verweilt, dann wird aus Reflexion sehr schnell Selbstbetrug.

Intellektualisierung ist vielleicht unsere größte Stärke, um Verhaltensweisen zu überdenken, ohne Aktion aber gleichzeitig nicht mehr als ein klassischer Abwehrmechanismus, um Gefühle, Unsicherheiten und Ängste durch Planung, Erklärung oder Handlungskonzepte einfach totzudenken.

Der Kopf arbeitet, damit weder Gefühl noch Körperlichkeit zugelassen werden müssen.

Denken ist Distanz, Handlung ist Verbindlichkeit und damit Risiko für jeden, der Nähe und Verletzlichkeit als potentielle Gefahr erlebt.

Das Perfide daran ist, dass unser eigener Geist uns vorgaukelt, so reflektiert, reif und mutig zu sein, denn wir beschäftigen uns ja den ganzen Tag mit diesen Gedanken und laufen nicht vor ihnen davon.

Dabei tun wir genau dies. Wir verstecken uns hinter Einsichten, die wir nicht verkörpern, sondern auf einer leblosen Denkebene archivieren und nennen das dann Weiterentwicklung. Ständige Recherche, Listen mit Plänen, Umarbeiten von Themen, wiederholte Diskussionen ein und desselben Themas sorgen dauerhaft für ein Gefühl echter Bewegung, ohne jemals die Unsicherheit von realem Handeln ertragen zu müssen, denn jede Veränderung ist gleichzeitig Kontrollverlust und Kontrolle ist alles, was man noch hat.

Wer wäre ich also, dieses Konzept anzugreifen, wenn der Strohhalm namens Kontrolle der einzige Schild ist, der einem Menschen im illusorischen Wahn, sich damit vor emotionalem Schmerz schützen zu können, bleibt?

Denken als neutraler Zwischenraum, in dem Nähe theoretisch überlegt werden kann, sich aber niemand wirklich näher kommt.

Ich darf mich diesem Versteckspiel verweigern.

Last Christmas

Zauber der Weihnacht…

Was die Weihnachtszeit für mich so besonders macht, sind die Menschen um mich herum. Menschen, die den Gedanken und die Vorstellung von dieser Zeit im Jahr mit mir teilen.

Die es warm und gemütlich mögen, die Kekse backen oder verzieren oder essen wollen, die aufgeregt sind, den Baum zu schmücken, die sich daran erfreuen, dass überall Weihnachtsdekoration herumsteht und hängt und aktiv und zugewandt mit mir diese Zeit begehen wollen. Wenn alle aufgeregt sind, die Geschichte aus dem Adventskalenderbuch vom Tannenbaum Immergrün zu hören.

Wenn jemand für mich die großen Lichterketten aufhängt, weil alle wissen, wie sehr ich dieses Licht im Haus ab Anfang November brauche. Wenn man mir einen neuen Anhänger für den Baum schenkt, den man selbst ausgesucht oder gebastelt hat, so wie die unzähligen, die ich schon habe, die mir alle die Geschichte von Freundschaft und Liebe erzählen.

Pakete und Päckchen und Briefe und Postkarten, die hier den ganzen Dezember über eintrudeln. Wenn wir gemeinsam überlegen, wer welches große Adventsonntagsessen kocht, was es zu Heiligabend gibt, was wir an den Weihnachtsfeiertagen essen wollen.

Ich liebe es, an Heiligabend mit der Familie in die Kirche zu gehen, ich genieße es so sehr, inmitten von anderen Menschen dort zu sitzen, zu singen, zu beten, die Weihnachtsgeschichte zu hören und in dieser festlichen Stimmung nach Hause zu kommen, wo man zusammensitzt und dankbar dafür ist, von seinen Liebsten umgeben zu sein.

Sollte ich irgendwann merken, dass dies von den wichtigsten Menschen in meinem Leben nicht mehr mitgetragen wird, wird das mein letztes Weihnachten.

Bedeutungslosigkeit

Wenn man in seinem Leben doch nur diese Handvoll Menschen überhaupt erreicht hat – wenn überhaupt – und wenn der Unterschied, den man gemacht hat, so verschwindend gering war, dass das Leben auch ohne mich seinen Weg gefunden hätte, welche Bedeutung habe ich dann überhaupt? Wenn alles Interesse an mir in meiner Funktion begründet liegt, wenn all mein Wirken mit meinem Rückzug nicht nur in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, sondern auch in seiner bloßen Existenz fraglich würde, warum sollte ich dann auch nur noch einen einzigen Schritt in eine Zukunft machen, die nach Erfahrungswerten mit der Vergangenheit und den Menschen darin nichts anderes erwarten lässt als weiteren Schmerz, weitere Enttäuschung, weitere Lügen und weiteren Verrat? Wenn ich mich nun aus diesem Hamsterrad befreie, in wie vielen Stunden, Tagen werde ich vergessen sein? Die Gewissheit, dass ich in Wochen oder Monaten selbst für Menschen, die nun behaupten, ich sei für ihre Leben wertvoll und wichtig, nur noch eine dieser vagen Erinnerungen sein werde, die einem wie nicht aussprechbare Worte hinten auf der Zunge liegen und dann beim Finden einer Umschreibung einfach in Vergessenheit versinken, macht mein Leben so unwichtig wie wertlos. Und im nächsten Schritt muss man vielleicht erkennen, welch Freiheit in diesen Erkenntnissen liegt. Mit welcher Kompromisslosigkeit sie einen Menschen von den Ketten des Richtigseins, Richtigtuns und Richtiglebens befreit. Wenn die Vorstellung von einem Vermächtnis so übermächtig wurde, dass man vergisst, dass dieses Leben vielleicht nur dazu dient, hedonistisch alles mitzunehmen, was es einem anbietet. Wo Begriffe wie Moral oder Ethik nur denen dienen, die sich ihrer ohnehin widersetzen, ist die beständige Predigt von Tugenden doch die schärfste Waffe derjenigen, die sich selber unmoralisch und skrupellos nehmen, was sie wollen. Und in Abwesenheit einer Hölle bleibt dieses Verhalten ohnehin ungestraft, ungesühnt. Davon fantasieren nur die, die denken, dass wir als die Krone der Schöpfung, als Gottes Meisterwerk in irgendeiner Form fürs angepasste Brav sein belohnt werden.

Werden wir aber nicht.

Gewalt

Ich habe mich Zeit meines Lebens als gewalttätigen und aggressiven Menschen beschrieben, weil Wut so sehr zu meiner Natur gehört, dass es mir ohne sie kaum möglich ist zu atmen.

Ich lerne jetzt erst, dass meine Wut nie dazu da war, irgendjemanden oder irgendetwas zu vernichten. Sie war immer nur dafür gedacht, mich selbst zu schützen, weil es nie einen Menschen gab, der das getan hat.

Meine Wut verschiebt sich gerade von Waffe zu Kraft, zeigt mir ihr volles Potential von Schutz statt Zerstörung.

Wie ein Raubtier richtet sie sich auf, endlich bereit, gnadenlos all meine Grenzen zu verteidigen, weil ich meinen Wert nicht mehr davon abhängig mache, für andere Menschen zu funktionieren.

Ich will nicht mehr als Regulativ gebraucht werden. Ich will gesehen, geliebt, umworben und wertgeschätzt werden.

Um meiner selbst willen.

Grenzen überschreiten

Wenn man nachhaltig seine Grenzen kommuniziert hat und sie wiederholt überschritten werden – was bleibt einem dann noch? Wenn man den Tag morgens schon weinend beginnen muss, weil das „Ich kann es besser und ich entscheide, dass deine Grenzen nichts wert sind“ dieser Person nur noch mehr Chaos und noch mehr Arbeit bringt?

Verzweiflung, Wut und immer wieder die Frage: Wie hoch muss ich die Mauer denn bauen, damit meine Grenze endlich respektiert wird?

Wie laut muss ich werden, wie viel Wut muss ich generieren, wie weit muss ich mich entfernen?

Ich nähere mich mit riesigen Schritten dem Punkt, an dem ich alle Brücken hinter mir nur noch niederbrennen will.

Gegenwehr

Ich will nicht vernünftig sein. Ich will nicht zuhören, ich will nicht verstehen, ich will nicht einsehen, ich will nicht reden, ich will nicht mehr diskutieren, ich will ganz umfassend keine Worte mehr hören, die für mich kein Gewicht mehr besitzen.

Ich kann alles nachvollziehen. Ich habe Verständnis. Ich habe Mitgefühl. Ich verstehe die Gründe. Ich fühle all das. Aber es ändert nichts mehr.

Und die Wahl, derer ich so lange durch Lügen und Täuschung beraubt wurde, traf ich vor zwei Monaten. Weil das tatsächlich endlich meine Entscheidung war.

Es war alles so unnötig.

So nah, so fern

Wir waren so nah dran. So dicht.

An diesem unaushaltbaren Zustand, verletzlich sein zu dürfen, ohne in einen Ausweg zu flüchten.

Die Nähe, die Intimität, die echte Verletzlichkeit gebiert, ist mit nichts zu vergleichen. Sie ist so roh wie zart.

Bis du den Schleier wieder senkst und dich verweigerst, weil du nicht aushalten kannst, was dir nie gestattet wurde. Zu verboten sind die Früchte, zu bittersüß um sie genießen zu können. Das Paradies war für keinen von uns jemals Eines. Zu früh enttäuscht, verlassen, verstoßen, ungeliebt in unseren Nöten und Bedürfnissen die nie passten für die, die sie hätten erfüllen müssen.

Vielleicht treffen wir uns in einen anderen Leben genau dort, wo es dir heute zu weh tut, mit mir zu sein.