Zwei Jahre

Nächsten Monat jährt sich der Tag, an dem ich in diesem Zimmer kniete, neben einer weinenden 82jährigen, die ihren Sohn und ihre Schwiegertochter anflehte, bei ihr zu bleiben, zum zweiten Mal. Es ist der Tag, an dem ich meine Eltern das letzte Mal gesehen und gehört habe.

Rückblickend ist es einer der wichtigsten Tage meines Lebens. Der innere und äußere Abschied eine meiner besten Entscheidungen, wenngleich sich dies erst im Laufe der Zeit herausgestellt hat. Ich habe meine Mutter angesehen. Und was ich früher als Kind immer schlecht aushalten konnte, traf mich an diesem Tag mit diesem Blick vorbereitet. Sie ließ ihre Maske fallen und ich sah den ganzen ungefilterten Hass, den sie mir entgegenbrachte.

So viel war in den Tagen und Wochen zuvor geschehen, dass sie ihre normale Maske aus unverbindlicher Überheblichkeit nicht mehr oben halten konnte. Der Hass war immer schon da. Eine meiner frühesten Erinnerungen.

Mein Vater folgte ihr stumm, wie schon so häufig.

Das ist die letzte Erinnerung an meine Eltern. Brennender Hass und Verachtung auf der einen und stumme Ergebenheit und Gleichgültigkeit auf der anderen Seite. Mein Vater war immer anders grausam. An diesem letzten Tag allerdings nicht. Er hat geweint, Stunden vorher. Das zweite Mal in meinem Leben, das ich seine Tränen sah. Vor Erleichterung über den Tod eines anderen Menschen. Ich frage mich, ob ich bei ihrem Tod auch irgendwann weinen werde, vor Erleichterung. Oder ob es einfach egal sein wird, weil die Wunden längst vernarbt sind.

Der schwärende Eiter brach immer nur im Kontakt mit ihnen hervor. Zwei Jahre sind eine lange Zeit zum Reinigen. Sie sind geschlossen, die Wunden. Und ich habe gelernt, dass auch Blutsbande gelöst werden können und müssen, wenn sie zu zerstörerisch sind.
Es geht mir gut. Und das ist mehr, als ich jemals erhofft hatte.

Manchmal erlaube ich dem Kind in mir einen wehmütigen Rückblick.
Trauer, Schmerz. Tränen um all das, was hätte sein können und anscheinend nicht sein durfte.
Und ich kann akzeptieren, dass ich meinen Eltern wünsche, dass sie ihr Glück und ihren Frieden gefunden haben.

Einfach, weil ich sie mal geliebt habe

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