Gedankenmüde
verantwortungsmüde
sinnleer Es sind diese Momente, in denen man sich fragt, warum die Welt nicht einfach mal einen Moment stillstehen kann. Nur einen Moment.
Einen Augenblick nur.
Einen Wimpernschlag…
Es sind bittere Tränen, die da ungeweint bleiben.
Wut kriecht tief aus meinem Bauch herauf und macht mich unfähig, bewegungslos, hilflos.
So müde.
Monat: Mai 2011
Regenbogen
Hallo Tod, murmle ich müde in Gedanken, während ich mich heute Morgen aus dem Bett quäle. Warum ist der eigentlich immer da? Und war er früher nicht da oder habe ich ihn nur nicht gesehen? Ich muss irrwitzigerweise an die Thestrale aus Harry Potter denken und überlege, ob man den Tod vielleicht nur als ständigen Begleiter sehen kann, wenn man einmal in seinem Leben an einem Punkt war, an dem man ihm in die Augen sehen musste.
Ich weiß es nicht. Vielleicht will man ihn auch einfach nur vorher nicht wahrnehmen.
Er hat für mich in vielerlei Hinsicht seinen Schrecken verloren. Ich versuche nicht mehr, ihn aus meinem Leben zu prügeln und das erleichtert.
Es ist nicht schön, ihn dabei zu haben, aber es ist okay. Wozu gegen die Existenz des Todes kämpfen, wenn man diese Energie ins Leben stecken kann?
Beides – Leben und Tod existiert immer nebeneinander. „Warum bist du nicht in der Schule?“, fragt unser Kinderkardiologe meine große Tochter liebevoll und ich atme tief ein. Kann ich sie alleine lassen damit?
Ich neige nicht dazu, für meine Kinder zu antworten, aber in diesem Moment möchte ich meine Flügel über sie ausbreiten und die Welt ausschließen.
„Ich mag heute nicht.“, antwortet sie leise, hält aber seinem Blick stand. „Meine Freundin ist gestorben.“
Er blickt mich erschrocken an und ich sehe ihn an. Der Tod verändert die Menschen, sobald man ihn nur beim Namen nennt. Es ist eine unglaubliche Macht, die er besitzt und die die meisten Menschen in ihren Bann zieht. Ich bin müde.
Das Tochterkind kuschelt sich an das Baby in meinem Bauch und erzählt ihm leise Dinge, während das Herz meiner Motte mal wieder eingehend untersucht wird und der Kardiologe mit ihr plänkelt.
Wir verabschieden uns nach einer Stunde, herzlich, bis zum nächsten Mal. Es regnet.
Auf dem Rückweg beschließe ich, noch mit meinen Töchtern spazieren zu gehen. Wir nehmen unsere Regenschirme, kaufen uns ein Eis in der Eisdiele und treten in den strömenden Regen.
Ich denke an die Familie, die mit einem Sarg und einem toten Kind in ein 2000km entferntes Land fliegt, um es nach Hause zu bringen und fühle, wie die Hilflosigkeit mich übermannt.
Unwillkürlich fange ich an, leise Somewhere over the Rainbow zu singen und sehe in die lachenden Gesichter meiner Töchter, die durch den Regen tanzen und springen.
Ich denke an die Menschen, die mir im Herzen verbunden sind und drehe mich um.
Über dem Fluss leuchtet ein intensiv gefärbter Regenbogen.
Ich lächle.
Wut im Bauch
Ich bin wütend. Wütend auf die Welt, wütend auf mich selber. Vor allem auf mich selber.
Dass ich so sehr an meiner eigenen Hilflosigkeit scheitere, Souveränität zu bewahren. Ich irre in dieser sowie in der geistigen Welt herum, hilflos, planlos, richtungslos… und finde keinen Anfang, keinen Punkt, keinen Ansatz, den ich einfach packen und mich daran langarbeiten kann.
Es gibt für diese Dinge keine Richtschnur. Keinen Masterplan.
Und da ich nicht von betäubendem Schmerz sondern diesmal allein von unendlicher Hilflosigkeit resultierend aus in mir kreisendem Mitgefühl und gebundenen Händen gezeichnet bin, stoße ich an eine Grenze, die ich so nicht kenne.
Tobias
Ich liebe dich.
Noch immer genauso und auch ganz anders als vor sechs Jahren.
Als wir unter diesem Sternenhimmel standen und uns das erste Mal gesehen und wenig später das erste Mal geküsst haben, da war ich dir schon mit allem verfallen, was ich habe.
Vor sechs Jahren kam ich mit einem zweieinhalbjährigen schüchternen Mädchen zu dir, das keinen Vater kannte. Du hast dich nicht irriteren lassen, als sie anfing, dich Papa zu nennen. Du warst seit dieser Zeit jeden Tag ein fester Bestandteil ihres Lebens. Sie vertraut dir, sie liebt dich. Unser Band, das so eng und fest war, ist durch die Beziehung zu dir nicht verschwunden, wohl aber elastischer geworden. Du hast hart gekämpft, bis ich dir Verantwortung für sie zugestanden habe und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Für mich und für sie.
Vor fünf Jahren und 10 Tagen wurde der Kobold in deine Hände geboren. Ich sehe dich, wenn ich ihn ansehe – und ich sehe uns. Ich liebe dieses Wesen, das ich in dieser unsicheren und auch oft schmerzhaften Zeit ausgetragen habe. Ich liebe seine Vorliebe für rosa und lila und dass er Kleider anzieht und Prinzessin werden will und ich liebe dein sanftes Lächeln, wenn er in seinem Feen-Ballettanzug leise singend an uns vorbeischwebt. Dass er auch nach fünf Jahren noch immer Nacht für Nacht zwischen uns liegt – liegen darf. Wohl behütet neben und auch gerne auf dir. Und ich weiß, dass du oft deswegen fluchst, dass aber nie zur Debatte steht, ihn anders anzunehmen als er eben ist. Unser Kobold.
Vor vier Jahren hatten wir bereits ein Baby verloren, das du auch auf deinen Händen hieltest. Du hattest mich monatelang getragen, gezogen und auch geschubst, wenn ich nicht mehr weiterleben wollte oder konnte. Ich danke dir dafür, dass du mich wieder ins Leben zurückgeholt hast auch wenn es so verdammt weh getan hat.
Heute vor vier Jahren standen wir vor einem Standesbeamten, der dich fragte, ob du mich heiraten willst und du sagtest: Moment bitte… und bist weggegangen. Um unseren Kobold einzufangen, der gerade laufen lernte und mit Hilfe einer mannshohen Palme im Rollcontainer hinter dem armen verdutzten Mann her rollte und versuchte, aus dem Standesamt zu flüchten. Wir haben darum gebeten, den Zusatz „bis dass der Tod euch scheidet“ wegzulassen, weil er das nicht tun würde und wird.
Unser Ja ist kein Jaja.
Vor drei Jahren war ich hochschwanger mit unserer Motte, die vier Tage später zur Welt kommen sollte. Mitten in der Nacht, bei Sturm und Gewitter. Dieses Kind, das seinem Namen alle Ehre macht. Reißend wie ein Strom, unbändig wie eine Naturgewalt, wild wie ein Krieger und sanft wie eine schnurrende Katze. Sie lehrt uns das Leben noch einmal neu, wir vergöttern beide unsere Tochter und ich sehe in deinem Blick dieselbe Liebe, die auch ich empfinde. Drei Jahre nun begleiten wir sie schon und es ist wundervoll, wie verliebt du in sie bist. Du hast einen Narren an ihr gefressen und diese bedingungslose nachsichtige Vaterliebe ist ein unglaublich großes Geschenk für sie wie für mich.
Vor zwei Jahren und 8 Tagen standst du neben mir, als ich die Urne meines Großvaters trug. Auch vorher schon, als ich neben seinem toten Körper stand, ihn umarmt und gestreichelt habe. Als ich um Zeit alleine mit ihm gebeten habe. Du hast unsere Kinder an der Hand gehabt und warst einfach da. Im Aufbahrungsraum, auf dem Friedhof, vorher, hinterher, ganz allumfassend. Wir hatten Wochen vorher ein zweites Baby verloren und sollten einige Monate später ein weiteres Kind verlieren.
Doch vorher würden wir noch zwei Wochen lang unseren Hund beim Sterben begleiten. Jeden Tag sind wir auf den Berg gefahren, hast du ihn zum Schluss auf diese Wiese getragen, weil wir wollten, dass er in der freien Natur sterben darf. Lange hat er gekämpft, bis er schlussendlich auf deinem Arm starb.
Wir waren alle am Ende unserer Kräfte. Wir haben in diesem Jahr nicht sehr viel geredet. Wir standen Seite an Seite, manchmal auch Rücken an Rücken, uns immer berührend, aber wir hatten keine Kraft mehr, irgendetwas anderes zu tun als irgendwie weiter zu machen.
Vor einem Jahr fingen wir wieder an, Pläne zu machen. Leise, sachte. Vorsichtig, als wäre ein Übermaß an Enthusiasmus nicht angemessen und vielleicht wäre es das auch nicht gewesen. Als wir wieder anfingen, miteinander zu sprechen, stellten wir fest, dass wir so eng zusammengewachsen waren, dass viele Probleme gar nicht existent waren. Ich wurde schwanger. Und hatte eine Fehlgeburt.
Und dieses Mal gingen wir weiter.
Wir sprachen über ein Leben ohne weitere Kinder. Drei ist eine gute Zahl. Ist sie immer noch. Die Monate gingen ins Land, während derer die Sicherheit wuchs, dass es vielleicht einfach gut so ist, wie es ist. Der Abschied von unserem Traum war nicht leicht. Es tat weh und ich habe viele Tränen deswegen vergossen. Aber es war ein ruhiges Jahr und das tat uns gut.
Heute Abend endet das sechste Jahr.
Morgen beginnt das Siebte.
Ich trage unseren zweiten Sohn unter dem Herzen.
Unser siebtes Kind.
Ich liebe dich.
Kinderkardiologie
Morgen Vormittag wieder. Und diesmal kommt das erste Mal beim Kobold ein Bewusstsein dafür hinzu, was dort eigentlich gemacht wird. Ich bete seit einer Woche unseren Tagesablauf für morgen herunter, so wie ich das mit jedem Termin machen muss, der den geregelten Alltag unseres Sohnes unterbricht, einfach weil… naja, weil er eben der Kobold ist. Nicht einfach, sehr speziell, aber eben unser Kobold.
„Aber Mami-Mausi? Was ist denn, wenn nicht alles in Ordnung ist?“
Ich stutze. In 9 Jahren Kinderkardiologie mit inzwischen 3 Kindern ist das eine Frage, mit der ich eigentlich hätte rechnen müssen, es aber nicht getan habe. Das große Kind ist niemals ängstlich in diese Untersuchungen gegangen, auch nicht, als alle drei Monate aufs Neue über seinen Kopf hinweg über Operationen entschieden wurde. Und so erwischt es mich doch einigermaßen kalt.
Was meinst du, Spätzchen?
„Na wenn was Schlimmes im Herzen ist.“
Es zieht in meinem Bauch. Ich sehe seinen besorgten Blick, sehe meinen Sohn, für den es immer so wichtig ist, alles unter Kontrolle zu haben, dass alles nach Plan gemacht wird und auch nicht einen Millimeter von der gewohnten Vorgehensweise abweicht. Ich kann ihm nicht sagen, dass nichts ist. Ich kann einfach nicht. Dazu ist der Herzfehler nicht irrelevant genug.
Dann sprechen wir erst mal mit Dr.Böhle, antworte ich. Und dann gehen wir erst mal wieder nach Hause.
Ich sehe die große Träne, die er hastig wegwischt. „Ich muss aber nicht alleine dableiben, oder?“
Ich schüttle den Kopf und ziehe diesen wunderbaren zarten Kobold an mich. Ganz klein wird er für einen Moment, ganz mein Baby von früher.
Du bleibst nicht alleine da. Und wenn wir irgendwohin müssen, dann komme ich immer mit dir mit.
Er schmiegt sich an mich, hält mich ganz fest umklammert, bis ich merke, dass seine Anspannung sich löst.
Die zweijährige Motte, die manchmal so viel größer ist als der große Bruder, steht leise daneben und flüstert ihm zu: „Und wenn der Arzt doof ist, dann hau ich ihm was auf die Glocke!“
Ich lächle leise in mich hinein, verzichte auf pädagogische Ansprachen und sehe zu, wie die beiden raufend im Flur verschwinden.
Diese Termine sind nun mal Teil unseres Lebens und es wäre müßig, sie sich wegzuwünschen, weil es nun mal dazugehört.
Aber manchmal… manchmal könnte ich gut darauf verzichten.
Sehnsüchte
Ich habe lange Jahre gesagt: Wer einmal ein Kind geboren hat, braucht keinen Nervenkitzel mehr… Inzwischen weicht dieses Statement einer gewissen Unruhe, die in mir herumschwirrt und nach neuen Herausforderungen im Leben sucht. Vielleicht ist es auch der Abschied von unserem Traum, der wirklichen Großfamilie.
Meine große Tochter wird 9 im Herbst, wenn das Baby geboren wird. In 9 Jahren vier Kinder – irgendwie… ist das ein großer Abstand. Ich möchte nicht mit einem Nachzügler schwanger sein, wenn das Tochterkind in der Pubertät ist. Mein Fehler war wohl, das Schwangersein als irrelevant zu betrachten. Ich will nach der Geburt nicht noch einmal auf diese Odyssee gehen, die wir bereits hinter uns haben. Niemand hat eine Garantie auf lebende Kinder.
Ich werde 33 Jahre alt und ich bin müde, meinen Körper und meine Seele mutwillig herauszufordern.
Und auf der anderen Seite erwacht in mir die alte Sehnsucht nach Grenzgängen, die damals so brutal getötet wurde.
Damals… Es ist so lange her… alles.
Ringen
Dankbar für eine normale Aufgabe nehme ich den Auftrag des Mottenkindes an, ihr genauso eine Tasche zu nähen, wie der Kobold und das Tochterkind haben.
Doch die Gedanken kreisen. Sie wandern ein paar Straßen weiter, wo dieses Kind liegt. Und wieder zu mir zurück, zu meinen eigenen Ängsten, meinem Wollen und meinem Ringen mit dem gefühlten Nicht-Können.
Ich bekomme hier keine Bestätigung, keine Absicherung, dass mein Tun richtig ist. Sie ist dazu nicht in der Lage und mein Gefühl sagt Ja, wo der Kopf Trugbild schreit. Tue ich das Richtige? Ich weiß es nicht. Springe ich über meinen Schatten und gebe meinem Bauchgefühl nach und fahre wieder hin, bin da…? Oder verharre ich hier in Angst und Gedankengängen, die ebenso falsch wie richtig sein könnten?
Ein Kind liegt im Sterben und ich weiß einfach nicht, was das Richtige ist. Ich spüre die Hingabe der Mutter, wie sie in meinen Armen liegt, sich anlehnt, nur für einen Moment. Spüre die Dankbarkeit für die Zeit, in der wir sprechen. Dankbarkeit für meine Anwesenheit. Und ich spüre Liebe. Meine wie ihre gleichermaßen. Aber wo ist die Grenze? Wo ist gut gemeint das Gegenteil von gut gemacht? Wo ist die Grenze in dieser Beziehung?
Hier greift keine Richtlinie, keine Norm, keine Erfahrung. Und ich schwebe unsicher in Gedanken hin und her, kann nichts greifen, das mir Sicherheit bieten könnte.
Angst
Ich hasse es, wenn die Menschen mich ansehen, fragend, und Angst haben, mit mir in einen Dialog zu treten.
Angst vor mir oder Angst vor dem, was sie in sich selber erkennen würden, wenn sie mit mir reden?
Geliebter Schmetterling, [Anne]
wie oft habe ich „Angel“ von Sarah McLachlan gehört, wenn wir geschrieben haben. Als ich weinte, ganz zu Anfang und du mir zugelächelt hast, so kurz nur und doch so lange, dass es für ein Leben reichte…
„Du bist nicht allein…“, hast du geflüstert. Ich bin dir verfallen, habe mich verliebt, vergessen… Und weinte vor Dankbarkeit und Demut, einen Seelenzwilling gefunden zu haben.
Jeder Tag. Jede Stunde. Jeder Gedanke galt dir.
Mein Leben, mein Atmen, mein Herzschlag.
Nie habe ich einen Gleichen mehr geliebt als dich.
Ich verstehe mittlerweile so Vieles, was damals passiert ist. Vieles ist nicht mehr wichtig. Vieles schmerzt heute in der Einsamkeit mehr als im glühendem Hass des Verrats.
Ich werde dir nie vergeben. Aber ich werde dich auch nie vergessen.
Ich wünschte… ich wünschte, du wärst noch da.
Ich wünschte, es hätte dich wirklich gegeben.
Zahnfleisch mit Zuckerguss
Ich habe an die 200 Muffins verziert und die Kinder gebeten, leiser Spaß zu haben.
Ich glaube, ich bin bereit für die Klapse.
Jetzt deftiger Eintopf nach 35 Löffeln „Ich-probier-nur-ein-bisschen-Teig“.