„Warum hat Gott uns diese Last zu tragen gegeben?“, fragte sie leise…
Es erscheint manchmal alles so sinnlos.
„Warum hat Gott uns diese Last zu tragen gegeben?“, fragte sie leise…
Es erscheint manchmal alles so sinnlos.
Der Tumor drückt inzwischen auf das Sprachzentrum. Keine Worte mehr möglich, keine Laute, nichts mehr.
Und umso kostbarer war das sehr angestrengte tiefe Seufzen, direkt aus ihrer Seele, gefolgt von einem winzigen Lächeln, das so viel Kraft gekostet haben muss, dass sie – das Einhorn, das meine Tochter ihr schenkte, fest umklammert – noch während unseres Besuchs wieder einschlief.
Kräftesammeln. Das Tochterkind ist stumm, nachdenklich. Nicht ängstlich, nur unsicher.
Ich bin erschöpft. Von meinem Ringen vorher, hinzufahren oder nicht und von dem Einlassen auf den Tod. Und von dem direkten seelischen Kontakt mit dieser wunderbaren Frau, die ihre Tochter auf ihrem letzten Weg so aufrecht begleitet.
Übermorgen wieder.
Das Kind ist wie erwartet das leistungsstärkste der Klasse. So wenig Sympathien ich der Lehrerin auf menschlicher Seite entgegenbringe, so sehr gehe ich mit ihrer Unterrichts- und Lernauffassung konform und auch mit der Art, wie sie der großen Tochter gegenübertritt.
Die Schlurigkeit und Bummelei des Kindes sowie seine Arroganz, Dinge nur einmal kurz zu überfliegen, damit sie im Gehirn bleiben, werden sich ihrer Meinung nach spätestens dann legen, wenn es merkt, dass das Tempo und die Anforderungen anziehen. Und so lassen wir sie das letzte Jahr nun einfach noch mal das sein, was sie ist.
Ein kleines Kind mit Spaß an Träumerei, einer lebhaften Fantasie und einem großen Gehirn, das die Schule zum Glück ohne weiteres nebenher bewältigt.
Sollte es diesmal wieder so einfach sein, einen Namen zu finden?
Mit demselben unumstößlichen Wissen wie damals bei der Motte hat unser Sohn nun schon seinen ersten Vornamen.
Genauso ausgefallen und mit derselben bestimmten lächelnden Sicherheit.
Ja. Das ist er.
Es sind Begegnungen wie jene gestern, die mich fast an meiner Arroganz verzweifeln lassen. Es sind nette Menschen, die Beiden. Jene Eltern des Jungen, den der Kobold auch sehr nett findet. Über eine Stunde haben wir gesprochen und ich frage mich, ob ich mir genug Mühe gegeben habe, etwas in ihnen zu finden, das mich ehrlich interessiert.
Sie gehören zu der typischen Sorte Mensch, die freigiebig mit Informationen persönlicher Natur ist, jenseits jeder Scham und geleitet von Sensationslust und selbstverliebtem Geltungsbedarf. Sie hören sich beide gerne reden, fragen nichts. Und so war auch das Verhältnis im Gespräch. Sich sonnend in meinen, unseren Fragen, selbstverliebt, geltungssüchtig…
Ich habe meine Maske aufgelassen. Aus Feigheit? Aus Arroganz? Aus Vernunft? Es erschließt sich mir manchmal nicht.
Vielleicht waren sie einfach auch nur unwichtig. Auf nette Weise völlig unwichtig.
Ich knabbere daran, Begegnungen dieser Art nicht mehr abgewinnen zu können.
Was weiß ich schon, was diese Menschen bewegt…
Kinderarzt Kind2 (Hören, Sehen, Impfen, Schreiben)
Kinderarzt Kind3 (Hören, Sehen, Malen, dumme Spiele)
Kardiologe Kind2 (wiegen, messen, 30 Sonden, Panikanfälle und Glitsche am Brustkorb)
Kardiologe Kind3 (wiegen, messen, 30 Sonden, Glitsche überall)
Hebamme (wiegen, messen, in einen Becher pinkeln, tasten, horchen, reden)
Frauenarzt (wiegen, messen, in einen Becher pinkeln, Blutabnehmen, untersuchen)
Krankenhaus Pränataldiagnostik (wiegen, messen, eine Stunde bewegungslos auf dem Rücken liegen und danach eventuell mit dem Kardiologen aus Punkt 3 und 4 über ein 4. Kind mit Herzfehler sprechen, aber hey, nicht in einen Becher pinkeln)
Geburtstag Kind2 (Panik, Party, Kuchen und Geschenke)
Party Kind2 (ein Halleluja dafür, dass die Nachbarn unter uns letzte Woche ausgezogen sind)
Geburtstag Kind3 (zwei Luftballons, eine Torte und eine Barbie, mehr braucht es nicht)
Elternsprechtag Schule Kind1 (haha. Ich versuche, niemanden zu verletzen)
Elternsprechtag KiGa Kind2 (siehe vorheriger Punkt)
Elternnachmittag KiGa Kind2 (ja, ein Nachmittag mit drei Kindern, von denen eines mir heißen Kaffee – den ich nicht mag – über den Schoß schüttet, weil das ein „Muttertagsnachmittag mit Kaffeetrinken“ ist, ist unglaublich entspannend und sehr im Sinne eines Muttertagsgeschenks)
Und dabei dauermüde.
Schwangerschaften sind einfach nichts für mich.
20. Woche.
Halbzeit.
Handelt es sich um Staatsfeinde, wandelt sich dieser Grundsatz gerne mal zu Auge um Auge…
Kopfschüttelnd halte ich inne und frage mich, was das für ein Frieden sein soll, der mit Gewalt erzwungen wird.
Wie primitiv sie sind, in ihrem Jubel.
Der Weg ist noch weit.
Es schaudert mich jedes Mal, wenn ich diese Zahl in meinem Mutterpass lese. Schwangerschaft: 9
Geburten: 3
Jeder Tag, der vergeht, bringt mich näher an mein Ziel. Geplant war früher so vieles. So jung und so unbeschwert. 5 gemeinsame Kinder wollten wir haben. Auf jeden Fall. Und wir waren ja noch jung. Und dann, dann kam alles anders. Leben kann man nicht planen. Den Tod auch nicht. Und doch muss man ihn einplanen, ob man will oder nicht.
5 Kinder. Kein Problem, dachte ich. Die Schwangerschaften waren alle nicht schön, sehr schwierig und grenzwertig für mich, aber man muss eben auch in Vorleistung treten, wenn es darum geht, Träume zu verwirklichen.
Dass das Leben andere Pläne für uns bereithalten sollte, davon wollte ich nichts wissen.
Ich habe in den vergangenen Jahren auf die harte Tour gelernt, was Dankbarkeit heißt. Dankbarkeit für ausgetragene Schwangerschaften. Für lebende Kinder. Für das Leben mit Kindern.
Jeder Tag, der vergeht, den ich mein neuntes Baby spüre, tief in meinem Bauch, unter meinem Herzen, so groß schon und doch noch so winzig, macht mich demütiger. Wir sind auf eine Totgeburt vorbereitet. Seltsam, das, mit lebendem Baby im Bauch. Und doch hat das Leben uns gelehrt, auch den Tod in unsere Vorbereitungen mit einzubeziehen.
Ich wünsche mir nicht Gesundheit, nicht Unversehrtheit, nicht mal Leben, wenngleich die Hoffnung stark ist. Aber zu wünschen, zu rechnen, erscheint mir vermessen.
Tief im Herzen weiß ich, dass dies meine letzte Schwangerschaft sein wird.
Der Körper, das Herz und die Seele haben viel ertragen, die letzten Jahre. Gelitten, geweint.
Diesen unseren Traum von damals, als wir noch planten und träumten, kann ich gehen lassen.
Hoch war der Preis, den wir gezahlt haben. Und dann wieder doch nicht. Unendlich die Liebe, die wir dabei erfahren haben. Unerschöpflich groß die Kraft, die wir einander gegeben haben.
Und doch.
Ein Kind wird mein Körper noch gebären. So oder so.
Und es wird gut sein.