Tobias

Ich liebe dich.

Noch immer genauso und auch ganz anders als vor sechs Jahren.

Als wir unter diesem Sternenhimmel standen und uns das erste Mal gesehen und wenig später das erste Mal geküsst haben, da war ich dir schon mit allem verfallen, was ich habe.
Vor sechs Jahren kam ich mit einem zweieinhalbjährigen schüchternen Mädchen zu dir, das keinen Vater kannte. Du hast dich nicht irriteren lassen, als sie anfing, dich Papa zu nennen. Du warst seit dieser Zeit jeden Tag ein fester Bestandteil ihres Lebens. Sie vertraut dir, sie liebt dich. Unser Band, das so eng und fest war, ist durch die Beziehung zu dir nicht verschwunden, wohl aber elastischer geworden. Du hast hart gekämpft, bis ich dir Verantwortung für sie zugestanden habe und das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Für mich und für sie.

Vor fünf Jahren und 10 Tagen wurde der Kobold in deine Hände geboren. Ich sehe dich, wenn ich ihn ansehe – und ich sehe uns. Ich liebe dieses Wesen, das ich in dieser unsicheren und auch oft schmerzhaften Zeit ausgetragen habe. Ich liebe seine Vorliebe für rosa und lila und dass er Kleider anzieht und Prinzessin werden will und ich liebe dein sanftes Lächeln, wenn er in seinem Feen-Ballettanzug leise singend an uns vorbeischwebt. Dass er auch nach fünf Jahren noch immer Nacht für Nacht zwischen uns liegt – liegen darf. Wohl behütet neben und auch gerne auf dir. Und ich weiß, dass du oft deswegen fluchst, dass aber nie zur Debatte steht, ihn anders anzunehmen als er eben ist. Unser Kobold.

Vor vier Jahren hatten wir bereits ein Baby verloren, das du auch auf deinen Händen hieltest. Du hattest mich monatelang getragen, gezogen und auch geschubst, wenn ich nicht mehr weiterleben wollte oder konnte. Ich danke dir dafür, dass du mich wieder ins Leben zurückgeholt hast auch wenn es so verdammt weh getan hat.

Heute vor vier Jahren standen wir vor einem Standesbeamten, der dich fragte, ob du mich heiraten willst und du sagtest: Moment bitte… und bist weggegangen. Um unseren Kobold einzufangen, der gerade laufen lernte und mit Hilfe einer mannshohen Palme im Rollcontainer hinter dem armen verdutzten Mann her rollte und versuchte, aus dem Standesamt zu flüchten. Wir haben darum gebeten, den Zusatz „bis dass der Tod euch scheidet“ wegzulassen, weil er das nicht tun würde und wird.

Unser Ja ist kein Jaja.

Vor drei Jahren war ich hochschwanger mit unserer Motte, die vier Tage später zur Welt kommen sollte. Mitten in der Nacht, bei Sturm und Gewitter. Dieses Kind, das seinem Namen alle Ehre macht. Reißend wie ein Strom, unbändig wie eine Naturgewalt, wild wie ein Krieger und sanft wie eine schnurrende Katze. Sie lehrt uns das Leben noch einmal neu, wir vergöttern beide unsere Tochter und ich sehe in deinem Blick dieselbe Liebe, die auch ich empfinde. Drei Jahre nun begleiten wir sie schon und es ist wundervoll, wie verliebt du in sie bist. Du hast einen Narren an ihr gefressen und diese bedingungslose nachsichtige Vaterliebe ist ein unglaublich großes Geschenk für sie wie für mich.

Vor zwei Jahren und 8 Tagen standst du neben mir, als ich die Urne meines Großvaters trug. Auch vorher schon, als ich neben seinem toten Körper stand, ihn umarmt und gestreichelt habe. Als ich um Zeit alleine mit ihm gebeten habe. Du hast unsere Kinder an der Hand gehabt und warst einfach da. Im Aufbahrungsraum, auf dem Friedhof, vorher, hinterher, ganz allumfassend. Wir hatten Wochen vorher ein zweites Baby verloren und sollten einige Monate später ein weiteres Kind verlieren.

Doch vorher würden wir noch zwei Wochen lang unseren Hund beim Sterben begleiten. Jeden Tag sind wir auf den Berg gefahren, hast du ihn zum Schluss auf diese Wiese getragen, weil wir wollten, dass er in der freien Natur sterben darf. Lange hat er gekämpft, bis er schlussendlich auf deinem Arm starb.


Wir waren alle am Ende unserer Kräfte. Wir haben in diesem Jahr nicht sehr viel geredet. Wir standen Seite an Seite, manchmal auch Rücken an Rücken, uns immer berührend, aber wir hatten keine Kraft mehr, irgendetwas anderes zu tun als irgendwie weiter zu machen.


Vor einem Jahr fingen wir wieder an, Pläne zu machen. Leise, sachte. Vorsichtig, als wäre ein Übermaß an Enthusiasmus nicht angemessen und vielleicht wäre es das auch nicht gewesen. Als wir wieder anfingen, miteinander zu sprechen, stellten wir fest, dass wir so eng zusammengewachsen waren, dass viele Probleme gar nicht existent waren. Ich wurde schwanger. Und hatte eine Fehlgeburt.
Und dieses Mal gingen wir weiter.

Wir sprachen über ein Leben ohne weitere Kinder. Drei ist eine gute Zahl. Ist sie immer noch. Die Monate gingen ins Land, während derer die Sicherheit wuchs, dass es vielleicht einfach gut so ist, wie es ist. Der Abschied von unserem Traum war nicht leicht. Es tat weh und ich habe viele Tränen deswegen vergossen. Aber es war ein ruhiges Jahr und das tat uns gut.
Heute Abend endet das sechste Jahr.

Morgen beginnt das Siebte.
Ich trage unseren zweiten Sohn unter dem Herzen.

Unser siebtes Kind.
Ich liebe dich.

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