Kind, armes

Eigentlich ist es keine große Sache, denke ich, als ich der Erzieherin zur Erinnerung noch einmal mitteile, dass mein Sohn auf gar keinen Fall wie die anderen Kinder sein Oberteil ausziehen darf, weil die Zellen der Haut seiner rechten Bauchhälfte nun mal kein Pigment enthalten und auch nicht bilden können.
Denn das hatte ich ja eigentlich zusammen mit den Daten für den Herzfehler schon auf die Formulare geschrieben.
Und ich erinnere mich mit Grausen an den total verblüfften Gesichtsausdruck der Erzieherin Anfang des Jahres, als sie mein Gespräch über Endokarditisprophylaxe mit einer anderen Mutter, die den gleichen Kardiologen besucht wie wir, mithörte und verstört fragte, ob mein Sohn herzkrank sei.
Nein, ist er nicht. Er hat nur ein Loch im Herzen, wo keins sein sollte. Das steht auf Ihrem Scheiß-Notfall-Blatt, das man dreimal im Jahr ausfüllen muss. Ich frage mich langsam, ob diese Notfallblätter direkt nach der Abgabe ins Altpapier kommen.
Ich erinnere mich an völlig sinn- und fruchtlose Gespräche, in denen ich inständig darum bitte, meinen Sohn bitte auf gar keinen Fall am Klettern oder Toben zu hindern oder ihn zu ermahnen, langsamer zu machen. Nur bei tiefen Wunden einfach sofort anrufen, damit unser Kinderarzt entscheiden kann: Antibiotika ja oder nein. Mehr nicht.
Und eigentlich will ich ja nur noch einmal kurz daran erinnern, dass der Kobold trotz Sonnencreme immer ein Unterhemd anbehält, damit die pigmentfreie Haut nicht sofort verbrennt.

Ich sehe in große verstörte Bambiaugen einer Frau, die gut und gerne 10 Jahre älter ist als ich und mehr als 20 Jahre Erzieherin ist. „Oh Gott, was hat das arme Kind denn noch alles…?“ Ich rechne fast damit, dass ihr Tränen in die Augen treten, warte auf dramatische Musik und sehe etwas irritiert zu meinem mopsfidelen Sohn, der bereits in seiner Gruppe seine beste Freundin begrüßt.
„Was meinen Sie?“ Ich blinzle.
„Die offenen Stellen auf der Haut… die schlimme Herzkrankheit… und nun auch noch sowas… Was ist denn das? Ist er sowas wie ein Albino?“
Ich schließe für zwei Nanosekunden die Augen und bete um Hirn, eine Keule, Geduld…, was auch immer zuerst verfügbar ist. Nein. Das Kind mit den blauen Augen und den hellbraunen Haaren ist definitiv kein Albino, gute Frau. Bitte einfach nur das Oberteil anlassen. Einfach nur das.
Sie versichert mir, das in seiner Akte zu vermerken (Notfall-Blatt? Hallo?) und beim Wasserspielen darauf zu achten, dass er nicht wie die anderen Kinder sein Oberteil auszieht.
Danke.
Ich scheuche meine Töchter Richtung Ausgang und sehe noch, wie Bambiauge und zwei weitere Erzieherinnen mit mitleidigem Blick auf meinen Sohn sehen, leicht den Kopf schütteln und sich seufzend mit jeweils einer Tasse Kaffee auf ihre Stühle sinken lassen.

Zwei Tage später bekomme ich dasselbe Notfallblatt in die Hand gedrückt, das ich schon an die 10 Mal ausgefüllt habe, versuche, nicht loszubrüllen, rotze mit meinem Stift  drei Worte drauf: Neurodermitits, Ventrikelseptumdefekt, Vitiligo und reiche es mit kühlem Blick zurück.
Bambi atmet hörbar ein und wieder aus und sagt: „Oh, das klingt aber sehr schlimm medizinisch. Das arme Kind.“

Ich bin im falschen Film.
Nur noch ein Jahr.

Das schaffe ich jetzt auch noch.

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